Die kurze Antwort
„Stille Nacht! Heilige Nacht!“ ist ein Weihnachtslied aus Österreich. Den Text schrieb der junge Priester Joseph Mohr im Jahr 1816 als Gedicht. Am 24. Dezember 1818 bat er seinen Freund, den Lehrer und Organisten Franz Xaver Gruber, eine Melodie dazu zu komponieren. Noch am selben Abend sangen die beiden das Lied zum ersten Mal in der Kirche St. Nikola in Oberndorf bei Salzburg. Mohr spielte dazu Gitarre. Heute ist es das bekannteste Weihnachtslied der Welt und wurde in etwa 300 Sprachen übersetzt.

„Stille Nacht! Heilige Nacht!“ kennen fast alle Menschen, die Weihnachten feiern. In Deutschland ist es das beliebteste Weihnachtslied, noch vor „O du fröhliche“ und „O Tannenbaum“. Lange wusste aber kaum jemand, wer das Lied geschrieben hat. Viele hielten es für ein altes Volkslied aus Tirol. Erst ein Brief aus Berlin und eine Handschrift, die im Jahr 1995 gefunden wurde, haben die Fragen geklärt.
Wer hat „Stille Nacht“ geschrieben?
„Stille Nacht“ haben zwei Männer aus dem Land Salzburg in Österreich geschrieben. Den Text dichtete Joseph Mohr, die Melodie komponierte Franz Xaver Gruber. Ein Komponist ist jemand, der Musik erfindet und aufschreibt.
Mohr und Gruber lernten sich im Jahr 1817 in Oberndorf kennen und wurden Freunde. Mohr war dort Hilfspriester, Gruber spielte in der Kirche die Orgel. Gruber war fünf Jahre älter als Mohr.
Wer war Joseph Mohr?
Joseph Mohr war ein katholischer Priester. Er wurde am 11. Dezember 1792 in der Stadt Salzburg geboren. Seine Mutter war Strickerin, sein Vater ein Soldat, der aus dem Heer geflohen war. Die Eltern waren nicht verheiratet, und die Mutter musste allein für ihr Kind sorgen. Die Familie war sehr arm. Ein Priester am Salzburger Dom, Johann Nepomuk Hiernle, erkannte, dass der Junge sehr begabt war. Er sorgte dafür, dass Mohr das Gymnasium besuchen und später studieren konnte. Schon als Schüler sang Mohr im Chor und spielte Geige.
Im Jahr 1815 wurde Mohr zum Priester geweiht. Danach arbeitete er als Hilfspriester. Ein Hilfspriester unterstützt den Pfarrer einer Gemeinde bei seiner Arbeit. Mohr musste oft umziehen und arbeitete in vielen verschiedenen Orten. Von 1837 an leitete er die Gemeinde in Wagrain im Pongau. Dort setzte er sich für arme Menschen ein. Auf seinen Wunsch wurde in Wagrain eine Schule gebaut, in die auch Kinder armer Eltern gehen konnten. Außerdem setzte er sich für ein Heim für arme und alte Menschen ein. Er starb am 4. Dezember 1848 in Wagrain an einer Lungenentzündung. Er wurde nur 55 Jahre alt.

Von Joseph Mohr gibt es kein einziges Bild. Er wollte sich zu Lebzeiten nie malen lassen. Als ein Bildhauer im Jahr 1912 ein Denkmal für Mohr und Gruber machen wollte, ließ er deshalb Mohrs Schädel aus dem Grab in Wagrain holen. Nach dem Schädel formte er das Gesicht. Der Schädel kam nicht mehr nach Wagrain zurück, sondern wurde später in die Stille-Nacht-Kapelle in Oberndorf eingemauert.
Wer war Franz Xaver Gruber?
Franz Xaver Gruber war Lehrer und Musiker. Er wurde am 25. November 1787 in Hochburg im Innviertel geboren, das heute zu Oberösterreich gehört. Seine Eltern waren arme Leinenweber. Leinenweber stellen aus den Fasern der Flachspflanze Stoff her. Grubers musikalische Begabung wurde schon früh erkannt und gefördert.
Von 1807 bis 1829 war Gruber Lehrer im Dorf Arnsdorf. Dort war er gleichzeitig Mesner und Organist. Ein Mesner kümmert sich um die Kirche, zum Beispiel um das Läuten der Glocken und das Schmücken des Altars. Ab 1816 spielte Gruber außerdem die Orgel in der Kirche im nahen Oberndorf. Später zog er nach Hallein. Dort leitete er von 1835 an die Kirchenmusik. Er starb am 7. Juni 1863 in Hallein mit 76 Jahren.

Wann und wo ist „Stille Nacht“ entstanden?
Den Text hat Joseph Mohr im Jahr 1816 in Mariapfarr im Lungau geschrieben, die Melodie hat Franz Xaver Gruber am 24. Dezember 1818 komponiert. Zwischen dem Gedicht und dem Lied lagen also zwei Jahre.
Mariapfarr liegt hoch in den Bergen im Süden des Landes Salzburg. Mohr arbeitete dort von 1815 bis 1817 als Hilfspriester. Sein Vater stammte aus diesem Ort. In der Kirche von Mariapfarr gibt es ein altes Gnadenbild. So nennt man ein Bild oder eine Figur, zu der Gläubige kommen, um zu beten. Es zeigt Maria mit dem Jesuskind und die Heiligen Drei Könige, die das Kind anbeten. Man vermutet, dass dieses Bild Mohr zu seinem Gedicht angeregt hat.

Dass Mohr den Text 1816 geschrieben hat, weiß man erst seit 1995. In diesem Jahr wurde in Salzburg eine Handschrift von Mohr gefunden. Eine Handschrift, die der Verfasser selbst geschrieben hat, nennt man Autograph. Auf Mohrs Autograph steht unten „Text von Joseph Mohr, Coadjutor 1816“. Coadjutor ist ein altes Wort für Hilfspriester. Oben steht „Melodie von Fr. Xav. Gruber“. Damit war bewiesen, wer das Lied geschrieben hat. Mohr hat das Blatt vermutlich zwischen 1820 und 1825 geschrieben. Heute liegt es im Salzburg Museum.

Warum hat Joseph Mohr das Gedicht geschrieben?
Warum genau Mohr das Gedicht geschrieben hat, hat er nicht aufgeschrieben. Man weiß aber, dass die Zeit damals für die Menschen im Land Salzburg sehr schwer war.
Viele Jahre lang hatte in Europa Krieg geherrscht. Der französische Kaiser Napoleon hatte mit seinen Armeen viele Länder erobert. Erst im Jahr 1815 war dieser Krieg zu Ende. Danach wurden in Europa neue Grenzen gezogen. Der größte Teil des Landes Salzburg kam im Jahr 1816 zu Österreich, ein kleiner Teil zu Bayern. Der Fluss Salzach wurde zur Grenze zwischen Österreich und Bayern. Die Stadt Laufen kam zu Bayern, ihr Ortsteil auf der anderen Seite des Flusses wurde der eigene Ort Oberndorf und kam zu Österreich. Viele Familien lebten plötzlich in zwei verschiedenen Ländern.
Dazu kam das „Jahr ohne Sommer“. Im April 1815 war auf der Insel Sumbawa im heutigen Indonesien der Vulkan Tambora ausgebrochen. Er schleuderte riesige Mengen Asche und Schwefelgas in die Luft. Diese Gase verteilten sich über die ganze Erde und hielten einen Teil des Sonnenlichts ab. Deshalb wurde es im Jahr 1816 auch in Europa viel kälter als sonst. In Salzburg gab es Hagel, Überschwemmungen und noch im Juni Schnee. Die Ernte fiel aus, und viele Menschen hungerten.
In seinem Gedicht schreibt Mohr, dass Gott alle Menschen liebt und dass Jesus als Bruder „die Völker der Welt“ umarmt. Die Stille Nacht Gesellschaft sieht darin eine Botschaft der Hoffnung und des Friedens für alle Menschen. Die Stille Nacht Gesellschaft ist ein Verein in Salzburg, der die Geschichte des Liedes erforscht.
Wie kam es zur ersten Aufführung?
Am 24. Dezember 1818 gab Joseph Mohr sein Gedicht Franz Xaver Gruber und bat ihn, eine Melodie dafür zu schreiben. Das Lied sollte für zwei Singstimmen, einen Chor und eine Gitarre sein. Gruber komponierte die Melodie im Schulhaus von Arnsdorf, in dem er wohnte, und brachte sie Mohr noch am selben Tag.
Am Abend fand in der Kirche St. Nikola in Oberndorf die Christmette statt. Die Christmette ist der Gottesdienst in der Nacht vor dem ersten Weihnachtstag, in dem die Geburt von Jesus gefeiert wird. Nach der Christmette stellten sich Mohr und Gruber vor die Krippe und sangen das neue Lied zum ersten Mal. Mohr sang die hohe Stimme, den Tenor, und spielte dazu Gitarre. Gruber sang die tiefe Stimme, den Bass. Dazu sang ein kleiner Chor. Den Menschen in Oberndorf, vor allem Schiffern und Schiffbauern, gefiel das Lied sehr.
Das weiß man so genau, weil Gruber es im Jahr 1854 selbst aufgeschrieben hat. Diesen Bericht nannte er „Authentische Veranlassung“. Authentisch bedeutet echt und zuverlässig, eine Veranlassung ist ein Anlass. Gruber wollte also den wahren Anlass für das Lied erklären.
Grubers erste Niederschrift des Liedes vom 24. Dezember 1818 ist verloren gegangen. Gruber hat das Lied aber später noch mehrmals für andere Kirchen aufgeschrieben, für Chor und Orgel und sogar für ein ganzes Orchester. Heute kennt man acht Handschriften von Gruber und Mohr.
Warum wurde „Stille Nacht“ mit Gitarre gespielt?
Warum Mohr und Gruber eine Gitarre gewählt haben, weiß man nicht genau. Ungewöhnlich war es auf jeden Fall, denn damals spielte man Gitarre im Wirtshaus und nicht in der Kirche.
Oft wird erzählt, dass eine Maus den Blasebalg der Orgel angeknabbert hat. Der Blasebalg ist der Teil der Orgel, der die Luft in die Pfeifen pumpt. Ohne ihn kann die Orgel keinen Ton spielen. Diese Geschichte ist aber erfunden. Sie wurde erst im Jahr 1954 zum ersten Mal aufgeschrieben, mehr als 130 Jahre nach der ersten Aufführung.
Richtig ist, dass die Orgel in St. Nikola alt war und repariert werden musste. Im Jahr 1819 kam der Orgelbauer Carl Mauracher aus dem Zillertal in Tirol nach Oberndorf, um sie in Ordnung zu bringen. Die Orgel war an Weihnachten 1818 aber noch spielbar. Vielleicht wählten Mohr und Gruber die Gitarre von Anfang an, weil sie das Lied erst nach dem Gottesdienst direkt vor der Krippe singen wollten.
Auf manchen Bildern und Denkmälern hält Franz Xaver Gruber die Gitarre in der Hand. Das ist falsch. Auch das Denkmal für Mohr und Gruber in Oberndorf aus dem Jahr 1928 zeigt Gruber mit Gitarre. Laut Grubers eigenem Bericht hat aber Joseph Mohr Gitarre gespielt. Mohrs Gitarre gibt es noch heute. Sie ist im Stille-Nacht-Museum in Hallein ausgestellt.
Wie klingt die Melodie von „Stille Nacht“?
Die Melodie von „Stille Nacht“ steht in der Tonart D-Dur und im 6/8-Takt. Eine Tonart legt fest, mit welchem Ton eine Melodie beginnt und aufhört und welche Töne darin vorkommen. Dur-Tonarten klingen meistens hell und fröhlich.
Der Takt gibt an, wie die Schläge in der Musik verteilt sind. Beim 6/8-Takt hat jeder Takt sechs kurze Schläge, die man in zwei Gruppen zu je drei Schlägen zählt: eins-zwei-drei, vier-fünf-sechs. Die Betonung liegt auf dem ersten und dem vierten Schlag. Dadurch kann man sich beim Singen gut hin und her wiegen. Das passt zum Text, denn in der ersten Strophe soll das Jesuskind „in himmlischer Ruh“ schlafen.
Die Melodie ist einfach gebaut und hat nur wenige große Sprünge. Deshalb können auch Kinder und Menschen, die keinen Gesangsunterricht hatten, sie gut singen. Die Melodie, die man heute singt, ist nicht ganz genau die Melodie von 1818. Schon in Mohrs Handschrift klingen zwei kurze Stellen anders als in Grubers Fassungen. Als das Lied später von Sänger zu Sänger weitergegeben und in Dresden gedruckt wurde, veränderte sich die Melodie noch etwas.
Wie viele Strophen hat „Stille Nacht“?
Das Gedicht von Joseph Mohr hat sechs Strophen. Heute singt man meistens nur drei davon, nämlich die erste, die zweite und die sechste Strophe. Diese drei Strophen standen schon in einem Notendruck aus Dresden aus den 1830er Jahren. Von dort aus verbreitete sich die kurze Fassung in der Welt. Die Reihenfolge der drei Strophen ist nicht in allen Liederbüchern gleich.
Die Stille Nacht Gesellschaft möchte, dass wieder alle sechs Strophen gesungen werden. Gerade in den Strophen, die meistens weggelassen werden, steht die Botschaft vom Frieden für alle Völker. In Oberndorf werden bei der Feier vor der Kapelle an Heiligabend seit dem Jahr 2006 wieder alle sechs Strophen gesungen.
Der Text von „Stille Nacht“, wie man ihn heute meistens singt
Erste Strophe
Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute, hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
Schlaf in himmlischer Ruh,
Schlaf in himmlischer Ruh.
Zweite Strophe
Stille Nacht, heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb aus deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund,
Christ, in deiner Geburt,
Christ, in deiner Geburt.
Sechste Strophe
Stille Nacht, heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht,
Durch der Engel Halleluja.
Tönt es laut von fern und nah:
Christ, der Retter ist da,
Christ, der Retter ist da!
In vielen Liederbüchern steht die Strophe mit den Hirten an zweiter Stelle und die Strophe „Gottes Sohn, o wie lacht“ an dritter. Der Text ist hier so abgedruckt, wie ihn das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache wiedergibt.
Wie lauten die drei Strophen, die man selten singt?
In Mohrs Gedicht stehen zwischen der zweiten und der letzten Strophe noch drei weitere Strophen. So lauten sie in einer Handschrift von Franz Xaver Gruber:
| Strophe | Text |
|---|---|
| 3. Strophe | Stille Nacht! Heilige Nacht! Die der Welt Heil gebracht, aus des Himmels goldenen Höhn uns der Gnaden Fülle lässt sehn: Jesum in Menschengestalt. |
| 4. Strophe | Stille Nacht! Heilige Nacht! Wo sich heut alle Macht väterlicher Liebe ergoss und als Bruder huldvoll umschloss Jesus die Völker der Welt. |
| 5. Strophe | Stille Nacht! Heilige Nacht! Lange schon uns bedacht, als der Herr vom Grimme befreit, in der Väter urgrauer Zeit aller Welt Schonung verhieß. |
Die letzte Zeile jeder Strophe wird beim Singen wiederholt. In der vierten Strophe steht der Gedanke, dass Jesus wie ein Bruder für alle Völker der Welt ist. Deshalb nennen viele Menschen „Stille Nacht“ heute ein Friedenslied.
Was bedeuten die schwierigen Wörter im Liedtext?
Im Text von „Stille Nacht“ stehen viele Wörter, die man heute kaum noch benutzt. Vor 200 Jahren hat man sie in Gedichten und Kirchenliedern verwendet.
| Wort im Lied | Bedeutung |
|---|---|
| traut | vertraut, lieb, geliebt |
| hochheilig | ganz besonders heilig. Gemeint sind Maria und Josef, die Eltern von Jesus. |
| hold | lieblich, anmutig, von zarter Schönheit |
| Knabe | ein altes Wort für Junge. Gemeint ist das Jesuskind. |
| die rettende Stund | die Stunde der Rettung. Gemeint ist der Moment, in dem Jesus geboren wird. |
| kundgemacht | bekannt gemacht, mitgeteilt |
| Halleluja | ein Ruf aus der hebräischen Sprache. Er bedeutet „Lobet den Herrn“. |
| Christ | hier ein anderes Wort für Christus, also Jesus |
| huldvoll | freundlich und gnädig |
Wie wurde „Stille Nacht“ auf der ganzen Welt bekannt?
„Stille Nacht“ wurde berühmt, weil Sängerfamilien aus dem Zillertal in Tirol es auf ihren Reisen überall vorgesungen haben. Am Anfang stand der Orgelbauer Carl Mauracher, der im Jahr 1819 die Orgel in Oberndorf reparierte. Er stammte aus Fügen im Zillertal und nahm das Lied vermutlich mit in seine Heimat.
Im Zillertal lebten Bauernfamilien, die im Winter als Händler durch Europa reisten und auf Märkten Waren verkauften. Dort sangen sie auch Lieder aus ihrer Heimat. Besonders bekannt wurden die Rainer-Sänger und die Geschwister Strasser. Im Jahr 1822 sangen die Rainer-Sänger „Stille Nacht“ sogar vor dem österreichischen Kaiser Franz I. und dem russischen Zaren Alexander I., als die beiden zu Besuch im Zillertal waren.
Die Geschwister Strasser sangen das Lied im Dezember 1832 bei einem Konzert in Leipzig. Etwa zur gleichen Zeit druckte ein Verlag aus Dresden die Noten in einem Heft mit dem Titel „Vier ächte Tyroler Lieder“. Die Namen von Mohr und Gruber standen nicht darin, und der Text war gekürzt und verändert.

Im Jahr 1839 reiste eine neue Gruppe der Rainer-Sänger nach Amerika. Am Weihnachtstag 1839 sollen sie „Stille Nacht“ in New York auf dem Friedhof der Trinity Church gesungen haben. Von dort aus verbreitete sich das Lied in Amerika.
Der wohl älteste gedruckte Text mit allen sechs Strophen ist ein kleines Flugblatt aus der Stadt Steyr in Oberösterreich. Ein Flugblatt ist ein einzelnes bedrucktes Blatt, das man verteilt oder verkauft. Dieses Blatt wurde erst im Jahr 2016 in einem Wiener Antiquariat entdeckt. Ein Antiquariat ist ein Geschäft, das alte Bücher und Drucke verkauft.
Warum hielten viele Menschen „Stille Nacht“ für ein Volkslied?
Weil das Lied ohne die Namen von Mohr und Gruber gedruckt und von den Tiroler Sängern verbreitet wurde, hielten es viele Menschen für ein Volkslied aus Tirol. Ein Volkslied ist ein altes Lied, das die Menschen einander vorsingen und weitergeben. Meistens weiß niemand mehr, wer es geschrieben hat.
Andere glaubten, der Komponist Michael Haydn habe die Melodie geschrieben. Michael Haydn war der Bruder des berühmten Komponisten Joseph Haydn. Er hatte mehr als vierzig Jahre in Salzburg gearbeitet und dort viel Musik für die Kirche geschrieben. Michael Haydn war aber schon im Jahr 1806 gestorben, zwölf Jahre bevor das Lied entstand.
Im Jahr 1854 wollte die Hofkapelle des Königs von Preußen in Berlin wissen, wer das Lied wirklich geschrieben hat. Eine Hofkapelle ist eine Gruppe von Musikern, die für einen König spielt. Die Musiker fragten im Kloster St. Peter in Salzburg nach, weil sie vermuteten, dass Michael Haydn der Komponist war. Die Frage wurde an Franz Xaver Gruber in Hallein weitergegeben. Gruber schrieb daraufhin seine „Authentische Veranlassung“ und erklärte darin, dass Joseph Mohr den Text und er selbst die Melodie geschrieben hatte. Mohr war zu dieser Zeit schon gestorben. Bis sich das herumgesprochen hatte, dauerte es lange. Noch im Jahr 1861 sang ein Chor in Breslau das Lied als Werk von Michael Haydn, obwohl Gruber noch lebte.
Wie heißt „Stille Nacht“ in anderen Sprachen?
„Stille Nacht“ wurde in etwa 300 Sprachen und Dialekte übersetzt. Damit ist es eines der Lieder, die in den meisten Sprachen gesungen werden.
Auf Englisch heißt das Lied „Silent Night“. Die bekannteste englische Übersetzung schrieb der Pfarrer John Freeman Young aus New York. Er veröffentlichte sie im Jahr 1859. Er übersetzte nicht jedes Wort genau. Das Jesuskind mit den Locken kommt in seinem Text zum Beispiel nicht vor.
Was geschah mit „Stille Nacht“ im Ersten Weltkrieg?
Im Ersten Weltkrieg haben deutsche und britische Soldaten an Weihnachten 1914 für kurze Zeit aufgehört zu kämpfen. „Stille Nacht“ spielte dabei eine wichtige Rolle. Diese Waffenpause nennt man Weihnachtsfrieden.
Im Dezember 1914 lagen sich deutsche und britische Soldaten in Belgien in Schützengräben gegenüber. Schützengräben sind lange Gräben in der Erde, in denen sich Soldaten vor dem Beschuss schützen. Am Heiligabend fing ein deutscher Soldat in der Nähe der Stadt Ypern an, „Stille Nacht“ zu singen. Immer mehr deutsche Soldaten sangen mit. Die Briten kannten das Lied auf Englisch, klatschten und sangen ebenfalls. Danach kletterten Soldaten von beiden Seiten aus den Gräben, gaben sich die Hand und feierten gemeinsam Weihnachten. Kurz danach ging der Krieg aber weiter. Er dauerte noch fast vier Jahre.

Später wurde das Lied auch für Kriegszwecke missbraucht. In der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland, also von 1933 bis 1945, dichteten Anhänger von Adolf Hitler den Text um. In ihrer Fassung kamen Jesus und Gott nicht mehr vor. Durchgesetzt haben sich diese Texte nicht.
Warum gehört „Stille Nacht“ zum Kulturerbe?
„Stille Nacht“ steht seit dem Jahr 2011 im österreichischen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO. Die UNESCO ist eine Organisation der Vereinten Nationen, die sich um Bildung, Wissenschaft und Kultur kümmert.
Zum immateriellen Kulturerbe gehören Dinge, die man nicht anfassen kann, zum Beispiel Lieder, Tänze, Feste und Bräuche. Sie werden von Menschen gelebt und an die nächste Generation weitergegeben. Das Wort immateriell bedeutet nicht stofflich. Ins Verzeichnis kommt ein Brauch, wenn er für die Menschen eines Landes besonders wichtig ist und bewahrt werden soll.
In den Alpenländern, zum Beispiel in Österreich, gibt es bei vielen Familien eine besondere Regel. Dort wird „Stille Nacht“ erst am Heiligen Abend gesungen und nicht schon in der Adventszeit. In anderen Ländern läuft das Lied dagegen schon Wochen vor Weihnachten im Radio.
Wo kann man die Orte von „Stille Nacht“ heute besuchen?
Die Kirche St. Nikola in Oberndorf, in der das Lied zum ersten Mal erklang, gibt es nicht mehr. Wegen vieler Brände und Überschwemmungen durch die Salzach wurde der Ort ab 1901 weiter flussaufwärts neu gebaut. Die alte Kirche wurde nicht mehr gebraucht und im Jahr 1909 endgültig abgetragen. Auf dem Hügel aus ihren Trümmern wurde die Stille-Nacht-Kapelle gebaut und am 15. August 1937 eingeweiht.
Heute gibt es in Österreich mehrere Stille-Nacht-Orte mit Museen und Gedenkstätten.
| Ort | Was es dort gibt |
|---|---|
| Oberndorf bei Salzburg | Stille-Nacht-Kapelle, Stille-Nacht-Museum und das Denkmal für Mohr und Gruber. An Heiligabend findet vor der Kapelle eine Gedenkfeier statt. |
| Arnsdorf | das Schulhaus, in dem Gruber als Lehrer wohnte, mit einem Museum |
| Mariapfarr | die Kirche mit dem Gnadenbild und ein Stille-Nacht-Museum |
| Hallein | das Haus, in dem Gruber mit seiner Familie wohnte, und das Stille-Nacht-Museum mit Mohrs Gitarre |
| Wagrain | Mohrs Grab und ein Stille-Nacht-Museum |
| Hochburg-Ach | Grubers Geburtsort |
Zum Weiterdenken
Mohr und Gruber haben „Stille Nacht“ für eine kleine Kirche in einem armen Ort geschrieben. Sie konnten nicht ahnen, dass es eines Tages auf der ganzen Welt gesungen wird. Was meinst du, warum ist gerade dieses einfache Lied so berühmt geworden? Überlege auch, warum die Soldaten im Jahr 1914 ausgerechnet dieses Lied gesungen haben.
Quellen: Stille Nacht Gesellschaft: Geschichtliches, Stille Nacht Gesellschaft: Zeittafel, Stille Nacht Gesellschaft: Texte und Noten, Stille Nacht Gesellschaft: Die Verbreitung, Stille Nacht Gesellschaft: Mariapfarr, Stille Nacht Gesellschaft: Oberndorf, SalzburgerLand Tourismus: Mythen und Legenden, immuseum: Die Geschichte von Stille Nacht, Österreichische UNESCO-Kommission: Stille Nacht, Deutsche Welle: Weihnachtsfrieden 1914, Salzburger Nachrichten: Das Jahr ohne Sommer 1816

