Die kurze Antwort
Unsere Weihnachtslieder stammen aus fast 2.000 Jahren Geschichte. Am Anfang steht die Weihnachtsgeschichte in der Bibel, in der Engel Gott mit einem Lied loben. Daraus wurde ein Gesang für den Gottesdienst. Im Mittelalter sangen Mönche und Priester lateinische Weihnachtslieder, das Volk sang nur kurze deutsche Rufe. Seit Martin Luther vor rund 500 Jahren sang die ganze Gemeinde Lieder auf Deutsch. Die meisten Lieder, die Kinder heute kennen, sind aber erst etwa 200 Jahre alt. Damals feierten die Familien Weihnachten zum ersten Mal zu Hause mit Christbaum und Geschenken, und Pfarrer und Lehrer schrieben Lieder für Kinder. Das bekannteste ist „Stille Nacht, heilige Nacht“ aus dem Jahr 1818. Viele bekannte Lieder waren am Anfang gar keine Weihnachtslieder. „O Tannenbaum“ war ein Liebeslied, „Jingle Bells“ ein Lied über eine Schlittenfahrt.

Woher kommen unsere Weihnachtslieder?
Unsere Weihnachtslieder kommen aus vielen verschiedenen Zeiten, und jede Zeit hat eigene Lieder hinzugefügt. Die ältesten Lieder wurden in der Kirche auf Latein gesungen. Später kamen deutsche Kirchenlieder dazu, dann Lieder für Familien und Kinder, und zuletzt Lieder aus Radio, Film und Popmusik.
Wenn man wissen will, woher ein Lied kommt, muss man zwei Dinge getrennt betrachten: den Text und die Melodie. Oft stammen sie von verschiedenen Menschen und aus verschiedenen Jahren. Manchmal ist die Melodie sogar viel älter als der Text, weil jemand neue Worte zu einer schon bekannten Melodie geschrieben hat.
Die folgende Übersicht zeigt, in welcher Zeit welche Lieder entstanden sind.
| Zeit | Was passierte | Beispiele |
|---|---|---|
| 1. Jahrhundert | Die Bibel erzählt, dass Engel bei der Geburt von Jesus Gott loben. | „Ehre sei Gott in der Höhe“ |
| ab dem 4. Jahrhundert | Priester und Mönche singen lateinische Lieder im Gottesdienst. | „Veni redemptor gentium“ |
| Mittelalter | Das Volk singt kurze deutsche Lieder, die mit „Kyrieleis“ enden. | „Gelobet seist du, Jesu Christ“ |
| ab 1524 | Martin Luther lässt die Gemeinde auf Deutsch singen. Gesangbücher werden gedruckt. | „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ |
| 17. und 18. Jahrhundert | Dichter schreiben Lieder für das Gebet zu Hause. | „Ich steh an deiner Krippen hier“ |
| 19. Jahrhundert | Familien feiern zu Hause mit Christbaum. Pfarrer und Lehrer schreiben Kinderlieder. | „Stille Nacht“, „O du fröhliche“, „Ihr Kinderlein kommet“ |
| 20. Jahrhundert | Radio, Schallplatte und Film machen neue Weihnachtslieder bekannt. | „White Christmas“, „Last Christmas“ |
Was ist ein Weihnachtslied?
Ein Weihnachtslied ist ein Lied, das zur Weihnachtszeit gesungen wird. Im engen Sinn ist es ein Lied über die Geburt von Jesus, so wie sie in der Bibel erzählt wird. Heute nennt man aber auch Lieder über Schnee, Geschenke, Plätzchen oder den Weihnachtsmann Weihnachtslieder.
Man kann Weihnachtslieder in mehrere Gruppen einteilen:
- Kirchenlieder werden im Gottesdienst gesungen. Sie stehen im Gesangbuch, einem Buch mit Liedern für die Gemeinde. Beispiele sind „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ und „O du fröhliche“.
- Volkslieder sind Lieder, die viele Menschen auswendig singen, oft ohne zu wissen, wer sie geschrieben hat. Ein Beispiel ist „O Tannenbaum“.
- Kinderlieder wurden extra für Kinder geschrieben, mit einfachen Wörtern und einer leichten Melodie. Beispiele sind „Alle Jahre wieder“ und „Kling, Glöckchen“.
- Weihnachtssongs stammen aus der Popmusik und wurden im Radio und auf Schallplatten bekannt. Beispiele sind „White Christmas“ und „Last Christmas“.
Was ist der Unterschied zwischen Adventsliedern und Weihnachtsliedern?
Adventslieder handeln vom Warten auf Weihnachten, Weihnachtslieder handeln von der Geburt von Jesus. Der Advent ist die Zeit der vier Wochen vor Weihnachten. Deshalb heißt es in Adventsliedern oft „Komm“, zum Beispiel in „Nun komm, der Heiden Heiland“. In Weihnachtsliedern heißt es dagegen „Christ ist geboren“ oder „Christ, der Retter, ist da“.
In vielen Kirchen werden die eigentlichen Weihnachtslieder deshalb erst ab Heiligabend gesungen. Die Weihnachtszeit endet in der katholischen Kirche erst mit dem Fest Taufe des Herrn am Sonntag nach dem 6. Januar. Früher dauerte sie sogar bis Mariä Lichtmess am 2. Februar. Bis dahin bleiben in manchen Familien und Kirchen der Christbaum und die Krippe stehen, und es werden weiter Weihnachtslieder gesungen.
Was war das erste Weihnachtslied?
Das erste Weihnachtslied ist nach der Bibel der Gesang der Engel in der Heiligen Nacht. Im Lukasevangelium wird erzählt, wie ein Engel den Hirten auf dem Feld die Geburt von Jesus verkündet. Danach erscheinen viele Engel und loben Gott mit den Worten: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“ (Lukas 2,13–14).
Aus diesen Worten wurde ein Lied für den Gottesdienst, das Gloria. Das ist das lateinische Wort für „Ehre“. Das Gloria wird bis heute an Sonn- und Feiertagen im katholischen Gottesdienst gesungen, auch außerhalb der Weihnachtszeit. Deshalb nennen manche es das Weihnachtslied, das man das ganze Jahr über singt. Früher nannte man es auch den Engelshymnus. Ein Hymnus ist ein feierliches Lied, mit dem Gott gelobt wird.
Die ältesten Weihnachtslieder, die Menschen selbst gedichtet haben, sind lateinische Hymnen aus dem 4. Jahrhundert, zum Beispiel „Veni redemptor gentium“.
Wie sind die ersten deutschen Weihnachtslieder entstanden?
Die ersten deutschen Weihnachtslieder sind im Mittelalter aus kurzen Strophen entstanden, die das Volk im lateinischen Gottesdienst mitsingen durfte. Der Gottesdienst wurde damals auf Latein gefeiert, und gesungen haben vor allem Priester, Mönche und Chorknaben. Die meisten Menschen verstanden kein Latein. Deshalb durfte das Volk nur an wenigen Stellen mitsingen, und zwar kurze Strophen auf Deutsch.
Diese Strophen endeten mit dem Ruf „Kyrie eleison“, das bedeutet „Herr, erbarme dich“. Weil das Volk den Ruf zu „Kyrieleis“ verkürzte, heißen solche Lieder Leisen. Die bekannteste Weihnachtsleise ist „Gelobet seist du, Jesu Christ“. Ihre erste Strophe wurde um das Jahr 1380 in einem Kloster bei Lüneburg aufgeschrieben. Im Jahr 1524 dichtete Martin Luther sechs weitere Strophen dazu. So wurde aus der kurzen Leise ein ganzes Lied, das bis heute in evangelischen und katholischen Kirchen gesungen wird. Welches das älteste deutsche Weihnachtslied ist, erklären wir im Beitrag Das älteste Weihnachtslied Deutschlands.
Was hat Martin Luther mit Weihnachtsliedern zu tun?
Martin Luther hat dafür gesorgt, dass die ganze Gemeinde in der Kirche auf Deutsch singt. Luther war ein Mönch und Professor in Wittenberg. Ab 1517 wollte er die Kirche verändern. Diese Zeit nennt man Reformation, das bedeutet „Erneuerung“.
Luther fand, dass alle Menschen verstehen sollten, was im Gottesdienst gesungen wird. Deshalb übersetzte er lateinische Lieder ins Deutsche, erweiterte alte Leisen und dichtete neue Lieder. Gleichzeitig gab es seit einigen Jahrzehnten den Buchdruck. Damit konnte man viele gleiche Bücher schnell herstellen. So entstanden die ersten evangelischen Gesangbücher, und die Lieder verbreiteten sich in kurzer Zeit in vielen Städten.

Wie ist „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ entstanden?
„Vom Himmel hoch, da komm ich her“ hat Martin Luther um das Jahr 1534 gedichtet. Es wurde 1535 in einem Gesangbuch in Wittenberg gedruckt und hieß dort „Ein Kinderlied auf die Weihnacht Christi“. Nach einer Überlieferung schrieb Luther es für die Weihnachtsfeier mit seinen eigenen Kindern. Ob das stimmt, ist nicht sicher belegt.
Das Lied erzählt die Weihnachtsgeschichte in 15 Strophen wie ein Krippenspiel, also wie ein kleines Theaterstück: Zuerst spricht der Engel zu den Hirten, dann antworten die Menschen, die zur Krippe gehen.
Am Anfang sang man das Lied auf die Melodie eines bekannten Liedes von Spielleuten. Das waren Musiker, die auf Jahrmärkten auftraten. Ihr Lied begann mit „Ich komm aus fremden Landen her“. Luther schrieb also neue, fromme Worte zu einer Melodie, die die Leute schon kannten. Das nennt man Kontrafaktur. So konnten alle das neue Lied sofort mitsingen. Weil die Melodie aber auch in Gasthäusern gesungen wurde, schrieb Luther später eine eigene Melodie. Sie wurde 1539 gedruckt, und auf diese Melodie singt man das Lied bis heute.
Warum ist „Vom Himmel hoch“ für unsere Weihnachtslieder so wichtig?
„Vom Himmel hoch“ zeigt zum ersten Mal zwei Dinge, die für viele spätere Weihnachtslieder typisch sind: Es wurde für Kinder geschrieben, und sein Text wurde zuerst zu einer Melodie gesungen, die alle schon kannten.
Rund 300 Jahre später entstanden auf dieselbe Weise viele Lieder, die Kinder heute singen. „O du fröhliche“, „Ihr Kinderlein kommet“, „O Tannenbaum“ und „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ haben ihre Melodien aus älteren Liedern übernommen. Und auch im 19. Jahrhundert schrieben Pfarrer und Lehrer ihre Weihnachtslieder vor allem für Kinder. Wie es dazu kam, steht weiter unten.
Welche Weihnachtslieder stammen aus der Zeit nach Luther?
Aus der Zeit nach Luther stammen vor allem Lieder, mit denen sich ein einzelner Mensch an das Jesuskind wendet. Das bekannteste ist „Ich steh an deiner Krippen hier“ von Paul Gerhardt. Es wurde 1653 in einem berühmten Gesangbuch von Johann Crüger in Berlin gedruckt.
Paul Gerhardt war ein evangelischer Pfarrer. Er schrieb das Lied wenige Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges. Dieser Krieg hatte von 1618 bis 1648 gedauert und weite Teile Deutschlands zerstört. Viele Menschen hatten Angehörige verloren und suchten Trost. In den Liedern aus Luthers Zeit singt meist die ganze Gemeinde „wir“. Bei Gerhardt spricht dagegen ein Einzelner: „Ich steh an deiner Krippen hier“. Er sagt dem Kind, dass er ihm alles schenken will, was er hat.
Das Lied hatte ursprünglich 15 Strophen. Im heutigen evangelischen Gesangbuch stehen davon neun. Johann Sebastian Bach nahm die erste Strophe 1734 in sein Weihnachtsoratorium auf. Im Jahr 1736 schrieb er eine neue Melodie zu dem Lied, auf die es heute in evangelischen Kirchen meist gesungen wird. Mehr über dieses große Musikwerk steht im Beitrag Das Weihnachtsoratorium von Bach.
Warum sind so viele Weihnachtslieder im 19. Jahrhundert entstanden?
Im 19. Jahrhundert, also zwischen 1800 und 1900, wurde Weihnachten zu einem Familienfest, und für dieses neue Fest brauchte man neue Lieder. Vorher war Weihnachten vor allem ein Fest der Kirche. Nun feierten immer mehr Familien den Heiligen Abend zu Hause im Wohnzimmer.
Das hatte mehrere Gründe:
- In den Städten gab es immer mehr Bürgerfamilien, zum Beispiel Familien von Kaufleuten, Beamten, Lehrern und Pfarrern. Sie hatten Wohnungen mit einer guten Stube und feierten gern im kleinen Kreis.
- In dieser Zeit kam der geschmückte Christbaum in die Wohnzimmer. Unter dem Baum lagen Geschenke für die Kinder. Diese Feier nennt man Bescherung.
- Die Kinder standen bei diesem Fest im Mittelpunkt. Man wollte, dass sie die Weihnachtsgeschichte verstehen und sich freuen.
- Immer mehr Kinder gingen zur Schule. Dort wurde viel gesungen, und Lehrer brauchten Lieder mit einfachen Texten.
- Liederbücher konnten jetzt billig gedruckt werden. Dadurch verbreitete sich ein neues Lied schnell im ganzen Land.
Deshalb schrieben vor allem Pfarrer und Lehrer neue Weihnachtslieder. Sie wollten den Kindern mit einfachen Worten erklären, was an Weihnachten gefeiert wird. Viele dieser Lieder singen wir bis heute. Gleichzeitig begannen Gelehrte, alte Lieder aus dem Volk zu sammeln und aufzuschreiben. Sie nannten sie Volkslieder. Manche neue Lieder wurden sogar für uralte Volkslieder gehalten, obwohl man ihre Dichter kannte.

| Lied | Text | Melodie |
|---|---|---|
| Ihr Kinderlein kommet | Christoph von Schmid, um 1810 | Johann Abraham Peter Schulz, 1794, für ein Frühlingslied |
| Stille Nacht, heilige Nacht | Joseph Mohr, 1816 | Franz Xaver Gruber, 1818 |
| O du fröhliche | Johannes Daniel Falk, 1816 | Marienlied aus Sizilien |
| O Tannenbaum | Ernst Anschütz, 1824, nach einem Liebeslied von 1820 | altes Lied über einen Zimmermann |
| Morgen kommt der Weihnachtsmann | August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, 1835 | Lied aus Frankreich, 18. Jahrhundert |
| Alle Jahre wieder | Wilhelm Hey, 1837 | Friedrich Silcher, 1842 |
| Kling, Glöckchen, klingelingeling | Karl Enslin, gedruckt 1854 | unbekannt |
| Leise rieselt der Schnee | Eduard Ebel, 1895 | nicht sicher geklärt |
Wie ist „Stille Nacht, heilige Nacht“ entstanden?
„Stille Nacht, heilige Nacht“ wurde am 24. Dezember 1818 in der Kirche St. Nikola in Oberndorf bei Salzburg in Österreich zum ersten Mal gesungen. Den Text hatte der junge Priester Joseph Mohr schon im Jahr 1816 geschrieben. Die Melodie komponierte Franz Xaver Gruber, ein Lehrer und Organist, erst am Tag der Aufführung. Mohr hatte ihn um eine Melodie für zwei Sänger, einen Chor und eine Gitarre gebeten. Nach der Christmette, dem Gottesdienst in der Heiligen Nacht, sangen die beiden das Lied, und Mohr spielte dazu Gitarre.
Bekannt wurde das Lied durch Sängerfamilien aus dem Zillertal in Tirol, die mit ihren Liedern durch Europa und bis nach Amerika reisten. Weil die Namen von Mohr und Gruber dabei nicht genannt wurden, hielten viele „Stille Nacht“ lange für ein altes Volkslied aus Tirol. Erst 1854 schrieb Gruber auf, wie das Lied wirklich entstanden war.
Die ganze Geschichte des Liedes, die Legende von der kaputten Orgel, alle sechs Strophen und den Weihnachtsfrieden von 1914 erklären wir im Beitrag Stille Nacht, heilige Nacht: Wie ist das Lied entstanden?.
Wie ist „O du fröhliche“ entstanden?
„O du fröhliche“ hat Johannes Daniel Falk im Jahr 1816 in Weimar gedichtet, und zwar zuerst nicht nur für Weihnachten. Falk war ein Schriftsteller. In Weimar kümmerte er sich um Kinder, die nach den Kriegen gegen Napoleon ohne Eltern auf der Straße lebten. Für sie gründete er ein Haus, in dem sie wohnen, lernen und einen Beruf erlernen konnten.
Falk hatte selbst großes Leid erlebt. Im Jahr 1813 starben vier seiner eigenen Kinder an einer schweren Krankheit, dem Typhus. Trotzdem schrieb er für die Kinder in seinem Haus ein fröhliches Lied. Es hieß „Allerdreifeiertagslied“, weil es zu den drei großen Festen der Kirche passte: Die erste Strophe handelte von Weihnachten, die zweite von Ostern und die dritte von Pfingsten.
Nach Falks Tod im Jahr 1826 dichtete Heinrich Holzschuher die zweite und dritte Strophe um. Seitdem handeln alle drei Strophen von Weihnachten.
Die Melodie ist viel älter und kommt aus Italien. Es ist ein Lied an Maria aus Sizilien, das mit den Worten „O sanctissima“ beginnt, „O du Heiligste“. Der Dichter Johann Gottfried Herder hatte es in einer Sammlung mit Liedern aus vielen Ländern abgedruckt. Von dort kannte Falk die Melodie. Manchmal liest man, ein Waisenjunge habe Falk die Melodie vorgesungen. Dafür gibt es keinen Beleg.

Wer hat „Ihr Kinderlein kommet“ geschrieben?
Den Text von „Ihr Kinderlein kommet“ hat der Priester und Lehrer Christoph von Schmid geschrieben. Er lebte von 1768 bis 1854 in Bayern und schrieb viele Bücher und Geschichten für Kinder. Sein Gedicht hieß zuerst „Die Kinder bei der Krippe“ und hatte acht Strophen. Er schrieb es um das Jahr 1810, gedruckt wurde es 1811. Forscher konnten das Jahr am Wasserzeichen im Papier der Handschrift bestimmen. Das ist ein Zeichen, das man sieht, wenn man das Papier gegen das Licht hält. Es verrät, wo und wann das Papier hergestellt wurde.
Die Melodie war ursprünglich für ein ganz anderes Lied gedacht. Der Komponist Johann Abraham Peter Schulz hatte sie 1794 für das Frühlingslied „Wie reizend, wie wonnig“ geschrieben. Erst später verband ein Lehrer aus Gütersloh, Friedrich Hermann Eickhoff, den Weihnachtstext mit dieser Melodie. Das Lied wurde in einem billigen Liederbuch gedruckt und so in vielen Schulen bekannt.
Woher kommen „Alle Jahre wieder“, „Kling, Glöckchen“ und „Leise rieselt der Schnee“?
Alle drei Lieder wurden im 19. Jahrhundert von Pfarrern und Lehrern für Kinder geschrieben.
Alle Jahre wieder
„Alle Jahre wieder“ hat der evangelische Pfarrer Wilhelm Hey im Jahr 1837 gedichtet. Er schrieb Bücher mit Fabeln und Gedichten für Kinder. Die bekannte Melodie stammt von dem Komponisten Friedrich Silcher aus dem Jahr 1842. In dem Lied kommt das Christuskind jedes Jahr zu den Menschen. Es ist also ein Lied über die Wiederkehr des Festes.
Kling, Glöckchen, klingelingeling
„Kling, Glöckchen“ hat der Frankfurter Lehrer Karl Enslin geschrieben. Das Gedicht hieß zuerst „Christkindchens Einlass“ und wurde 1854 gedruckt. Darin bittet das Christkind darum, ins warme Haus gelassen zu werden. Wer die heutige Melodie komponiert hat, ist nicht bekannt.
Leise rieselt der Schnee
„Leise rieselt der Schnee“ hat der evangelische Pfarrer Eduard Ebel geschrieben. Es wurde 1895 in einem Band mit seinen Gedichten gedruckt. Woher die Melodie stammt, ist nicht sicher geklärt. Das Lied erzählt vom Winter und von der Freude der Kinder auf das Christkind. Es gehört zu den jüngsten Liedern aus dieser Zeit.
Warum war „O Tannenbaum“ zuerst kein Weihnachtslied?
„O Tannenbaum“ war zuerst ein trauriges Liebeslied. Geschrieben hat es der Lehrer August Zarnack. Er leitete in Potsdam ein Waisenhaus für Kinder von Soldaten. Das Lied wurde 1820 gedruckt und begann mit den Worten „O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter“.
In diesem Lied klagt ein junger Mann über ein Mädchen, das ihn nicht mehr liebt. Der Tannenbaum ist darin ein Zeichen für Treue, weil er seine Nadeln im Winter nicht verliert. Das Mädchen ist dagegen untreu. Es ändert seine Meinung so schnell, wie andere Bäume im Herbst ihre Blätter verlieren. Die Melodie übernahm Zarnack von einem noch älteren Lied über einen Zimmermann.
Im Jahr 1824 dichtete der Leipziger Lehrer Ernst Anschütz das Lied für Kinder um. Er behielt die erste Strophe und schrieb neue Strophen über den Weihnachtsbaum dazu. Es ist wohl das erste Lied, in dem Tannenbaum und Weihnachten zusammengehören. Das passte genau zu dieser Zeit, denn damals kam der geschmückte Christbaum in die Wohnzimmer. Die Worte „wie grün sind deine Blätter“ setzten sich erst später durch.
Oft liest man, „O Tannenbaum“ sei ein Volkslied aus dem 16. Jahrhundert. Das stimmt nicht. Aus dem Jahr 1642 ist zwar ein Lied über einen „Dannebaum“ bekannt, aber das ist ein anderes Lied. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde das Liebeslied sogar häufiger gedruckt als das Weihnachtslied.
Wie ist „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ entstanden?
„Morgen kommt der Weihnachtsmann“ hat der Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben im Jahr 1835 geschrieben, und zwar zu einer Melodie aus Frankreich, die schon im 18. Jahrhundert bekannt war. Auch hier wurde also ein neuer Text zu einer alten Melodie gedichtet.
Im ursprünglichen Text wünscht sich ein Kind eine Trommel, ein Gewehr, einen Säbel und „ein ganzes Kriegesheer“, also viele Spielzeugsoldaten. Im 19. Jahrhundert spielten viele Jungen mit Holzgewehren und Zinnsoldaten, und man hielt solches Spielzeug für normal. Heute möchten viele Menschen keine Kriegsspielzeuge mehr verschenken. Deshalb gibt es neuere Fassungen des Liedes, in denen sich das Kind anderes Spielzeug wünscht.
Warum werden die Texte von Weihnachtsliedern verändert?
Die Texte von Weihnachtsliedern werden verändert, weil sich die Zeiten, die Sprache und die Ansichten der Menschen ändern. In diesem Beitrag gibt es dafür schon mehrere Beispiele, etwa „O du fröhliche“ und „O Tannenbaum“.
Außerdem werden alte Wörter durch neue ersetzt, damit man sie besser versteht, und lange Lieder werden gekürzt. Von „Ich steh an deiner Krippen hier“ singt man nur noch einen Teil der 15 Strophen, von „Stille Nacht“ meist drei der sechs Strophen.
Manche Änderungen waren aber auch Missbrauch. Zur Zeit des Nationalsozialismus, also zwischen 1933 und 1945, wollten die Machthaber den christlichen Glauben aus dem Weihnachtsfest verdrängen. Deshalb ließen sie Jesus, Maria und die Engel aus bekannten Liedern streichen. Aus „Es ist ein Ros entsprungen“ wurde zum Beispiel „Uns ist ein Licht erstanden in dunkler Winternacht“. Als Ersatz für „Stille Nacht“ verbreiteten sie das Lied „Hohe Nacht der klaren Sterne“, in dem die Weihnachtsgeschichte gar nicht vorkommt. „Stille Nacht“ konnten sie aber nicht verdrängen.
Was sind Christmas Carols?
Christmas Carols sind englische Weihnachtslieder. Das Wort kommt vom alten französischen Wort „carole“. So nannte man im Mittelalter einen Tanz, bei dem die Menschen im Kreis tanzten und dazu sangen. Erst später wurde aus dem Tanzlied ein Lied über die Geburt von Jesus.
Die ältesten englischen Weihnachts-Carols schrieb ein Kaplan namens John Awdlay im Jahr 1426 auf. Wahrscheinlich wurden sie von Gruppen gesungen, die von Haus zu Haus zogen. In den 1640er Jahren schaffte das englische Parlament das Weihnachtsfest ab. Viele seiner Mitglieder waren Puritaner. Das waren sehr strenge Christen, die Feste mit viel Essen, Trinken, Tanz und Gesang ablehnten. Bis zum Jahr 1660 durfte Weihnachten in England offiziell nicht gefeiert werden. Viele Menschen sangen ihre Carols in dieser Zeit heimlich weiter.
Im 19. Jahrhundert wurden die Carols in England wieder sehr beliebt. Man sammelte alte Lieder und schrieb neue dazu. Im Jahr 1880 gab es in der Stadt Truro zum ersten Mal einen Gottesdienst mit neun Lesungen aus der Bibel und Carols dazwischen. Seit 1918 wird dieser Gottesdienst jedes Jahr an Heiligabend in der Kapelle des King’s College in Cambridge gefeiert. Er heißt „Nine Lessons and Carols“ und wird in viele Länder übertragen.

Bis heute ziehen in England und Amerika an Weihnachten Gruppen durch die Straßen und singen Carols. Sie heißen Carol Singers. Oft sammeln sie dabei Geld für einen guten Zweck.

Ist „Jingle Bells“ ein Weihnachtslied?
„Jingle Bells“ wurde nicht als Weihnachtslied geschrieben, sondern als Lied über eine Schlittenfahrt im Winter. Im ganzen Text kommt das Wort Weihnachten nicht vor. Geschrieben hat es der Amerikaner James Lord Pierpont. Zuerst hieß es „One Horse Open Sleigh“, das bedeutet „Offener Schlitten mit einem Pferd“. Zum ersten Mal gesungen wurde es am 15. September 1857 in einem Theater in Boston. Zwei Jahre später erschien es unter dem Namen „Jingle Bells“. Das bedeutet „Klingende Glöckchen“. Gemeint sind die Glöckchen am Geschirr des Pferdes.
Oft wird erzählt, Pierpont habe das Lied für ein Kinderfest zu Thanksgiving geschrieben, dem amerikanischen Erntedankfest. Die Forscherin Kyna Hamill fand aber ein altes Programmheft. Es beweist, dass das Lied schon davor in Boston aufgeführt wurde. Für die Thanksgiving-Geschichte gibt es keinen Beleg.
Zum Weihnachtslied wurde „Jingle Bells“ erst Jahrzehnte später. 1898 wurde es zum ersten Mal auf eine Walze für ein Abspielgerät aufgenommen. Weil Schlittenfahrten, Schnee und Glöckchen gut zur Weihnachtszeit passen, sangen es immer mehr Menschen an Weihnachten.

Wurde „Jingle Bells“ im Weltall gespielt?
Ja, „Jingle Bells“ war das erste Lied, das im Weltall auf Musikinstrumenten gespielt wurde. Am 16. Dezember 1965 flogen die amerikanischen Astronauten Walter Schirra und Thomas Stafford mit dem Raumschiff Gemini 6 um die Erde. Sie meldeten der Bodenstation zum Spaß, sie sähen ein unbekanntes Flugobjekt mit acht kleinen Begleitern davor, und der Pilot trage einen roten Anzug. Gemeint war der Weihnachtsmann mit seinen acht Rentieren. Dann spielte Schirra auf einer kleinen Mundharmonika „Jingle Bells“, und Stafford läutete dazu mit Glöckchen. Die Astronauten hatten die Instrumente heimlich mit an Bord genommen. Es waren die ersten Musikinstrumente im Weltall. Die Mundharmonika liegt heute im Luft- und Raumfahrtmuseum in Washington.
Wie entstanden moderne Weihnachtslieder?
Moderne Weihnachtslieder entstanden im 20. Jahrhundert für Radio, Film und Schallplatte. Durch diese neuen Erfindungen konnten Millionen Menschen dasselbe Lied hören, ohne es selbst zu singen. Ein Lied, das an Weihnachten oft im Radio lief, wurde deshalb in kurzer Zeit auf der ganzen Welt bekannt.
- White Christmas: Der amerikanische Komponist Irving Berlin schrieb das Lied über den Wunsch nach einer weißen Weihnacht mit Schnee. Bing Crosby sang es 1941 zum ersten Mal im Radio und 1942 in dem Film „Holiday Inn“. Mit geschätzt 50 Millionen verkauften Exemplaren ist es die meistverkaufte Single der Welt. Eine Single ist eine kleine Schallplatte oder CD mit nur einem oder zwei Liedern.
- Rudolph the Red-Nosed Reindeer: Das Rentier Rudolph mit der roten Nase hat sich 1939 der Werbetexter Robert L. May ausgedacht. Seine Geschichte war ein Heft, das ein Kaufhaus in Amerika an Kinder verschenkte. Zehn Jahre später schrieb Mays Schwager Johnny Marks ein Lied darüber, das sofort ein großer Erfolg wurde.
- In der Weihnachtsbäckerei: Der Hamburger Liedermacher Rolf Zuckowski dachte sich das Lied 1987 auf einer Autofahrt aus. Kurz vorher hatte er zu Hause angerufen, und seine Familie backte gerade Plätzchen. Noch im selben Jahr sang er es in der Fernsehsendung „Wetten, dass..?“. Danach kannten es fast alle Kinder in Deutschland.
- Last Christmas: Das Lied der britischen Band Wham! mit dem Sänger George Michael erschien im Dezember 1984. Eigentlich ist es ein Liebeslied über ein gebrochenes Herz an Weihnachten. In Deutschland stand es erst 37 Jahre später, im Dezember 2021, zum ersten Mal auf Platz 1 der Hitliste.
- All I Want for Christmas Is You: Das Lied der amerikanischen Sängerin Mariah Carey erschien 1994. In Deutschland stand es insgesamt 17 Wochen auf Platz 1 der Hitliste.
Was ist das bekannteste Weihnachtslied?
Das bekannteste Weihnachtslied der Welt ist „Stille Nacht, heilige Nacht“. Es wird in mehr als 300 Sprachen und Dialekten gesungen, von Europa über Afrika bis nach Asien.
Es ist auch das beliebteste Weihnachtslied in Deutschland. Das hat eine Umfrage des Instituts YouGov im Jahr 2019 unter 2.042 Erwachsene ab 18 Jahren in ganz Deutschland ergeben. Jeder Befragte konnte mehrere Lieder nennen. Kinder wurden nicht gefragt.
| Platz | Lied | Anteil der Befragten |
|---|---|---|
| 1 | Stille Nacht, heilige Nacht | 37 Prozent |
| 2 | Last Christmas | 28 Prozent |
| 3 | Leise rieselt der Schnee | 23 Prozent |
Ältere Menschen nannten öfter die alten deutschen Lieder, jüngere Menschen öfter Popsongs wie „Last Christmas“. Jeder fünfte Befragte hatte gar kein Lieblingsweihnachtslied.
Welche Geschichten über Weihnachtslieder stimmen nicht?
Über viele Weihnachtslieder ranken sich Geschichten, die sich nicht belegen lassen oder falsch sind. Die folgende Tabelle zeigt die bekanntesten.
| Aussage | Stimmt das? |
|---|---|
| Bei „Stille Nacht“ war die Orgel kaputt, weil eine Maus den Blasebalg angenagt hatte. | nicht belegt, es ist eine Legende |
| „Stille Nacht“ ist ein altes Volkslied aus Tirol. | falsch, es stammt von Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber |
| „O Tannenbaum“ ist ein Volkslied aus dem 16. Jahrhundert. | falsch, das Liebeslied stammt von 1820, das Weihnachtslied von 1824 |
| Ein Waisenjunge hat Falk die Melodie von „O du fröhliche“ vorgesungen. | nicht belegt, Falk kannte die Melodie aus einer Liedersammlung |
| „Jingle Bells“ wurde für Thanksgiving geschrieben. | nicht belegt, es wurde schon im September 1857 in Boston aufgeführt |
| Luther schrieb „Vom Himmel hoch“ für seine Kinder. | möglich, aber nur überliefert |
| „Es ist ein Ros entsprungen“ ist das älteste Weihnachtslied. | falsch, es gibt viel ältere Lieder |
Zum Weiterdenken
- Viele Lieder wurden im 19. Jahrhundert extra für Kinder geschrieben. Welche Wörter in einem Weihnachtslied verstehst du heute nicht mehr, und wie könnte man sie erklären?
- Luther hat neue Worte zu einer Melodie geschrieben, die alle kannten. Zu welchem Lied, das du gut kennst, könntest du einen eigenen Weihnachtstext dichten?
- Früher lernten die Menschen Lieder, indem sie sie selbst sangen. Heute hören wir sie oft nur im Radio oder im Internet. Was verändert sich dadurch?
Quellen: Stille Nacht Gesellschaft, DPMA: Stille Nacht, MDR: Die Geschichte von Stille Nacht, Liederlexikon: O Tannenbaum, Liederlexikon: Ich steh an deiner Krippen hier, EKD: Vom Himmel hoch, BR-Klassik: O du fröhliche, BR-Klassik: Ihr Kinderlein kommet, BR-Klassik: Morgen kommt der Weihnachtsmann, Erzbistum Köln: Gelobet seist du, Jesu Christ, Boston University: Jingle Bells, Smithsonian: Harmonica, Gemini 6, Historic England: Did Oliver Cromwell really ban Christmas?, YouGov: Das beliebteste Weihnachtslied

