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Der kleine Lord: Wie entstand die Geschichte und warum ist sie ein Weihnachtsfilm?

Belvoir Castle in England mit Türmen und Zinnen, davor ein Weg und eine Rasenfläche

Die kurze Antwort

„Der kleine Lord“ ist ein Kinderbuch der englisch-amerikanischen Schriftstellerin Frances Hodgson Burnett. Es erschien 1886 und erzählt von dem siebenjährigen Cedric aus New York, der plötzlich erfährt, dass er der Erbe eines reichen Grafen in England ist. Burnett schrieb die Geschichte über ihren jüngeren Sohn Vivian. Eine wahre Begebenheit ist sie nicht. Eine Weihnachtsgeschichte war sie auch nicht: Im Buch kommt Weihnachten gar nicht vor. Erst der Film von 1980 endet mit einem Weihnachtsfest. Die ARD zeigte ihn zum ersten Mal am 26. Dezember 1982 und seitdem jedes Jahr, meist am letzten Freitag vor Heiligabend.

Belvoir Castle in England mit Türmen und Zinnen, davor ein Weg und eine Rasenfläche
Belvoir Castle in der englischen Grafschaft Leicestershire. Im Film von 1980 ist es das Schloss Dorincourt, in dem der Großvater von Cedric wohnt. Foto: Nancy, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Ein Junge mit blonden Locken in einem schwarzen Samtanzug, ein grimmiger alter Mann im Sessel und ein riesiges Schloss: Für viele Familien in Deutschland gehört „Der kleine Lord“ fest zur Vorweihnachtszeit. Jedes Jahr schauen Millionen Menschen den Film im Fernsehen an. Dabei ist die Geschichte schon 140 Jahre alt. Wer hat sie geschrieben und warum? Wer war das Vorbild für Cedric? Und wie wurde aus einem Buch, das im Sommer spielt, der bekannteste Weihnachtsfilm im deutschen Fernsehen?

Worum geht es in „Der kleine Lord“?

„Der kleine Lord“ erzählt von einem armen Jungen aus New York, der der Erbe eines englischen Grafen wird und mit seiner Freundlichkeit seinen hartherzigen Großvater verändert.

Cedric Errol (ausgesprochen „SED-rick ÄR-rel“) lebt mit seiner Mutter in einer kleinen Wohnung in New York. Sein Vater ist gestorben, als Cedric noch sehr klein war. Cedric nennt seine Mutter „Dearest“ (ausgesprochen „DIE-rest“), das bedeutet „Liebste“. In der deutschen Übersetzung heißt sie „Herzlieb“. Die beiden haben wenig Geld, aber Cedric ist ein fröhliches Kind. Seine besten Freunde sind der Kaufmann Mr. Hobbs, der einen kleinen Laden an der Ecke hat, und der Schuhputzer Dick.

Eines Tages kommt ein Rechtsanwalt aus England, Mr. Havisham (ausgesprochen „HÄW-wi-schem“). Er bringt eine Nachricht: Cedrics Großvater ist der Earl (ausgesprochen „ÖRL“) von Dorincourt (ausgesprochen „DOR-in-kort“). Ein Earl ist ein englischer Adliger, im Deutschen entspricht das ungefähr einem Grafen. Der Earl hatte drei Söhne. Die beiden älteren sind gestorben, und auch der jüngste, Cedrics Vater, lebt nicht mehr. Deshalb ist Cedric jetzt der einzige Erbe. Eines Tages soll er selbst Earl werden, ein Schloss, viel Land und ein großes Vermögen bekommen.

Warum darf die Mutter nicht ins Schloss?

Der Earl war wütend, als sein jüngster Sohn eine arme Amerikanerin heiratete. Er hatte deshalb nie wieder mit ihm gesprochen. Cedric holt er nur nach England, weil er einen Erben braucht. Die Mutter darf nicht im Schloss wohnen. Sie bekommt ein kleines Haus in der Nähe, und Cedric darf sie dort besuchen. Sie sagt Cedric nicht, dass der Großvater sie nicht leiden kann, damit Cedric seinen Großvater nicht deshalb ablehnt.

Wie verändert Cedric seinen Großvater?

Der Earl ist ein alter, mürrischer Mann. Er hat schlimme Gicht. Das ist eine Krankheit, bei der die Gelenke anschwellen und sehr wehtun, besonders an den Füßen. Er kümmert sich nicht um die Menschen, die auf seinem Land leben, und alle haben Angst vor ihm. Cedric aber hat keine Angst. Er hält seinen Großvater für einen guten Menschen und sagt ihm das auch. Er bittet ihn zum Beispiel, einem armen Bauern zu helfen, der seine Miete nicht zahlen kann. Der Earl tut es, weil er Cedric nicht enttäuschen will. So wird er mit der Zeit freundlicher, und er gewinnt seinen Enkel sehr lieb.

Wer ist die falsche Erbin?

Dann taucht eine Frau namens Minna auf. Sie behauptet, sie sei mit dem ältesten Sohn des Earls verheiratet gewesen. Ihr Sohn Tom sei deshalb der richtige Erbe und nicht Cedric. Der Earl ist verzweifelt. In New York liest Dick die Geschichte in der Zeitung und erkennt Minna auf einem Bild. Sie ist in Wirklichkeit die Frau seines älteren Bruders Ben, und Tom ist Bens Sohn. Dick und Mr. Hobbs reisen nach England und beweisen, dass Minna gelogen hat.

Wie endet die Geschichte?

Cedric bleibt der Erbe. Der Earl entschuldigt sich bei Cedrics Mutter und holt sie zu sich ins Schloss. Im Buch endet die Geschichte mit einem großen Fest zu Cedrics achtem Geburtstag, zu dem alle Bauern und Pächter eingeladen sind. Ein Pächter ist jemand, der Land von einem Besitzer nutzt und dafür Geld bezahlt. Mr. Hobbs gefällt es in England so gut, dass er dort bleibt und einen Laden im Dorf eröffnet.

Wer sind die wichtigsten Figuren?

Die wichtigsten Figuren sind Cedric, seine Mutter, sein Großvater und Cedrics Freunde aus New York.

FigurWer ist das?
Cedric Errol, Lord Fauntleroyein siebenjähriger Junge aus New York, Erbe des Earls
Mrs. Errol, „Dearest“ oder „Herzlieb“Cedrics Mutter, eine Witwe aus Amerika
Earl von DorincourtCedrics Großvater, ein reicher und mürrischer Adliger in England
Mr. Havishamder Rechtsanwalt des Earls, der Cedric nach England holt
Mr. HobbsKaufmann in New York und Cedrics Freund, mag keine Adligen
Dick TiptonSchuhputzer in New York und Cedrics Freund
Minnaeine Frau, die behauptet, ihr Sohn sei der richtige Erbe
Ben TiptonDicks älterer Bruder und in Wirklichkeit Minnas Mann
Lady Lorridailedie Schwester des Earls
Dougalder große Hund des Earls, der sich mit Cedric anfreundet

Was bedeutet „Lord Fauntleroy“?

„Lord Fauntleroy“ (ausgesprochen „lord FOHNT-le-reu“) ist der Titel, den der Erbe des Earls von Dorincourt trägt. Der Name ist ausgedacht.

In England haben Adlige feste Titel. Der Erbe eines Earls trägt oft schon zu Lebzeiten seines Vaters oder Großvaters einen eigenen Titel. Man nennt das einen Höflichkeitstitel. Er zeigt allen, dass dieser Mensch einmal den höheren Titel bekommen wird. Sobald Cedric der Erbe ist, heißt er deshalb nicht mehr nur Cedric Errol, sondern Lord Fauntleroy. Der englische Originaltitel des Buches lautet „Little Lord Fauntleroy“, also „Der kleine Lord Fauntleroy“. Im Deutschen hat man den schwierigen Namen weggelassen.

Wer hat „Der kleine Lord“ geschrieben?

„Der kleine Lord“ wurde von Frances Hodgson Burnett (ausgesprochen „FRAN-ses HODSCH-sen bör-NETT“) geschrieben. Sie lebte von 1849 bis 1924 und war Engländerin und Amerikanerin zugleich.

Schwarz-weißes Foto der Schriftstellerin Frances Hodgson Burnett mit hochgestecktem Haar und Perlenkette
Frances Hodgson Burnett auf einem Foto aus dem 19. Jahrhundert. Sie schrieb „Der kleine Lord“ in Washington. Foto: Herbert Rose Barraud (1845-1896), gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Frances Hodgson kam am 24. November 1849 in Manchester (ausgesprochen „MÄN-tsches-ter“) in England zur Welt. Ihr Vater verkaufte Eisenwaren und starb schon 1853. Danach hatte die Familie wenig Geld. Als Frances 15 Jahre alt war, wanderte die Familie im Jahr 1865 nach Amerika aus. Sie zog in den Bundesstaat Tennessee (ausgesprochen „ten-ne-SSIE“) in die Nähe der Stadt Knoxville (ausgesprochen „NOCKS-wil“), wo ein Onkel lebte. Dort waren sie sehr arm.

Warum hat Frances Hodgson Burnett geschrieben?

Frances Hodgson Burnett schrieb zuerst, um Geld für ihre Familie zu verdienen. Sie hatte sich schon als Kind gern Geschichten ausgedacht. Um Papier und Briefmarken kaufen zu können, sammelte sie in Tennessee wilde Weintrauben und verkaufte sie. Im Jahr 1868, mit 18 Jahren, schickte sie eine Geschichte an eine Zeitschrift für Frauen. In ihrem Brief schrieb sie ganz offen, dass sie damit Geld verdienen wolle. Die Zeitschrift druckte die Geschichte und bezahlte sie. Danach schrieb Frances viele weitere Geschichten und Romane und verdiente bald das meiste Geld für ihre Familie.

1873 heiratete sie den Arzt Swan Burnett (ausgesprochen „SSWONN bör-NETT“). Die beiden bekamen zwei Söhne: Lionel (ausgesprochen „LEI-e-nel“) im Jahr 1874 und Vivian (ausgesprochen „WI-wi-en“) im Jahr 1876. Die Familie lebte in Washington, der Hauptstadt der USA. Dort schrieb Frances Hodgson Burnett „Der kleine Lord“. Es war ihr erstes Buch für Kinder. Später schrieb sie noch weitere berühmte Kinderbücher, zum Beispiel „Sara, die kleine Prinzessin“ und „Der geheime Garten“. Sie starb am 29. Oktober 1924 in Plandome bei New York.

Wie ist die Geschichte entstanden?

Die Geschichte ist aus einer Frage entstanden, die Burnetts siebenjähriger Sohn Vivian ihr im Jahr 1884 gestellt hatte: „Wenn jemand ein Herzog ist, was macht ihn dazu? Was hat er getan?“ Über diese Frage dachte Burnett nach, und daraus wurde die Idee für das Buch.

Ein Herzog ist ein Adliger mit einem der höchsten Titel in England, noch über einem Earl. Vivian dachte offenbar, dass man Herzog wird, weil man etwas Besonderes geleistet hat oder besonders gut und klug ist. Er wusste nicht, dass man diesen Titel in England einfach von seinem Vater oder Großvater erbt. Dass Vivian so dachte, hatte einen Grund: Er war ein begeisterter kleiner Amerikaner. In den USA wurde im Jahr 1884 gerade ein neuer Präsident gewählt, also das Staatsoberhaupt des Landes, und Vivian verfolgte diese Wahl mit großem Interesse. In Amerika bekommt man ein hohes Amt, weil man gewählt wird, und nicht, weil man es erbt.

Burnett hatte in diesem Sommer viel Zeit, ihre Söhne zu beobachten, denn sie erholte sich gerade von einer langen Krankheit. Wie aus Vivians Frage die Geschichte wurde, hat sie einige Jahre später selbst in einem Text mit dem Titel „Wie Fauntleroy entstand“ aufgeschrieben.

Welche Idee hatte Frances Hodgson Burnett?

Burnett stellte sich vor, wie Vivian sich wohl benehmen würde, wenn er einen echten englischen Adligen treffen würde. Sie war sicher, dass er ihn genauso freundlich und offen behandeln würde wie alle anderen Menschen. Da beschloss sie: Sie schreibt eine Geschichte über Vivian. Sie wollte ihn in eine Welt setzen, die ganz neu für ihn ist, und zeigen, was er dort tut. Der Junge in der Geschichte sollte genau Vivian sein, mit seinen Locken, seinen Augen und seiner freundlichen Art. Zuerst nannte sie ihn „Little Lord Irgendwas“. Einen Tag später hatte sie den Namen Fauntleroy gefunden.

Burnett schrieb später, eine solche Geschichte sei leicht zu schreiben gewesen, denn zum Teil habe sie sie jeden Tag vor ihren Augen gesehen. Während sie schrieb, las sie ihren Söhnen Vivian und Lionel vor. Als die falsche Erbin Minna in der Geschichte auftauchte, wurden die beiden Jungen ganz blass. Sie riefen: „Oh, Liebste, warum hast du das gemacht?“ Sie hatten Angst, dass Cedric seinen Großvater verliert.

Beruht „Der kleine Lord“ auf einer wahren Begebenheit?

Nein, die Geschichte ist erfunden. Es gab keinen echten Jungen aus New York, der Erbe eines Earls wurde, und auch kein Schloss Dorincourt. Echt ist aber das Vorbild für Cedric: Burnetts Sohn Vivian.

Vieles an Cedric hat Burnett von Vivian übernommen. Vivian war freundlich zu allen Menschen und redete mit Erwachsenen wie mit Freunden. Er nannte seine Mutter „Dearest“, genau wie Cedric im Buch. Auch Vivians Begeisterung für Amerika steckt in Cedric: Als er erfährt, dass er Earl werden soll, sagt er zu seiner Mutter, er wäre lieber kein Earl. Später sagt er, er würde gern Präsident werden.

Burnett selbst betonte aber, dass Cedric kein genaues Abbild von Vivian sei. Vivian war ein ganz normales Kind. Mit 16 Jahren hatte er kurze braune Haare und spielte Football.

Was hat die Geschichte mit Burnetts eigenem Leben zu tun?

Burnett kannte beide Welten, die im Buch vorkommen, aus ihrem eigenen Leben. Sie war in England geboren und als Jugendliche nach Amerika gezogen. Cedric macht den umgekehrten Weg: Er ist in Amerika groß geworden und kommt nach England. Burnett wusste deshalb, wie verschieden das Leben in beiden Ländern war. In England bestimmte damals die Herkunft, ob man reich und mächtig war. In Amerika konnten auch Kinder armer Eltern viel erreichen, so wie Burnett selbst.

Wann ist „Der kleine Lord“ erschienen?

„Der kleine Lord“ erschien zuerst in Fortsetzungen in einer Kinderzeitschrift und im Jahr 1886 als Buch.

Von November 1885 bis Oktober 1886 wurde die Geschichte Stück für Stück in der amerikanischen Kinderzeitschrift „St. Nicholas“ (ausgesprochen „ßeint NICK-o-les“) gedruckt. Jeden Monat erschien ein neues Kapitel. Noch 1886 kam sie als Buch heraus, in New York beim Verlag Charles Scribner’s Sons (ausgesprochen „TSCHARLS SKRIB-ners SANS“) und kurz darauf auch in London.

Die erste deutsche Übersetzung erschien 1888 im Verlag J. Engelhorn in Stuttgart. Übersetzt hat sie Emmy Becher. Von ihr stammt auch der deutsche Titel „Der kleine Lord“. Die ursprüngliche Handschrift von Burnett liegt heute in der Bibliothek der Princeton-Universität (ausgesprochen „PRINN-ßten“) in den USA.

Warum war das Buch so erfolgreich?

Das Buch war sofort ein großer Erfolg, weil es eine spannende Geschichte mit einem Jungen erzählt, den Kinder und Erwachsene gleichermaßen mochten. Es wurde Hunderttausende Male verkauft und in viele Sprachen übersetzt.

Viele Leserinnen und Leser freuten sich daran, wie ein Kind einen strengen alten Mann zu einem besseren Menschen macht. Für Amerikaner war es außerdem lustig zu lesen, wie ein kleiner Junge aus New York die englischen Adligen durcheinanderbringt. Die Zeichnungen im Buch machten Cedric zusätzlich berühmt.

Zeichnung aus dem Buch von 1886: Cedric steht mit einem großen Hund vor dem alten Earl, der im Sessel sitzt
Die erste Zeichnung im Buch von 1886, gezeichnet von Reginald Birch. Cedric steht vor seinem Großvater und sagt: „Bist du der Earl? Ich bin dein Enkel, ich bin Lord Fauntleroy.“ Zeichnung: Reginald B. Birch, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Was ist ein Fauntleroy-Anzug?

Ein Fauntleroy-Anzug ist ein Kinderanzug aus schwarzem Samt mit einem großen weißen Spitzenkragen und einer breiten Schärpe um den Bauch. Er ist nach dem kleinen Lord benannt. Die Bilder im Buch zeichnete Reginald Birch (ausgesprochen „REDSCH-i-nald BÖRTSCH“). Für seine Bilder war Vivian das Vorbild. Burnett hatte für Vivian zwei solche Anzüge aus Samt, Spitze und Seide nähen lassen. Als Vorbild dienten unter anderem alte Gemälde, zum Beispiel das Bild „The Blue Boy“ (ausgesprochen „ße BLUU BEU“), auf Deutsch „Der blaue Junge“, von dem englischen Maler Thomas Gainsborough (ausgesprochen „TOM-mes GEINS-bö-ro“).

Gemälde eines Jungen in einem blauen Seidenanzug mit Spitzenkragen, der einen Hut in der Hand hält
Das Gemälde „The Blue Boy“ von Thomas Gainsborough aus der Zeit um 1770. Es war eines der Vorbilder für den Samtanzug von Vivian und damit für den Anzug des kleinen Lords. Gemälde: Thomas Gainsborough, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Nach dem Erscheinen des Buches wollten viele Mütter in Amerika und Europa, dass ihre Söhne so aussehen wie Cedric. Sie ließen ihnen Samtanzüge mit Spitzenkragen nähen und die Haare zu langen Locken wachsen. Viele Jungen fanden das schrecklich, weil andere Kinder sie damit aufzogen. Als die Filme von 1921 und 1936 ins Kino kamen, wurde der Anzug noch einmal Mode. Auch im Film von 1980 trägt Cedric einen schwarzen Samtanzug mit Spitzenkragen.

Gab es „Der kleine Lord“ auch als Theaterstück?

Ja, schon im Jahr 1888 gab es zwei Theaterstücke nach dem Buch: eines, das ohne Erlaubnis geschrieben wurde, und eines von Frances Hodgson Burnett selbst.

Im Februar 1888 brachte ein Mann namens E. V. Seebohm (ausgesprochen „SIE-boom“) in London ein Theaterstück mit dem Titel „Little Lord Fauntleroy“ auf die Bühne. Burnett hatte ihm nicht erlaubt, ihr Buch dafür zu benutzen. Seebohm hatte trotzdem große Teile der Gespräche, die Namen der Figuren und die ganze Handlung übernommen. Burnett zog deshalb vor Gericht und gewann. Damit war geklärt, dass ein Schriftsteller in England mitentscheiden darf, wer aus seinem Roman ein Theaterstück macht. Dieses Recht nennt man Urheberrecht. Es schützt Bücher, Bilder, Musik und andere Werke vor dem Kopieren.

Wer spielte den kleinen Lord auf der Bühne?

Burnett schrieb danach selbst ein Theaterstück aus ihrem Buch. Es wurde ab Mai 1888 in London gespielt und ab Dezember 1888 auch in New York. In New York spielte ein Mädchen den kleinen Lord: die siebenjährige Elsie Leslie (ausgesprochen „ELL-ßi LESS-li“). Das Stück war sehr erfolgreich und wurde in vielen Städten aufgeführt.

Wie oft wurde „Der kleine Lord“ verfilmt?

„Der kleine Lord“ wurde mehrfach für das Kino und das Fernsehen verfilmt. Die bekanntesten Fassungen stammen aus den Jahren 1921, 1936 und 1980.

JahrLandWas ist besonders?
1914Großbritannienein früher Stummfilm, also ein Film ohne Ton
1921USAStummfilm mit dem amerikanischen Filmstar Mary Pickford (ausgesprochen „MÄ-ri PICK-ferd“) als Cedric
1936USATonfilm mit Freddie Bartholomew als Cedric
1962DeutschlandFernsehfilm, zum ersten Mal am 24. Dezember 1962 in der ARD gezeigt
1980Großbritannien und USAFernsehfilm mit Ricky Schroder und Alec Guinness, der Film, der in Deutschland jedes Jahr läuft

Was ist besonders am Film von 1936?

Der Film von 1936 war der erste Film der neuen Filmfirma von David O. Selznick (ausgesprochen „DEI-wid O SELLS-nick“). Diese Firma drehte später auch den berühmten Film „Vom Winde verweht“. Regie führte John Cromwell (ausgesprochen „DSCHONN KROMM-well“). Cedric spielte Freddie Bartholomew (ausgesprochen „FRED-di bar-TOL-o-mju“), der damals einer der bekanntesten Kinderstars in Hollywood war.

Wer hat den Film von 1980 gemacht?

Den Film von 1980 hat der amerikanische Produzent Norman Rosemont (ausgesprochen „NOR-men ROHS-mont“) für das amerikanische Fernsehen gemacht. Regie führte der britische Regisseur Jack Gold (ausgesprochen „DSCHÄCK GOLD“).

Ein Produzent ist jemand, der einen Film plant, das Geld dafür besorgt und die Mitarbeiter auswählt. Norman Rosemont drehte damals mehrere berühmte Romane als Fernsehfilme. Für den kleinen Lord wollte er unbedingt einen amerikanischen Jungen als Cedric, denn Cedric ist im Buch ja Amerikaner. Er wählte Ricky Schroder (ausgesprochen „RICK-ki SCHROO-der“), der 1979 durch einen Kinofilm bekannt geworden war.

Der Film lief zum ersten Mal am 25. November 1980 im amerikanischen Fernsehsender CBS (ausgesprochen „SSIE-BIE-ESS“). In Großbritannien kam er im Dezember 1980 ins Kino. Oft liest man, die BBC habe den Film als Weihnachtsprogramm gedreht. Das stimmt nicht: Der Film war eine Produktion für das amerikanische Fernsehen. Er gewann 1981 einen Emmy, das ist der wichtigste Fernsehpreis der USA, für die besonders schönen Bilder der Kamera.

Wer spielt im Film „Der kleine Lord“ mit?

Im Film von 1980 spielt Ricky Schroder den kleinen Lord und Alec Guinness (ausgesprochen „Ä-lek GINN-ness“) den Earl von Dorincourt.

RolleSchauspielerin oder Schauspieler
Cedric Errol, Lord FauntleroyRicky Schroder
Earl von DorincourtAlec Guinness
Mrs. Errol, Cedrics MutterConnie Booth (ausgesprochen „KONN-ni BUUTH“)
Mr. HavishamEric Porter
Mr. HobbsColin Blakely
DickRolf Saxon
Lady LorradaileRachel Kempson
MinnaKate Harper
Wilkins, der StallmeisterPatrick Stewart (ausgesprochen „PÄT-rick STJU-ert“)
ein OffizierBill Nighy (ausgesprochen „BILL NEI-i“)

Ricky Schroder war bei den Dreharbeiten im Sommer 1980 zehn Jahre alt. Alec Guinness war damals schon einer der berühmtesten Schauspieler Englands. Viele kennen ihn aus „Star Wars“, wo er den Jedi-Meister Obi-Wan Kenobi spielt. Er starb im Jahr 2000.

Welche bekannten Schauspieler sind noch dabei?

In zwei kleinen Rollen sind Schauspieler zu sehen, die später sehr berühmt wurden. Patrick Stewart spielt Wilkins, den Stallmeister, der Cedric das Reiten beibringt. Er wurde später als Captain Picard in der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert“ und als Professor X in den „X-Men“-Filmen bekannt. Bill Nighy hat eine kurze Rolle als Offizier, der die junge Lady Grace begleitet. Er spielte später zum Beispiel in den „Fluch der Karibik“-Filmen.

Wo wurde „Der kleine Lord“ gedreht?

Der Film von 1980 wurde in England gedreht, vor allem am Schloss Belvoir Castle (ausgesprochen „BIE-wer KAA-ßel“), im Dorf Exton und in einem Filmstudio bei London. Die Szenen in New York wurden nicht in Amerika gedreht, sondern ebenfalls in England.

Belvoir Castle

Belvoir Castle ist im Film das Schloss Dorincourt, in dem der Earl wohnt. Es liegt in der Grafschaft Leicestershire (ausgesprochen „LESS-ter-scher“) in Mittelengland auf einem Hügel. Das Schloss gehört seit Jahrhunderten der Familie der Herzöge von Rutland (ausgesprochen „RATT-lend“), die dort bis heute wohnt. Gefilmt wurden dort die Außenaufnahmen: die Ankunft von Cedric, die Gärten, der Hof und die Ausritte über das Land. Belvoir Castle war später auch in anderen Filmen und Serien zu sehen, zum Beispiel in „The Crown“, einer Serie über die englische Königin.

Exton

Im kleinen Dorf Exton (ausgesprochen „ECKS-ten“) in der Grafschaft Rutland entstanden die Dorfszenen. Hier wurde zum Beispiel gefilmt, wie Cedric einem kranken Jungen Krücken schenkt. In der Kirche St. Peter und St. Paul von Exton besucht Cedric mit seinem Großvater den Sonntagsgottesdienst.

Steinkirche mit spitzem Turm in Exton, davor ein Friedhof mit Grabsteinen
Die Kirche St. Peter und St. Paul in Exton. Hier geht Cedric im Film mit dem Earl zum ersten Mal in die Kirche. Foto: Jules & Jenny, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Harlaxton Manor und Shepperton Studios

Das Torhaus, durch das Cedric zum Schloss fährt, gehört in Wirklichkeit zu einem anderen Herrenhaus in der Nähe, Harlaxton Manor (ausgesprochen „har-LÄCKS-ten MÄ-ner“). Die Räume im Inneren des Schlosses wurden nicht in Belvoir Castle gedreht, sondern in einem Filmstudio, den Shepperton Studios (ausgesprochen „SCHEP-per-ten STJU-di-os“) bei London. Dort baute man auch die Straße in New York nach, in der Cedric mit seiner Mutter wohnt.

Was ist im Film anders als im Buch?

Der Film folgt im Großen und Ganzen dem Buch. Er hat aber ein anderes Ende, Cedric ist etwas älter, und einiges aus dem Buch fehlt.

Im Buch ist Cedric sieben Jahre alt, im Film ungefähr acht. Einige Szenen und Figuren aus dem Buch fehlen, weil ein Film weniger Zeit hat als ein Buch. Dafür gibt es im Film mehr Szenen, in denen Cedric und sein Großvater gemeinsam etwas unternehmen. Das neue Ende des Films wird im nächsten Abschnitt erklärt.

Welche Fehler gibt es im Film?

Im Film sind ein paar Dinge zu sehen, die nicht zur Zeit der Handlung passen. Eine Zeitung im Film trägt das Datum 24. Januar 1872. Im Vorspann sieht man aber die Brooklyn Bridge und die Freiheitsstatue in New York. Die Brücke wurde erst 1883 fertig, die Freiheitsstatue erst 1886. Solche Fehler nennt man Filmfehler. Viele Zuschauer suchen jedes Jahr wieder danach.

Wie wurde „Der kleine Lord“ zum Weihnachtsfilm?

Durch ein neues Ende im Film von 1980 und durch die ARD.

War das Buch als Weihnachtsgeschichte gedacht?

Nein. Im Buch kommt Weihnachten nicht ein einziges Mal vor. Die Geschichte beginnt an einem heißen Sommertag in New York. Cedric hat mit Freunden Soldaten gespielt und ist ganz verschwitzt, als er nach Hause kommt. Auch in England ist Sommer, als Cedric dort ankommt. Bei seinem Geburtstag am Ende sagt Cedric, er hätte gern am 4. Juli Geburtstag gehabt. Das ist der Nationalfeiertag der USA, er liegt mitten im Sommer.

Wer hat Weihnachten in den Film gebracht?

Die Drehbuchautorin Blanche Hanalis (ausgesprochen „BLANSCH ha-NA-lis“) änderte das Ende. Statt der Geburtstagsfeier gibt es im Film ein großes Weihnachtsfest in der Halle des Schlosses. Dazu singen alle englische Weihnachtslieder, zum Beispiel „Hark, the Herald Angels Sing“ (ausgesprochen „HAARK ße HÄ-reld ÄIN-dschels SING“), auf Deutsch ungefähr „Hört, die Engel singen“, und „We Wish You a Merry Christmas“ (ausgesprochen „WIE WISCH JU e MÄ-ri KRIS-mes“), auf Deutsch „Wir wünschen euch frohe Weihnachten“.

Seit wann ist der Film in Deutschland ein Weihnachtsfilm?

Die ARD zeigte den Film mit deutscher Synchronisation zum ersten Mal am Sonntag, dem 26. Dezember 1982, dem zweiten Weihnachtsfeiertag. Eine Synchronisation ist eine Fassung, bei der deutsche Sprecher die Sätze der Schauspieler auf Deutsch neu sprechen. Die Zuschauer mochten den Film so sehr, dass er von da an jedes Jahr in der Weihnachtszeit lief, seit vielen Jahren meist am letzten Freitag vor Heiligabend um 20.15 Uhr im Ersten.

Im Jahr 1996 sahen 8,34 Millionen Menschen den Film. Danach hatte einige Jahre lang der Privatsender Sat.1 die Rechte und zeigte ihn. Seit 2001 läuft er wieder in der ARD. Im Dezember 2025 schauten ihn im Ersten 4,22 Millionen Menschen an. Viele Eltern, die ihn als Kinder gesehen haben, schauen ihn heute mit ihren eigenen Kindern.

Ist der Film auch in anderen Ländern ein Weihnachtsfilm?

Nein. In den USA und in Großbritannien ist der Film von 1980 kein fester Weihnachtsfilm und heute kaum bekannt. Dort kennen viele Menschen eher das Buch oder die Verfilmung von 1936.

Ab welchem Alter ist „Der kleine Lord“ geeignet?

Der Film von 1980 ist ohne Altersbeschränkung freigegeben, also ab 0 Jahren. Er ist ruhig erzählt und für Kinder im Grundschulalter gut geeignet.

Die FSK prüft in Deutschland, ab welchem Alter Kinder einen Film sehen dürfen. FSK ist die Abkürzung für „Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“. Beim kleinen Lord gibt es keine gruseligen oder brutalen Szenen. Kleinere Kinder brauchen vielleicht Hilfe, die Geschichte mit dem Erbe und der falschen Erbin zu verstehen. Der Film dauert gut 100 Minuten. Die Deutsche Film- und Medienbewertung hat ihm 2016 die Auszeichnung „besonders wertvoll“ gegeben.

Zum Weiterdenken

Cedric glaubt fest daran, dass sein Großvater ein guter Mensch ist, obwohl alle anderen das Gegenteil sagen. Am Ende wird der Earl tatsächlich freundlicher. Was meinen Sie: Kann man einen Menschen verändern, indem man ihm vertraut? Und warum fragte Vivian wohl, was einen Menschen zum Herzog macht, wenn er doch gar nichts dafür getan hat?

Quellen: Frances Hodgson Burnett: How Fauntleroy Occurred (Projekt Gutenberg), Little Lord Fauntleroy, Originaltext (Projekt Gutenberg), Princeton University: Fauntleroy-Handschrift, Literary Encyclopedia: Frances Hodgson Burnett (Universität Tübingen), Knoxville History Project, Michigan Law Review: The Law of Dramatic Copyright, Projekt Gutenberg-DE: Der kleine Lord, Übersetzung Emmy Becher, AFI Catalog: Little Lord Fauntleroy 1936, New York Times, 25.11.1980, MDR: Zehn Fakten, Filmdienst und DWDL.

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