Die kurze Antwort
Ja, Jesus von Nazareth (ausgesprochen „NAA-tsa-ret“) hat sehr wahrscheinlich wirklich gelebt. Fast alle Geschichtsforscher sind sich darin einig, auch solche, die selbst nicht an Gott glauben. Jesus war ein jüdischer Wanderprediger aus Galiläa (ausgesprochen „ga-li-LÄÄ-a“), einer Landschaft im Norden des heutigen Israel. Er wurde einige Jahre vor dem Jahr 1 unserer Zeitrechnung geboren und um das Jahr 30 in Jerusalem gekreuzigt. Dass es ihn gab, weiß man aus christlichen Schriften, die nur wenige Jahrzehnte nach seinem Tod entstanden sind, und aus Texten von Römern und Juden, die keine Christen waren. Einen Fund aus der Erde, der Jesus selbst nennt, gibt es dagegen nicht. Ob Jesus der Sohn Gottes war und Wunder vollbracht hat, kann die Geschichtswissenschaft nicht prüfen. Das ist eine Frage des Glaubens.

Zu Weihnachten feiern Christen auf der ganzen Welt die Geburt von Jesus. In der Kirche hört man die Geschichte vom Stall in Bethlehem, von Maria und Josef und von den Hirten auf dem Feld. Viele Kinder fragen sich dabei irgendwann, ob das alles wirklich passiert ist. Hat es diesen Jesus überhaupt gegeben, oder ist er nur eine Figur aus einer alten Erzählung? Diese Frage beschäftigt auch Wissenschaftler seit mehr als 200 Jahren. Sie suchen in alten Büchern, Briefen und Ausgrabungen nach Spuren. Was sie gefunden haben und was man bis heute nicht weiß, erklärt dieser Beitrag.
Hat Jesus wirklich gelebt?
Jesus hat nach dem heutigen Stand der Forschung wirklich gelebt. Unter Geschichtsforschern gilt seine Existenz als sehr gut belegt, für einen einfachen Menschen aus der Antike sogar ungewöhnlich gut. Die Neutestamentlerin Christine Jacobi erklärt in einem Vortrag für die Katholische Akademie in Bayern, dass sogar Texte von Juden und Römern die Existenz von Jesus und seine Hinrichtung belegen. Eine Neutestamentlerin ist eine Wissenschaftlerin, die das Neue Testament erforscht.
Das liegt nicht daran, dass alle Forscher Christen wären. Auch der amerikanische Professor Bart Ehrman (ausgesprochen „BAART EER-män“), der selbst nicht an Gott glaubt, schreibt, dass praktisch alle Fachleute für die Antike davon ausgehen, dass Jesus gelebt hat. Er hat darüber sogar ein ganzes Buch geschrieben.
Wichtig ist der Unterschied zwischen zwei Fragen. Die erste Frage lautet, ob es einen Mann namens Jesus gab, der in Galiläa predigte und gekreuzigt wurde. Diese Frage kann die Geschichtswissenschaft beantworten, und die Antwort ist Ja. Die zweite Frage lautet, ob dieser Mann Gottes Sohn war, Wunder tat und von den Toten auferstanden ist. Diese Frage kann die Wissenschaft nicht beantworten, weil man Glaubensinhalte nicht mit Urkunden oder Ausgrabungen prüfen kann. Christen glauben daran, andere Menschen nicht.
Woher weiß man überhaupt etwas über Jesus?
Man weiß etwas über Jesus aus alten Texten, die Menschen bald nach seinem Tod aufgeschrieben haben. Forscher nennen solche Texte Quellen. Eine Quelle ist alles, was aus der Vergangenheit übrig geblieben ist und uns etwas über sie verrät, zum Beispiel ein Brief, ein Buch, eine Inschrift oder ein Gegenstand.
Über Jesus gibt es zwei Arten von Quellen. Die meisten stammen von Christen. Dazu gehören die Briefe des Apostels Paulus und die vier Evangelien. Ein Evangelium ist ein Bericht über das Leben, die Lehre und den Tod von Jesus. Die vier Evangelien heißen nach Markus, Matthäus, Lukas und Johannes und stehen im Neuen Testament, dem zweiten Teil der christlichen Bibel.
Die zweite Art von Quellen sind die außerbiblischen Quellen. Das sind Texte, die nicht in der Bibel stehen und deren Verfasser keine Christen waren. Einige römische Geschichtsschreiber und ein jüdischer Geschichtsschreiber erwähnen Jesus. Diese Texte sind kurz, aber für Forscher sehr wertvoll. Sie zeigen nämlich, dass nicht nur seine Anhänger von ihm erzählt haben.
Forscher lesen alle diese Quellen sehr genau. Sie fragen, wer einen Text geschrieben hat, wann er entstanden ist und was der Verfasser damit erreichen wollte. Ein Evangelium ist kein Polizeibericht, sondern ein Glaubenstext. Trotzdem enthält es viele Angaben über Orte, Personen und Ereignisse, die man mit anderen Quellen vergleichen kann.
Warum hat Jesus selbst keine Spuren hinterlassen?
Jesus hat keine eigenen Spuren hinterlassen, weil er ein einfacher Mann aus einem kleinen Dorf war. Er hat nach allem, was man weiß, kein Buch und keinen Brief geschrieben. Er war kein König, kein Feldherr und kein reicher Kaufmann. Deshalb gibt es von ihm keine Münzen, keine Statuen und keine Inschriften.
Aus der Antike, also der Zeit vor etwa 1.500 bis 2.500 Jahren, sind ohnehin nur wenige Schriftstücke erhalten. Die meisten Texte wurden auf Papyrus (ausgesprochen „pa-PÜÜ-rus“) geschrieben. Papyrus ist ein Schreibmaterial aus den Stängeln einer Sumpfpflanze, das mit der Zeit zerfällt. Was wir heute von antiken Büchern lesen, stammt fast immer aus Abschriften, die Mönche Jahrhunderte später angefertigt haben. Über einfache Menschen wie Handwerker, Bauern oder Fischer schrieb damals kaum jemand etwas auf.
Jesus lebte außerdem in Galiläa, einer Gegend am Rand des Römischen Reiches. Für die Römer in der Hauptstadt Rom war ein Prediger aus einem Dorf im fernen Osten nicht wichtig. Erst als seine Anhänger immer mehr wurden und sich bis nach Rom ausbreiteten, begannen römische Schriftsteller, sich für ihn zu interessieren. Auch von vielen anderen Menschen aus dieser Zeit, an deren Existenz niemand zweifelt, hat man nichts im Boden gefunden. Dass von Jesus selbst nichts erhalten ist, spricht deshalb nicht dagegen, dass er gelebt hat.
Was schreibt Paulus über Jesus?
Paulus schreibt in seinen Briefen, dass Jesus ein Jude war, Brüder hatte, mit seinen Freunden ein letztes Abendmahl feierte und gekreuzigt wurde. Die Briefe des Paulus sind die ältesten christlichen Texte, die wir kennen. Paulus war ein jüdischer Gelehrter, der zunächst die Anhänger von Jesus verfolgte. Später wurde er selbst Christ und reiste als Apostel durch das Römische Reich. Ein Apostel ist ein Gesandter, der eine Botschaft weitergibt.
Seinen ältesten erhaltenen Brief schrieb Paulus um das Jahr 50 an die Gemeinde in Thessaloniki (ausgesprochen „tes-sa-lo-NII-ki“), einer Stadt im heutigen Griechenland. Das war nur etwa 20 Jahre nach dem Tod von Jesus. Seine übrigen echten Briefe entstanden in den Jahren danach, der Brief an die Römer um das Jahr 56.
Paulus hat Jesus nicht selbst kennengelernt. Er kannte aber Menschen, die mit Jesus zusammen gewesen waren. Im Brief an die Galater (ausgesprochen „GAA-la-ter“) erzählt er, dass er nach Jerusalem reiste, um Petrus kennenzulernen, und dass er dort 15 Tage blieb. Außerdem schreibt er, dass er dort Jakobus traf, den „Bruder des Herrn“. Mit „Herr“ meint Paulus Jesus. Für Forscher ist dieser Satz sehr wichtig. Wer den Bruder eines Menschen persönlich trifft, weiß, dass dieser Mensch wirklich gelebt hat.
Wann wurden die Evangelien geschrieben?
Die Evangelien wurden etwa 40 bis 70 Jahre nach dem Tod von Jesus geschrieben. Das älteste ist das Markus-Evangelium. Es entstand um das Jahr 70, also ungefähr zu der Zeit, als die Römer den Tempel in Jerusalem zerstörten. Die Evangelien nach Matthäus und Lukas folgten etwa 10 bis 20 Jahre später. Das Johannes-Evangelium wurde vermutlich um das Jahr 100 abgeschlossen.
Matthäus und Lukas haben das Markus-Evangelium gekannt und große Teile daraus übernommen. Zusätzlich benutzten sie eine Sammlung mit Worten von Jesus, die heute verloren ist. Forscher nennen diese Sammlung Logienquelle (ausgesprochen „LOO-gi-en-kwel-le“) oder kurz Q. Das Q kommt vom deutschen Wort „Quelle“. Man weiß von ihr nur, weil Matthäus und Lukas an vielen Stellen dieselben Sätze haben, die bei Markus fehlen.
40 Jahre klingen nach einer langen Zeit. Für die Antike ist dieser Abstand aber sehr kurz. Viele Berichte über andere Menschen aus dieser Zeit wurden erst Jahrhunderte später aufgeschrieben. Als das Markus-Evangelium geschrieben wurde, lebten außerdem noch Menschen, die Jesus selbst gesehen hatten.
Wie früh die Evangelien verbreitet waren, zeigt ein kleines Stück Papyrus. Es ist nicht größer als eine Kreditkarte und stammt aus Ägypten. Darauf stehen einige Sätze aus dem Johannes-Evangelium. Der Forscher, der es zuerst untersuchte, datierte es nach der Form der Buchstaben in die Zeit zwischen den Jahren 100 und 150. Einige Fachleute halten es heute für etwas jünger. Trotzdem gilt es als eines der ältesten erhaltenen Stücke des Neuen Testaments.

Was schreiben römische Geschichtsschreiber über Jesus?
Römische Geschichtsschreiber berichten, dass Jesus unter dem Statthalter Pontius Pilatus (ausgesprochen „PON-tsi-us pi-LAA-tus“) hingerichtet wurde und dass seine Anhänger ihn wie einen Gott verehrten. Die Römer waren keine Freunde der Christen. Sie hielten den neuen Glauben für einen gefährlichen Aberglauben, also für einen falschen und unvernünftigen Glauben. Gerade deshalb sind ihre Berichte für Forscher wertvoll.
Der wichtigste römische Bericht stammt von dem Geschichtsschreiber Tacitus (ausgesprochen „TAA-tsi-tus“). Er schrieb um das Jahr 116 ein großes Werk über die Geschichte Roms, die „Annalen“ (ausgesprochen „an-NAA-len“). Darin erzählt er vom großen Brand von Rom im Jahr 64. Kaiser Nero gab damals den Christen die Schuld an dem Feuer und ließ viele von ihnen grausam töten. Tacitus erklärt seinen Lesern, woher der Name der Christen kommt. Sinngemäß schreibt er, dass ihr Name von Christus stammt, der unter Kaiser Tiberius (ausgesprochen „ti-BEE-ri-us“) von dem Statthalter Pontius Pilatus hingerichtet worden war. Das passt genau zu dem, was die Evangelien berichten.
Ein weiterer Römer war Plinius der Jüngere (ausgesprochen „PLII-ni-us“). Er war um das Jahr 110 Statthalter in Bithynien (ausgesprochen „bi-TÜÜ-ni-en“), einer römischen Provinz in der heutigen Türkei. In einem Brief an Kaiser Trajan (ausgesprochen „tra-JAAN“) fragte er, wie er mit den Christen umgehen solle. Er berichtet, dass sich die Christen an einem festen Tag vor Sonnenaufgang trafen und Christus „wie einem Gott“ ein Lied sangen.
Der dritte römische Schriftsteller ist Sueton (ausgesprochen „su-e-TOON“). Er schrieb um das Jahr 120 Lebensbeschreibungen der römischen Kaiser. Über Kaiser Claudius (ausgesprochen „KLAU-di-us“) berichtet er, dass dieser die Juden aus Rom vertrieb, weil es auf Anstiften eines gewissen „Chrestus“ (ausgesprochen „KRES-tus“) ständig Unruhen gab. Das geschah um das Jahr 49. Viele Forscher vermuten, dass mit Chrestus Christus gemeint ist und dass es unter den Juden in Rom Streit über Jesus gab. Ganz sicher ist das aber nicht, weil Chrestus damals auch ein üblicher Name war.
Was schreibt der jüdische Historiker Flavius Josephus?
Flavius Josephus (ausgesprochen „FLAA-wi-us jo-SEE-fus“) erwähnt Jesus zweimal, einmal nebenbei als Bruder von Jakobus und einmal in einem längeren Abschnitt. Flavius Josephus lebte von etwa 37 bis 100. Er war ein jüdischer Priester und Geschichtsschreiber aus Jerusalem, der später in Rom lebte. Um das Jahr 93 schrieb er ein großes Werk über die Geschichte des jüdischen Volkes, die „Jüdischen Altertümer“. Josephus war kein Christ.
Die erste Stelle handelt von einem Gerichtsverfahren in Jerusalem im Jahr 62. Dort wurde ein Mann namens Jakobus zum Tod verurteilt. Josephus nennt ihn den „Bruder des Jesus, der Christus genannt wird“. Die meisten Forscher halten diesen Satz für echt. Er ist so beiläufig geschrieben, dass ihn ein späterer christlicher Schreiber kaum eingefügt hätte. Außerdem passt er zu dem, was Paulus über Jakobus, den Bruder von Jesus, schreibt.
Die zweite Stelle ist schwieriger. Dort wird Jesus ein weiser Mann genannt, der Wunder tat, unter Pilatus gekreuzigt wurde und am dritten Tag wieder erschien. So hätte ein Jude, der nicht an Jesus glaubte, nicht geschrieben. Forscher sind sich deshalb einig, dass christliche Abschreiber diesen Text später verändert haben. Die Bücher von Josephus wurden nämlich über Jahrhunderte von Christen abgeschrieben. Die meisten Forscher glauben aber, dass Josephus an dieser Stelle tatsächlich über Jesus geschrieben hat und dass nur einige Sätze dazugekommen sind. Dafür spricht eine arabische Fassung des Textes, die ein Bischof namens Agapius (ausgesprochen „a-GAA-pi-us“) im 10. Jahrhundert überliefert hat. Darin fehlen die christlichen Glaubenssätze.
Erwähnt der Talmud Jesus?
Ja, der Talmud (ausgesprochen „TAL-mut“) erwähnt einen Mann namens Jeschu (ausgesprochen „JE-schu“), der am Vorabend des Pessachfestes (Pessach, ausgesprochen „PE-sach“) hingerichtet wurde. Der Talmud ist eine große Sammlung jüdischer Lehren und Gespräche über die Gesetze der Tora (ausgesprochen „to-RAA“), der heiligen Schrift der Juden. Er wurde über mehrere Jahrhunderte zusammengetragen und um das Jahr 500 abgeschlossen. Das Pessachfest ist ein jüdisches Fest im Frühling, an dem Juden an den Auszug ihres Volkes aus Ägypten erinnern.
Im Talmud heißt es, dass man Jeschu am Vorabend des Pessachfestes hängte, weil er Zauberei getrieben und das Volk Israel vom rechten Glauben abgebracht habe. Der Text ist feindlich gegenüber Jesus und viel später entstanden als die Evangelien. Er enthält deshalb kaum neue Tatsachen über sein Leben. Für Forscher ist aber ein Punkt wichtig. Die jüdischen Gelehrten, die mit den Christen stritten, behaupteten nie, dass Jesus erfunden sei. Sie stellten ihn als Zauberer und Verführer dar, gingen also selbstverständlich davon aus, dass es ihn gegeben hatte. Auch die Zeitangabe vor dem Pessachfest stimmt mit dem Johannes-Evangelium überein.
Warum sind gerade die Gegner wichtige Zeugen?
Die Gegner sind wichtige Zeugen, weil sie keinen Grund hatten, Jesus zu erfinden. Wenn nur seine Anhänger von ihm erzählen würden, könnte man vermuten, dass sie sich einen Helden ausgedacht haben. Römer wie Tacitus verachteten die Christen jedoch. Jüdische Gelehrte lehnten den Glauben an Jesus ab. Trotzdem bezweifelte keiner von ihnen, dass Jesus gelebt hat.
Das gilt auch für den griechischen Philosophen Kelsos (ausgesprochen „KEL-sos“). Er schrieb in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts eine ganze Streitschrift gegen das Christentum. Darin griff er die Lehre der Christen scharf an. Dass Jesus gelebt hat, zweifelte er aber nicht an. Wäre Jesus nie geboren worden, hätte Kelsos das als stärkstes Argument benutzen können. Auch kein anderer Gegner des Christentums in der Antike kam auf die Idee, Jesus habe nie gelebt.
Tacitus und Josephus sind außerdem unabhängig voneinander. Das bedeutet, dass keiner von ihnen beim anderen abgeschrieben hat. Wenn zwei Verfasser, die einander nicht kannten und keine Christen waren, dieselben Angaben machen, ist das für Forscher ein starkes Zeichen dafür, dass diese Angaben stimmen.
Gibt es archäologische Beweise für Jesus?
Einen archäologischen Beweis für Jesus selbst gibt es nicht. Die Archäologie ist die Wissenschaft, die Spuren der Vergangenheit im Boden sucht, zum Beispiel Häuser, Gräber, Werkzeuge oder Inschriften. Bisher wurde kein Gegenstand gefunden, auf dem der Name von Jesus steht und der sicher aus seiner Lebenszeit stammt. Bei einem einfachen Dorfbewohner ist das aber auch nicht zu erwarten.
Die Archäologen haben jedoch viele Spuren von Menschen und Orten gefunden, die in den Evangelien vorkommen. Das zeigt, dass die Geschichten über Jesus in einer echten Welt spielen, die die Verfasser gut kannten.
Im Jahr 1961 fanden italienische Archäologen in der Hafenstadt Caesarea (ausgesprochen „tsä-sa-REE-a“) am Mittelmeer einen Stein mit dem Namen Pontius Pilatus. Pilatus war von 26 bis 36 römischer Statthalter in Judäa (ausgesprochen „ju-DÄÄ-a“), also der Vertreter des Kaisers in diesem Gebiet. Auf dem Stein wird er „Präfekt von Judäa“ genannt. Ein Präfekt war ein römischer Beamter, der eine Provinz im Auftrag des Kaisers verwaltete. Der Stein beweist, dass es den Mann, unter dem Jesus gekreuzigt wurde, wirklich gab.
Im Jahr 1990 stießen Bauarbeiter im Süden von Jerusalem auf eine alte Grabhöhle. Darin standen zwölf Ossuarien (ausgesprochen „os-su-AA-ri-en“). Ein Ossuar ist eine Kiste aus Stein, in die Juden damals die Knochen ihrer Toten legten, nachdem der Körper zerfallen war. Auf einer besonders schön verzierten Kiste steht der Name „Josef, Sohn des Kajafa“ (ausgesprochen „ka-JAA-fa“). Viele Forscher halten sie für die Knochenkiste des Hohepriesters Kajaphas (ausgesprochen „KAA-ja-fas“). Der Hohepriester war der oberste Priester im Tempel von Jerusalem. Nach den Evangelien wurde Jesus vor Kajaphas verhört, bevor man ihn zu Pilatus brachte.

In Nazareth entdeckten Archäologen im Jahr 2009 die Reste eines Wohnhauses aus der Zeit von Jesus. Es hatte zwei Räume, einen Hof und eine Zisterne, in der Regenwasser gesammelt wurde. Darin lagen Scherben von Gefäßen aus Kalkstein, wie sie damals fromme Juden benutzten. Der Fund zeigt, dass Nazareth zur Zeit von Jesus ein kleines jüdisches Dorf mit etwa 50 Häusern war. Das passt zu den Evangelien, in denen Nazareth als unbedeutender Ort gilt.
Auch zur Kreuzigung gibt es einen Fund. Im Jahr 1968 wurde in Jerusalem das Grab eines jungen Mannes namens Jehohanan (ausgesprochen „je-ho-CHAA-nan“) entdeckt. In seinem Fersenknochen steckte noch ein 11,5 Zentimeter langer Eisennagel. Er ist bis heute der einzige Knochen, der zeigt, wie die Römer Menschen ans Kreuz nagelten. Außerdem beweist er, dass ein Gekreuzigter von seiner Familie bestattet werden konnte, so wie es die Evangelien von Jesus erzählen.
Ist das Grabtuch von Turin ein Beweis?
Nein, das Grabtuch von Turin ist kein Beweis für Jesus, weil es nach wissenschaftlichen Messungen aus dem Mittelalter stammt. Das Grabtuch von Turin ist ein etwa vier Meter langes Leinentuch, auf dem man schwach den Abdruck eines Mannes erkennt. Es wird im Dom der Stadt Turin in Italien aufbewahrt. Manche Menschen glauben, dass Jesus nach seinem Tod in dieses Tuch gewickelt wurde.
Im Jahr 1988 durften Forscher kleine Stücke des Tuches untersuchen. Drei Labore in den USA, in England und in der Schweiz bestimmten unabhängig voneinander das Alter mit der Radiokarbonmethode. Bei dieser Methode misst man, wie viel von einer bestimmten Art Kohlenstoff noch in einem Stoff steckt, der einmal gelebt hat, zum Beispiel in Pflanzenfasern. Weil dieser Kohlenstoff mit der Zeit gleichmäßig zerfällt, kann man daraus das Alter berechnen. Alle drei Labore kamen zu dem Ergebnis, dass der Flachs für das Tuch zwischen 1260 und 1390 geerntet wurde. Einige Forscher zweifeln bis heute an der Messung. Sie vermuten, dass die Proben von einer später ausgebesserten Stelle stammten. Ein überzeugender Gegenbeweis ist bisher aber nicht gelungen. Ob Jesus gelebt hat, hängt nicht von diesem Tuch ab. Die Belege dafür stammen aus den alten Texten.
Wie prüfen Forscher, was über Jesus stimmt?
Forscher prüfen die Angaben über Jesus mit festen Regeln, die sie Kriterien nennen. Ein Kriterium ist ein Prüfmerkmal, mit dem man entscheidet, ob eine Angabe wahrscheinlich stimmt. Diese Regeln benutzen Historiker auch bei anderen Personen aus der Antike.
Das erste Kriterium ist die Mehrfachbezeugung. Eine Angabe gilt als besonders glaubwürdig, wenn sie in mehreren Quellen vorkommt, die voneinander unabhängig sind. Dass Jesus gekreuzigt wurde, berichten zum Beispiel Paulus, alle vier Evangelien, Tacitus und Josephus.
Das zweite Kriterium nennen Forscher das Kriterium der Peinlichkeit. Es beruht auf einer einfachen Überlegung. Niemand erfindet eine Geschichte, die für die eigene Gruppe unangenehm ist. Wenn die Evangelien also etwas berichten, das für die frühen Christen peinlich war, ist es wahrscheinlich wirklich passiert.
Ein Beispiel ist die Taufe von Jesus durch Johannes den Täufer. Johannes taufte Menschen im Fluss Jordan, damit ihnen ihre Sünden vergeben würden. Wer sich taufen ließ, galt deshalb als der Schüler. Für die frühen Christen war es unangenehm, dass sich Jesus, den sie für größer hielten, von Johannes taufen ließ. Man merkt in den späteren Evangelien, wie sie diese Szene immer vorsichtiger erzählen. Erfunden hätten sie sie sicher nicht.
Das wichtigste Beispiel ist die Kreuzigung. Die Kreuzigung war eine besonders grausame und schändliche Hinrichtung, die die Römer für Sklaven, Aufständische und Schwerverbrecher benutzten. In der jüdischen Bibel steht außerdem ein Satz, nach dem ein Gehängter von Gott verflucht ist. Für die ersten Christen war es deshalb sehr schwer zu erklären, warum ihr Retter wie ein Verbrecher am Kreuz gestorben war. Wer sich einen Helden ausdenkt, lässt ihn nicht auf diese Weise sterben.
Das dritte Kriterium ist das Kriterium der Stimmigkeit. Eine Angabe passt gut, wenn sie zu dem passt, was man sonst über diese Zeit und diesen Ort weiß. Die Lehren von Jesus, seine Streitgespräche über das jüdische Gesetz und seine Gleichnisse vom Leben der Bauern und Fischer passen genau ins Galiläa des 1. Jahrhunderts. Die Neutestamentlerin Annette Merz sagt dazu, dass die Lebensgeschichte einer erfundenen Person immer glatt verläuft. Bei Jesus gibt es dagegen viele Ecken und Widersprüche, wie bei einem echten Menschen.
Was weiß man sicher über den historischen Jesus?
Über den historischen Jesus weiß man vor allem, wo er lebte, was er tat und wie er starb. Mit dem historischen Jesus meinen Forscher den Menschen Jesus, so wie man ihn mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft beschreiben kann. Die folgenden Punkte gelten in der Forschung als gesichert oder als sehr wahrscheinlich.
Jesus hieß in seiner Muttersprache Jeschua (ausgesprochen „je-SCHU-a“). Das ist eine Form des hebräischen Namens Josua und bedeutet „Gott hilft“ oder „Gott rettet“. Der Name war damals unter Juden weit verbreitet. Jesus sprach Aramäisch (ausgesprochen „a-ra-MÄÄ-isch“), die Alltagssprache der Juden in Galiläa. Er war Jude und kannte die heiligen Schriften seines Volkes gut.
Jesus wuchs in Nazareth auf, einem kleinen Dorf in Galiläa. Seine Eltern hießen Maria und Josef. Er hatte mehrere Geschwister, darunter Jakobus. Nach den Evangelien arbeitete er als Bauhandwerker, wie sein Vater. Geboren wurde er nach dem heutigen Stand der Forschung einige Jahre vor dem Jahr 1, vermutlich zwischen 7 und 4 vor Christus. Das liegt daran, dass er nach den Evangelien noch zur Zeit von König Herodes geboren wurde, und Herodes starb im Jahr 4 vor Christus.
Als erwachsener Mann ließ sich Jesus von Johannes dem Täufer im Jordan taufen. Danach zog er als Wanderprediger durch die Dörfer am See Genezareth (ausgesprochen „ge-NEE-tsa-ret“). Ein Wanderprediger ist ein Lehrer, der keinen festen Wohnort hat, sondern von Ort zu Ort zieht und dort zu den Menschen spricht. Jesus verkündete, dass das Reich Gottes nahe sei. Er erzählte Gleichnisse, kurze Geschichten aus dem Alltag, mit denen er seine Lehre erklärte. Viele Menschen hielten ihn für einen Heiler. Um sich hatte er einen engeren Kreis von Schülern, die Jünger. Die Evangelien nennen zwölf von ihnen mit Namen, darunter Petrus.
Seine Zeit als Prediger dauerte vermutlich nur ein bis drei Jahre. Um ein Pessachfest herum zog Jesus mit seinen Anhängern nach Jerusalem. Dort kam es im Tempel zu einem Streit. Die Tempelführung um den Hohepriester Kajaphas ließ ihn festnehmen und übergab ihn dem römischen Statthalter Pontius Pilatus. Pilatus ließ ihn kreuzigen. Die meisten Forscher setzen seinen Tod in das Jahr 30, einige in das Jahr 33. Jesus war damals etwa 30 bis 35 Jahre alt.
Was kann die Geschichtswissenschaft nicht beweisen?
Die Geschichtswissenschaft kann nicht beweisen, dass Jesus Gottes Sohn war, Wunder vollbracht hat oder von den Toten auferstanden ist. Diese Aussagen gehören zum Glauben. Glauben bedeutet hier, etwas für wahr zu halten, das man nicht mit Messungen oder Urkunden prüfen kann.
Forscher können feststellen, dass Menschen damals von Heilungen durch Jesus erzählten und ihn für einen Wundertäter hielten. Ob dabei wirklich ein Wunder geschah, können sie nicht sagen, weil man ein Ereignis, das den Naturgesetzen widerspricht, mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft nicht untersuchen kann.
Ähnlich ist es mit der Auferstehung. Christen glauben, dass Jesus am dritten Tag nach seinem Tod von Gott wieder lebendig gemacht wurde. Die Forscher können zeigen, dass seine Jünger kurz nach seinem Tod fest davon überzeugt waren, ihm wieder begegnet zu sein. Paulus zählt in einem Brief sogar die Menschen auf, die das von sich sagten. Diese Überzeugung hat dazu geführt, dass die Anhänger von Jesus nicht auseinandergingen, sondern weiter von ihm erzählten. Ob Jesus tatsächlich auferstanden ist, bleibt aber eine Glaubensfrage.
Auch viele Einzelheiten aus den Weihnachtsgeschichten lassen sich nicht nachprüfen. Die Erzählungen von der Geburt im Stall in Bethlehem, den Hirten und dem Stern stehen nur bei Matthäus und Lukas und unterscheiden sich stark voneinander. Viele Forscher halten es deshalb für möglich, dass Jesus in Nazareth und nicht in Bethlehem geboren wurde. An der Frage, ob Jesus gelebt hat, ändert das nichts.
Wer bezweifelt, dass Jesus gelebt hat?
Bezweifelt wird die Existenz von Jesus nur von sehr wenigen Menschen, unter Fachleuten fast von niemandem. Die Vorstellung, Jesus sei eine erfundene Figur, nennt man Christusmythos-These. Ein Mythos ist eine Erzählung über Götter oder Helden, die sich Menschen ausgedacht haben, um sich die Welt zu erklären.
Die ersten, die diese These vertraten, lebten im 18. und 19. Jahrhundert. In Deutschland behauptete der Theologe Bruno Bauer um das Jahr 1850, das Christentum sei aus Ideen griechischer und römischer Philosophen entstanden und Jesus nur eine erdachte Figur. Bekannt wurde vor allem der Philosoph Arthur Drews mit seinem Buch „Die Christusmythe“ aus dem Jahr 1909. Es löste in Deutschland einen heftigen Streit aus, und Drews verbreitete seine Ansichten in öffentlichen Vorträgen und Streitgesprächen. Fachleute halten seine Argumente aber für wenig überzeugend und kaum neu.
Heute verbreiten einige Menschen diese Idee vor allem im Internet. Sie vergleichen Jesus zum Beispiel mit dem ägyptischen Gott Horus (ausgesprochen „HOO-rus“) oder anderen Göttern, die angeblich auch von einer Jungfrau geboren wurden, gestorben und wieder auferstanden sind. Bei genauer Prüfung stimmen diese Vergleiche meist nicht. Viele der angeblichen Gemeinsamkeiten stehen in keinem alten ägyptischen Text.
Die Forscher lehnen die Christusmythos-These aus mehreren Gründen ab. Die Briefe von Paulus sind nur rund 20 Jahre nach dem Tod von Jesus entstanden, und Paulus kannte den Bruder von Jesus persönlich. Römische und jüdische Gegner bezeugen ihn unabhängig voneinander. Außerdem hätte sich niemand einen Retter ausgedacht, der von einem anderen getauft und wie ein Verbrecher gekreuzigt wird. Erfundene Götter in alten Mythen leben in einer fernen Vorzeit. Jesus dagegen lebte zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, unter einem Statthalter, dessen Namen man heute noch auf einem Stein lesen kann.
Was ist der Unterschied zwischen dem historischen Jesus und Jesus Christus?
Der historische Jesus ist der Mensch, den die Forscher beschreiben, während Jesus Christus der Retter ist, an den Christen glauben. Das Wort Christus ist kein Nachname. Es kommt aus dem Griechischen und bedeutet „der Gesalbte“. Auf Hebräisch heißt das gleiche Wort Messias (ausgesprochen „mes-SII-as“). Viele Juden erwarteten damals einen Messias, also einen von Gott gesandten Retter. Die Anhänger von Jesus waren überzeugt, dass Jesus dieser Retter ist. Deshalb nannten sie ihn Jesus Christus, und deshalb heißen seine Anhänger bis heute Christen.
Forscher sprechen deshalb vom „historischen Jesus“ und vom „Christus des Glaubens“. Der historische Jesus ist ein jüdischer Wanderprediger, der um das Jahr 30 gekreuzigt wurde. Das gilt für alle Menschen, egal welcher Religion sie angehören. Der Christus des Glaubens ist für Christen Gottes Sohn, der für die Menschen gestorben und auferstanden ist. Diese beiden Seiten schließen sich nicht aus. Die Wissenschaft beantwortet die Frage, wer Jesus als Mensch war. Was er für das eigene Leben bedeutet, muss jeder Mensch selbst für sich entscheiden.
Zum Weiterdenken
Unsere Zeitrechnung zählt die Jahre seit der Geburt von Jesus. Ein Mönch hat diese Zählung vor rund 1.500 Jahren berechnet und sich dabei um einige Jahre verrechnet. Deshalb wurde Jesus nach heutigem Wissen einige Jahre „vor Christus“ geboren. Überlegen Sie mit Ihrem Kind, woran man außer an Jahreszahlen noch erkennen kann, wie wichtig ein Mensch für die Geschichte war. Was müsste man über jemanden aus Ihrer Familie in 2.000 Jahren noch finden können, um zu beweisen, dass er gelebt hat?
Quellen: Katholische Akademie in Bayern, Christine Jacobi, Die Suche nach dem historischen Jesus, katholisch.de, Lebte Jesus wirklich, Deutschlandfunk, Jesus Christus und die historischen Fakten, Deutschlandfunk Nova, Jesus von Nazareth, WiBiLex, Corpus Paulinum, Lutherbibel 2017, Galater 1, Tacitus, Annalen 15, Plinius, Briefe 10, Sueton, Claudius, ASOR, Jesus in nichtchristlichen Quellen, Sefaria, Sanhedrin 43a, Center for Online Judaic Studies, Pilatus-Inschrift, Center for Online Judaic Studies, Kajaphas-Ossuar, NPR, Haus in Nazareth, Times of Israel, Fersenknochen des Jehohanan, Nature, Radiokarbondatierung des Grabtuchs von Turin, New Testament Studies, Datierung von P52, Cambridge University Press, Die Christusmythe-Debatte, Bart Ehrman, Historicity of Jesus

