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Das älteste Weihnachtslied Deutschlands: Sei uns willkommen, Herre Christ

Blick in die goldene Kuppel des Aachener Doms

Die kurze Antwort

Das älteste Weihnachtslied Deutschlands heißt „Sei uns willkommen, Herre Christ“. Es ist das älteste deutschsprachige Weihnachtslied, von dem man sowohl den Text als auch die Melodie kennt. Gesungen wurde es im Mittelalter in Aachen, und zwar in der Nacht vor Weihnachten im Dom. Die älteste vollständige Fassung mit Noten wurde zwischen 1394 und 1398 aufgeschrieben, also vor über 600 Jahren. Sie liegt heute in einer alten Handschrift in der Universitätsbibliothek Erfurt. Oft liest man, das Lied stamme aus der Zeit um das Jahr 1000. Das stimmt nicht, denn nur das Buch, in dem eine zweite, unvollständige Aufzeichnung des Liedes steht, ist so alt. Im Aachener Dom wird das Lied bis heute an Weihnachten gesungen.

Was ist das älteste Weihnachtslied Deutschlands?

Das älteste Weihnachtslied Deutschlands ist „Sei uns willkommen, Herre Christ“. Fachleute nennen es auch das Aachener Weihnachtslied, weil es aus Aachen stammt.

Wichtig ist dabei ein kleiner Zusatz. Es ist das älteste deutschsprachige Weihnachtslied, bei dem Text und Melodie vollständig erhalten sind. Von manchen anderen alten Liedern kennt man nur den Text, aber nicht die Melodie. Von anderen kennt man nur eine spätere Fassung. Deshalb ist „Sei uns willkommen, Herre Christ“ das älteste deutsche Weihnachtslied, das man heute noch genau so singen kann, wie es im Mittelalter aufgeschrieben wurde.

Die Melodie wurde gleich für den deutschen Text erfunden. Das ist für ein so altes Lied ungewöhnlich. Viele alte deutsche Kirchenlieder sind nämlich Übersetzungen lateinischer Lieder, und sie wurden auf deren Melodie gesungen.

Wie lautet der Text des ältesten deutschen Weihnachtsliedes?

Der Text des ältesten deutschen Weihnachtsliedes ist sehr kurz. Er besteht nur aus vier kurzen Zeilen und einem Ruf am Ende. In der Erfurter Handschrift lautet er so:

„Sys willekomen heirre kerst, want du onser alre heirre bis, sys willekomen, lieve heirre, her in ertriche also schone. Kirieleys.“

Die Sprache ist das Deutsch, das man vor über 600 Jahren am Niederrhein und in Aachen sprach. Fachleute nennen es Niederfränkisch. In heutigem Deutsch bedeutet der ganze Text ungefähr:

„Sei willkommen, Herre Christ, weil du unser aller Herre bist. Sei willkommen, lieber Herre, hier auf der Erde gar so schöne. Kyrieleis.“

Heute singt man meistens eine Fassung, die der Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben im 19. Jahrhundert in neueres Deutsch übertragen hat. Sie beginnt mit „Nun sei uns willkommen, Herre Christ, der du unser aller Herre bist“.

Es gibt auch eine zweite Strophe. Sie ist nicht in der Erfurter Handschrift enthalten. Überliefert hat sie der Aachener Geschichtsforscher Christian Quix im Jahr 1825 in einem Buch über den Aachener Dom. Sie beginnt mit „Nun ist Gott geboren, unser aller Trost“.

Was bedeutet der Text des ältesten deutschen Weihnachtsliedes?

Mit dem ältesten deutschen Weihnachtslied begrüßen die Menschen Jesus Christus, der an Weihnachten geboren wurde. Christen glauben, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Deshalb nennen sie ihn „Herr“. Im Mittelalter sagte man dazu „Herre“.

Das Wort „willkommen“ zeigt, worum es geht. Die Menschen singen so, als würde Jesus gerade auf der Erde ankommen und als würden sie ihn wie einen Gast an der Tür begrüßen. Das passt zur Weihnachtsnacht, in der Christen die Geburt von Jesus feiern.

Am Ende steht das Wort Kyrieleis. Es ist eine Abkürzung von „Kyrie eleison“. Das ist Griechisch und bedeutet „Herr, erbarme dich“. „Erbarme dich“ heißt so viel wie „sei gut zu uns und hilf uns“. Diesen Ruf kannten im Mittelalter alle Menschen, denn er kam in jedem Gottesdienst vor.

Warum ist das älteste deutsche Weihnachtslied eine Leise?

Das älteste deutsche Weihnachtslied ist eine Leise, weil es mit dem Ruf „Kyrieleis“ endet. So nennt man alte deutsche Kirchenlieder, die mit diesem Ruf aufhören. Der Name hat nichts mit „leise singen“ zu tun. Er kommt von dem Wort „eleison“ am Ende des Rufs.

Die Leisen gehören zu den ältesten Liedern, die die Menschen in Deutschland in der Kirche auf Deutsch gesungen haben. Das liegt daran, dass sich aus dem kurzen Ruf „Kyrie eleison“ mit der Zeit kleine Lieder bildeten. Die Menschen setzten vor den bekannten Ruf ein paar deutsche Zeilen. Den Ruf am Ende konnten alle mitsingen, auch wenn sie den Text davor nicht auswendig kannten.

Dass „Sei uns willkommen, Herre Christ“ eine Leise ist, bestätigt auch die Universität Erfurt. Auch andere bekannte Weihnachtslieder sind Leisen, zum Beispiel „Gelobet seist du, Jesu Christ“. Bei diesem Lied steht das „Kyrieleis“ bis heute am Ende jeder Strophe.

Wo wurde das älteste deutsche Weihnachtslied aufgeschrieben?

Die älteste vollständige Fassung des ältesten deutschen Weihnachtsliedes steht in einer Handschrift, die heute in der Universitätsbibliothek Erfurt liegt. Eine Handschrift ist ein Buch, das mit der Hand geschrieben wurde. Bevor der Buchdruck erfunden war, gab es nur solche Bücher.

Die Handschrift hat die Nummer Q 332. Sie entstand im 14. Jahrhundert in England. Darin stehen vor allem Texte auf Latein. Das Weihnachtslied steht auf Blatt 105. Dieses Blatt war ursprünglich leer geblieben. Ein Schreiber nutzte den freien Platz und trug dort das Lied mit Noten ein. Die Forscherinnen und Forscher in Erfurt nennen das Lied deshalb einen „Lückenfüller“.

Aufgeschrieben wurde das Lied zwischen 1394 und 1398 in Aachen. Der Schreiber war wahrscheinlich Johann Barba, der auch Johann Bart genannt wurde. Er war Kaplan an der Katharinenkapelle in Aachen. Ein Kaplan ist ein Priester, der in einer Kirche oder Kapelle die Gottesdienste hält. Mit dem Buch reiste das Lied später von Aachen nach Erfurt.

Handgeschriebenes Blatt aus der Bibliotheca Amploniana in Erfurt, um 1350
Ein Blatt aus einer anderen Handschrift der Bibliotheca Amploniana in Erfurt. Sie wurde um 1350 mit der Hand geschrieben und mit bunten Buchstaben verziert. Bild: unbekannter Schreiber, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Warum liegt das älteste deutsche Weihnachtslied in Erfurt?

Das älteste deutsche Weihnachtslied stammt aus Aachen und liegt trotzdem in Erfurt, weil ein Gelehrter namens Amplonius die Handschrift gekauft hat. Er kaufte sie wahrscheinlich in Köln und nahm sie mit nach Erfurt.

Amplonius Rating de Berka wurde 1363 oder 1364 in Rheinberg am Niederrhein geboren. Er studierte in Prag, Köln und Erfurt und wurde Arzt. Von 1394 bis 1395 war er Rektor der Universität Erfurt, also ihr Leiter. Er starb 1435 in Köln.

Amplonius sammelte sein Leben lang Bücher. Im Jahr 1412 schenkte er seine Sammlung einem Wohnheim für Studenten in Erfurt, das Collegium Porta Coeli hieß. Das ist Latein und bedeutet „Himmelspforte“. Damals bestand die Sammlung aus 633 Bänden. Etwa 430 davon liegen heute noch in Erfurt. Mit späteren Büchern umfasst die Sammlung heute 979 handgeschriebene Bände mit mehr als 7.000 einzelnen Texten. Sie heißt nach ihm Bibliotheca Amploniana. Es ist die größte Büchersammlung eines Gelehrten aus dem späten Mittelalter, die noch fast ganz erhalten ist.

Das Collegium maius, Hauptgebäude der alten Universität Erfurt
Das Collegium maius in Erfurt war das Hauptgebäude der alten Universität Erfurt. An dieser Universität war Amplonius Rektor. Foto: Thomas Hummel, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Wie klang das älteste deutsche Weihnachtslied?

In der Erfurter Handschrift ist das älteste deutsche Weihnachtslied dreistimmig aufgeschrieben. Dreistimmig heißt, dass drei Gruppen von Sängern gleichzeitig drei verschiedene Melodien singen, die zusammen gut klingen.

Deshalb steht der Text in der Handschrift dreimal untereinander. Zuerst stehen die beiden oberen Stimmen. Danach folgt die untere Stimme. Sie trägt die eigentliche Melodie des Liedes. Fachleute nennen eine solche Grundmelodie Cantus firmus. Das ist Latein und bedeutet „fester Gesang“. Die anderen beiden Stimmen wurden um diese Grundmelodie herum erfunden.

Im 14. Jahrhundert war dreistimmige Musik in Deutschland noch selten. Meistens sangen alle Sänger dieselbe Melodie. Die Aachener Fassung war also für damalige Verhältnisse kunstvoll. Wie die Melodie heute klingt, kannst du dir am Ende dieses Beitrags anhören.

Was ist das Aachener Fragment des ältesten deutschen Weihnachtsliedes?

Das Aachener Fragment ist eine zweite, unvollständige Aufzeichnung des ältesten deutschen Weihnachtsliedes. Ein Fragment ist ein Bruchstück, also ein Teil von etwas, das nicht vollständig erhalten ist.

Das Fragment steht in einem berühmten Buch, dem Liuthar-Evangeliar. Ein Evangeliar ist ein Buch mit den vier Evangelien, also den Berichten über das Leben von Jesus aus der Bibel. Dieses Evangeliar wurde kurz vor dem Jahr 1000 im Kloster Reichenau am Bodensee geschrieben und mit goldenen Bildern bemalt. Kaiser Otto III. schenkte es wahrscheinlich dem Aachener Dom. Später wurde das Buch bei der Krönung der deutschen Könige in Aachen gebraucht. Auf dieses Evangeliar legten die Könige die Hand, wenn sie ihren Eid schworen. Ein Eid ist ein feierliches Versprechen. Seit 2003 gehört es zum Weltdokumentenerbe der UNESCO. Das ist eine Liste mit besonders wertvollen Büchern, Briefen und Dokumenten aus der ganzen Welt.

Im Jahr 1886 entdeckte man in diesem Buch den Anfang des Weihnachtsliedes mit Noten. Gefunden hat ihn der Aachener Chorleiter Heinrich Böckeler. Der Eintrag beginnt mit „Syt willekomen heirre kirst“ und bricht nach wenigen Worten mitten im Lied ab. Die Melodie ist etwas anders als in der Erfurter Handschrift.

Kaiser Otto III. auf dem Thron, Bild aus dem Liuthar-Evangeliar
Ein Bild aus dem Liuthar-Evangeliar. Es zeigt Kaiser Otto III. auf seinem Thron. Das Buch entstand um das Jahr 1000. Den Anfang des Weihnachtsliedes hat jemand viel später auf eine seiner Seiten geschrieben. Bild: unbekannter Buchmaler, Kloster Reichenau, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Stammt das älteste deutsche Weihnachtslied aus dem Jahr 1000?

Nein, das älteste deutsche Weihnachtslied stammt nach heutigem Wissen nicht aus der Zeit um das Jahr 1000. Die Forscher gehen davon aus, dass es im 14. Jahrhundert aufgeschrieben wurde. In vielen Büchern und im Internet steht trotzdem, das Lied sei 1.000 Jahre alt. Das hat zwei Gründe.

Der erste Grund ist das Liuthar-Evangeliar. Das Buch selbst ist zwar um das Jahr 1000 entstanden. Das Weihnachtslied hat aber jemand erst viel später auf eine Seite geschrieben. An der Form der Buchstaben erkennen Fachleute, dass der Eintrag aus dem 14. oder 15. Jahrhundert stammt. Manche Texte verwechseln also das Alter des Buchs mit dem Alter des Eintrags.

Der zweite Grund ist der Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben. Er hat sich im 19. Jahrhundert mit alten deutschen Kirchenliedern beschäftigt und ein Buch darüber geschrieben. Darin ordnete er das Lied dem 11. Jahrhundert zu. Diese Angabe wurde später oft abgeschrieben.

Ganz ausschließen kann man nicht, dass die Menschen in Aachen das Lied schon früher gesungen haben, bevor es jemand aufschrieb. Belegt ist das aber nicht. Sicher ist nur, dass es im 14. Jahrhundert in Aachen gesungen wurde.

Gemälde von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, 1898
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben auf einem Gemälde von Ernst Henseler aus dem Jahr 1898. Der Dichter ordnete das Aachener Weihnachtslied dem 11. Jahrhundert zu. Bild: Ernst Henseler, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Warum ist das älteste deutsche Weihnachtslied so kurz?

Das älteste deutsche Weihnachtslied ist so kurz, weil die Menschen im Mittelalter in der Kirche nur wenige deutsche Zeilen singen durften. Das liegt daran, dass im Mittelalter der Gottesdienst in der katholischen Kirche auf Latein gefeiert wurde. Latein war die Sprache der Kirche und der Gelehrten. Die meisten Menschen verstanden es aber nicht, weil sie nie eine Schule besucht hatten.

In der Messe, dem wichtigsten Gottesdienst, gab es deshalb keinen Platz für deutsche Lieder. Die Lieder der Messe sang ein Chor aus Priestern und Sängern auf Latein. Die Gemeinde hörte vor allem zu. Deutsche Lieder durften die Menschen nur zu bestimmten Gelegenheiten singen, zum Beispiel bei Prozessionen, bei Wallfahrten oder an hohen Festtagen vor oder nach der Messe. Eine Prozession ist ein feierlicher Umzug, bei dem Gläubige betend und singend durch die Kirche oder durch die Straßen ziehen.

Deshalb sind die ältesten deutschen Kirchenlieder sehr kurz. Es waren oft nur wenige Zeilen, die die Gemeinde gut behalten konnte. Auch „Sei uns willkommen, Herre Christ“ hat nur vier kurze Zeilen und den Ruf „Kyrieleis“. Erst ab der Zeit von Martin Luther im 16. Jahrhundert sangen die Menschen in den evangelischen Kirchen regelmäßig lange Lieder auf Deutsch.

Wann wurde das älteste deutsche Weihnachtslied im Mittelalter gesungen?

Das älteste deutsche Weihnachtslied wurde in Aachen in der Nacht vor Weihnachten gesungen, während der Christmette. Die Christmette ist der Gottesdienst in der Heiligen Nacht, in dem Christen die Geburt von Jesus feiern.

Wie dieser Gottesdienst ablief, steht in einer Anweisung der Priester des Aachener Doms aus dem 14. Jahrhundert. Zuerst wurde auf Latein ein Abschnitt aus der Bibel vorgelesen, der Stammbaum von Jesus aus dem Matthäus-Evangelium. Darin werden die Vorfahren von Jesus aufgezählt. Er beginnt auf Latein mit den Worten „Liber generationis“, das heißt „Buch der Abstammung“. Direkt danach sangen die Menschen „Sei uns willkommen, Herre Christ“. Danach folgte ein großes lateinisches Loblied, das Te Deum, mit Orgelmusik. Erst danach begann die Messe.

Das deutsche Lied hatte also einen festen Platz, aber nicht in der Messe selbst, sondern davor. Das passt zu der Regel, dass in der Messe nur Latein gesungen wurde.

Blick in die goldene Kuppel des Aachener Doms
Die Kuppel über dem achteckigen Mittelraum des Aachener Doms. In dieser Kirche wurde schon im Mittelalter in der Nacht vor Weihnachten das älteste deutsche Weihnachtslied gesungen. Foto: Zairon, CC0, via Wikimedia Commons

Warum stimmte ein Aachener Schöffe das älteste deutsche Weihnachtslied an?

Das älteste deutsche Weihnachtslied wurde in Aachen vom Schöffenmeister angestimmt, weil die Schöffen der Stadt am Abend vor Weihnachten gemeinsam in den Dom kamen. Anstimmen heißt, dass jemand die ersten Töne vorsingt und die anderen danach einsetzen.

Die Schöffen waren angesehene Bürger der Stadt Aachen. Sie sprachen Recht und kümmerten sich um die Verwaltung der Stadt. Der Schöffenmeister war ihr Anführer. Das Lied wurde also nicht von einem Priester angestimmt, sondern von einem Bürger, der die Stadt vertrat.

Die Schöffen trafen sich an diesem Abend, weil mit dem Weihnachtsfest damals das neue Jahr begann. Heute beginnt das Jahr am 1. Januar. Im Mittelalter war Weihnachten deshalb ein wichtiger Stichtag für Geschäfte und Gerichtssachen, und zum neuen Jahr wechselten auch die Ämter in der Stadt. Am Heiligabend hielten die Schöffen zuerst eine Sitzung ab. Danach gingen sie zum Gottesdienst in den Dom, und zum Schluss aßen sie gemeinsam.

Im Gottesdienst stimmte der Schöffenmeister das Lied an, nachdem das Evangelium vorgelesen worden war. Der Text passt genau zu diesem Moment. Im Evangelium hatten die Menschen gerade von den Vorfahren von Jesus gehört. Mit „Sei uns willkommen, Herre Christ“ begrüßten sie nun Jesus selbst wie einen Gast, der gerade angekommen ist. Deshalb nennt man das Lied auch einen Willkommensgruß für Christus. Ob die anderen Schöffen und die übrigen Menschen in der Kirche mitsangen, steht in den alten Berichten nicht.

Wird das älteste deutsche Weihnachtslied heute noch gesungen?

Ja, im Aachener Dom gehört das älteste deutsche Weihnachtslied bis heute zur Christmette. Zuerst singt der Knabenchor die alte Fassung in der Sprache des Mittelalters. Danach singt der Männerchor das Lied auf Hochdeutsch. Der Aachener Domchor ist einer der ältesten Chöre in Deutschland. Er geht auf eine Sängerschule zurück, die es schon zur Zeit von Karl dem Großen um das Jahr 800 gab.

In anderen Kirchen hört man das Lied seltener. In der alten Ausgabe des katholischen Gesangbuchs Gotteslob von 1975 stand es noch unter der Nummer 131. Ein Gesangbuch ist ein Buch mit den Liedern, die in der Kirche gesungen werden. In das neue Gotteslob von 2013 wurde es für ganz Deutschland nicht mehr aufgenommen. Nur im Teil für das Bistum Aachen steht es noch, sogar in zwei Fassungen.

Im Evangelischen Gesangbuch steht das Lied unter der Nummer 22, allerdings mit einer neuen Melodie. Diese Melodie hat der Komponist Walter Rein im Jahr 1934 geschrieben. Er machte aus dem Lied einen Kanon. Bei einem Kanon singen mehrere Gruppen dieselbe Melodie, aber jede Gruppe beginnt etwas später als die vorherige. Dadurch klingen die Stimmen gleichzeitig und passen trotzdem zusammen.

Wo kann man das älteste deutsche Weihnachtslied heute sehen und hören?

Hören kann man das älteste deutsche Weihnachtslied jedes Jahr in der Christmette im Aachener Dom. Die beiden Handschriften, in denen das Lied steht, kann man dagegen nur selten sehen.

Die vollständige Fassung liegt in der Universitätsbibliothek Erfurt in der Sammlung Bibliotheca Amploniana. Alte Handschriften sind sehr empfindlich. Licht, Wärme und zu trockene Luft können das Pergament und die Farben beschädigen. Deshalb werden sie in geschützten Räumen aufbewahrt und nur bei besonderen Ausstellungen gezeigt. Hunderte Handschriften der Amploniana sollen fotografiert und im Internet für alle sichtbar gemacht werden.

Das Liuthar-Evangeliar mit dem Aachener Fragment gehört der Domschatzkammer in Aachen. Eine Schatzkammer ist ein Museum, in dem eine Kirche ihre wertvollsten Gegenstände aufbewahrt. In der Aachener Domschatzkammer sind auf drei Etagen über 100 Kunstwerke ausgestellt, zum Beispiel goldene Kreuze, Kronen und Gewänder. Im Jahr 2024 war das Liuthar-Evangeliar ein halbes Jahr lang in einer großen Ausstellung in Konstanz am Bodensee zu sehen, also ganz in der Nähe des Klosters Reichenau, in dem es entstanden ist. Aufgeschlagen war das Buch dort aber bei dem berühmten Bild von Kaiser Otto III. und nicht bei der Seite mit dem Weihnachtslied.

Eingang der Domschatzkammer in Aachen
Der Eingang der Domschatzkammer in Aachen. Hier wird das Liuthar-Evangeliar aufbewahrt, in dem der Anfang des ältesten deutschen Weihnachtsliedes steht. Foto: Dietmar Rabich, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Ist „Es ist ein Ros entsprungen“ das älteste deutsche Weihnachtslied?

Nein, „Es ist ein Ros entsprungen“ ist nicht das älteste deutsche Weihnachtslied. Es ist fast 200 Jahre jünger als „Sei uns willkommen, Herre Christ“. Trotzdem wird es oft als ältestes Weihnachtslied bezeichnet, weil es eines der bekanntesten alten Weihnachtslieder ist.

Die älteste schriftliche Fassung steht in einem Andachtsbuch aus der Kartause St. Alban in Trier. Eine Kartause ist ein Kloster, in dem Mönche sehr still und zurückgezogen leben. Ein Mönch namens Frater Conradus hat das Lied dort Ende 1587 oder Anfang 1588 aufgeschrieben, mit 19 Strophen. Die Melodie wurde erst im Jahr 1599 in einem Gesangbuch gedruckt.

Ist „In dulci jubilo“ das älteste deutsche Weihnachtslied?

Nein, „In dulci jubilo“ gilt nicht als ältestes deutsches Weihnachtslied, obwohl es etwa genauso alt ist wie „Sei uns willkommen, Herre Christ“. Der Grund ist, dass es zur Hälfte auf Latein gesungen wird. Die ältesten Handschriften mit diesem Lied stammen aus dem späten 14. Jahrhundert und aus der Zeit um 1400. Eine liegt in Mainz, eine andere in Leipzig.

„In dulci jubilo“ ist also kein rein deutsches Lied. Es ist ein Mischlied, in dem sich lateinische und deutsche Zeilen abwechseln. „In dulci jubilo“ ist Latein und bedeutet „in süßem Jubel“. Deshalb gilt „Sei uns willkommen, Herre Christ“ als ältestes deutschsprachiges Weihnachtslied mit Melodie.

Ist „Gelobet seist du, Jesu Christ“ das älteste deutsche Weihnachtslied?

„Gelobet seist du, Jesu Christ“ ist fast genauso alt wie das älteste deutsche Weihnachtslied, aber von seiner Melodie gibt es erst spätere Aufzeichnungen. Die erste Strophe ist ungefähr so alt wie das Aachener Lied. Sie wurde um das Jahr 1380 im Kloster Medingen bei Lüneburg aufgeschrieben. Der Text ist also vielleicht sogar etwas früher belegt.

Die Melodie ist aber erst aus der Zeit um 1460 überliefert, also etwa 60 Jahre später als die Aachener Melodie. Deshalb gilt „Sei uns willkommen, Herre Christ“ als das älteste Weihnachtslied, bei dem man Text und Melodie gemeinsam kennt. Martin Luther hat „Gelobet seist du, Jesu Christ“ im Jahr 1524 um sechs Strophen erweitert. In dieser Form wird es bis heute in katholischen und evangelischen Kirchen gesungen.

Welche alten deutschen Weihnachtslieder gibt es noch?

Nach dem ältesten deutschen Weihnachtslied entstanden in Deutschland noch viele weitere alte Weihnachtslieder. Wie die bekannten Weihnachtslieder aus späterer Zeit entstanden sind, erklären wir im Beitrag Woher kommen unsere Weihnachtslieder?. Die Tabelle zeigt, wann sie zum ersten Mal in einer Quelle auftauchen. Das bedeutet nicht immer, dass sie erst in diesem Jahr entstanden sind, denn manche Lieder wurden schon gesungen, bevor jemand sie aufschrieb.

LiedÄltester Beleg
Gelobet seist du, Jesu Christerste Strophe um 1380, Kloster Medingen
Sei uns willkommen, Herre ChristText und Melodie 1394 bis 1398, Aachen
In dulci jubiloEnde des 14. Jahrhunderts, Mainz
Der Tag, der ist so freudenreichum 1425
Joseph, lieber Joseph meinMitte des 15. Jahrhunderts, Kloster Tegernsee
Es kommt ein Schiff geladenum 1450, Straßburg
Nun komm, der Heiden Heilanddeutscher Text von Martin Luther 1524
Es ist ein Ros entsprungenEnde 1587 oder Anfang 1588, Trier
Stille Nacht, heilige Nacht1818, Oberndorf bei Salzburg
Die Stille-Nacht-Kapelle in Oberndorf bei Salzburg
Die Stille-Nacht-Kapelle in Oberndorf bei Salzburg. An dieser Stelle stand früher die Kirche, in der „Stille Nacht, heilige Nacht“ im Jahr 1818 zum ersten Mal gesungen wurde. Foto: Michael Burgholzer, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Was ist das älteste Weihnachtslied der Welt?

Das älteste Weihnachtslied der Welt ist viel älter als das älteste deutsche Weihnachtslied. Die ältesten bekannten Weihnachtslieder der Welt sind lateinische Lieder aus der Zeit vor etwa 1.600 Jahren. Eines der bekanntesten ist „Veni redemptor gentium“. Das bedeutet „Komm, Erlöser der Völker“. Geschrieben hat es Ambrosius, der im 4. Jahrhundert Bischof von Mailand in Italien war.

Solche feierlichen Lieder zum Lob Gottes nennt man Hymnen. Sie wurden von Mönchen und Priestern im Gottesdienst gesungen, nicht vom Volk. Martin Luther übersetzte den Hymnus von Ambrosius im Jahr 1524 ins Deutsche. Daraus wurde das Adventslied „Nun komm, der Heiden Heiland“. Dieses Lied ist also eigentlich viel älter als „Sei uns willkommen, Herre Christ“. Der deutsche Text ist aber erst über 100 Jahre jünger. Deshalb zählt es nicht als ältestes deutsches Weihnachtslied.

Was ist beim ältesten Weihnachtslied belegt und was nicht?

Über das älteste Weihnachtslied liest man viele verschiedene Angaben. Die Tabelle zeigt, was stimmt und was nicht.

AussageStimmt das?
„Sei uns willkommen, Herre Christ“ ist das älteste deutsche Weihnachtslied mit Text und Melodie.belegt durch die Erfurter Handschrift von 1394 bis 1398
Das Lied stammt aus der Zeit um das Jahr 1000.falsch, nur das Liuthar-Evangeliar ist so alt, der Eintrag stammt aus dem 14. oder 15. Jahrhundert
Das Lied stammt aus dem 11. Jahrhundert.nicht belegt, die Angabe geht auf Hoffmann von Fallersleben zurück
In Aachen wurde das Lied in der Christmette gesungen.belegt durch eine Anweisung aus dem 14. Jahrhundert
„Es ist ein Ros entsprungen“ ist das älteste Weihnachtslied.falsch, es ist erst 1587 oder 1588 belegt

Zum Weiterdenken

  • Das Lied wurde auf ein leeres Blatt in einem Buch geschrieben. Warum hat man im Mittelalter wohl freie Seiten in Büchern genutzt, statt ein neues Blatt zu nehmen?
  • Viele Menschen schreiben ab, dass das Lied 1.000 Jahre alt ist, ohne es zu prüfen. Wie kannst du herausfinden, ob eine Angabe im Internet stimmt?

So klingt das älteste deutsche Weihnachtslied

Hier kannst du dir die Melodie des ältesten deutschen Weihnachtsliedes anhören. Es ist die Melodie, die im alten katholischen Gesangbuch Gotteslob unter der Nummer 131 stand. Sie geht auf die Aachener Melodie aus dem Mittelalter zurück. In der Aufnahme spielen vier Stimmen mit einem Klang wie von einer Orgel, gesungen wird nicht.

Hörbeispiel: die Melodie von „Sei uns willkommen, Herre Christ“ wie im Gotteslob von 1975, vierstimmig mit Orgelklang. Satz und Notendatei: Peter Gerloff, gemeinfrei (CC0), via Wikimedia Commons. Klang für Kinder-Wiki aus der Notendatei erzeugt.

Quellen: Universität Erfurt: Das älteste deutschsprachige Weihnachtslied, Universität Erfurt: Die Sammlung der Bibliotheca Amploniana, BR-Klassik: Die ältesten deutschen Weihnachtslieder, Domradio: Das älteste Weihnachtslied der Deutschen, kathnews: Sei uns willkommen, Herre Christ, Historisches Lexikon Bayerns: Geistliches Lied im Mittelalter, Dehio: Evangeliar im Aachener Domschatz, Handschriftencensus: In dulci jubilo, Liederlexikon: Es kommt ein Schiff geladen, SWR: Es ist ein Ros entsprungen kommt aus Trier

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