Die kurze Antwort
Ein Blattnarben-Detektiv erkennt Laubbäume im Winter, wenn sie keine Blätter mehr haben. Dafür schaut er sich die Zweige genau an: die Blattnarben, die Knospen und wie die Knospen am Zweig sitzen. Jede Baumart hat dabei ihre eigenen Merkmale. Mit einer Lupe und dieser Anleitung kannst du so viele Bäume bestimmen.
Eine Blattnarbe ist die Stelle an einem Zweig, an der im Sommer ein Blatt gesessen hat. Wenn das Blatt im Herbst abfällt, bleibt an dieser Stelle eine kleine Narbe zurück. Sie ist mit einer dünnen Schicht aus Kork bedeckt. Kork ist ein Gewebe, das kein Wasser durchlässt. Wie der Baum seine Blätter ablöst, erklärt unser Beitrag Warum verlieren Bäume im Herbst ihre Blätter?
Vor dem Start
Geh am besten gemeinsam mit deinen Eltern oder einem anderen Erwachsenen auf Spurensuche. Brich keine Zweige ab, sondern schau sie dir direkt am Baum an. Bäume und Sträucher in Naturschutzgebieten darfst du gar nicht beschädigen. Die Stechpalme ist bei uns geschützt.
Was brauchst du als Blattnarben-Detektiv?
- 1 Lupe, die etwa 5- bis 10-fach vergrößert
- 1 Notizbuch oder ein paar Blätter Papier auf einer festen Unterlage
- 1 Bleistift und Buntstifte
- 1 Handy oder Fotoapparat, wenn du deine Funde fotografieren möchtest
- Diese Anleitung mit der Bestimmungstabelle, am besten ausgedruckt
- Warme Kleidung und Handschuhe ohne Fingerspitzen

Die beste Zeit ist von November bis März. Dann haben die Laubbäume keine Blätter, und die Knospen und Narben sind gut zu sehen.
Was ist eine Blattnarbe?
Eine Blattnarbe ist der Abdruck, den ein abgefallenes Blatt am Zweig hinterlässt. Du findest sie immer direkt unter einer Knospe. Das liegt daran, dass sich die Knospe im Sommer genau oberhalb des Blattstiels gebildet hat. Fällt das Blatt ab, bleibt oben die Knospe und darunter die Narbe zurück.

In der Blattnarbe siehst du mit der Lupe winzige Punkte. Sie heißen Blattspuren. Das sind die Enden der feinen Leitungen, durch die im Sommer Wasser und Nährstoffe in das Blatt und Zucker aus dem Blatt heraus geflossen sind. Fachleute nennen diese Leitungen Leitbündel. Wie viele Blattspuren eine Narbe hat und wie sie angeordnet sind, ist bei vielen Baumarten typisch.
Was ist eine Knospe?
Eine Knospe ist ein kleines Paket, in dem schon die Blätter oder Blüten für das nächste Frühjahr stecken. Der Baum bildet die Knospen bereits im Sommer. Damit die zarten Teile im Winter nicht erfrieren oder austrocknen, sind sie von kleinen, harten Blättchen umhüllt. Sie heißen Knospenschuppen. Sie halten Insekten fern und lassen Wasser abperlen. Manche Knospen sind zusätzlich behaart oder klebrig.
Knospen findest du nur an den jüngsten Zweigen, also an den Trieben, die im letzten Sommer gewachsen sind. Am Ende eines Zweiges sitzt oft eine größere Endknospe. An den Seiten sitzen kleinere Seitenknospen.
Wie wird man Blattnarben-Detektiv?
1. Einen Baum aussuchen
Such dir einen Laubbaum mit Zweigen, die so tief hängen, dass du sie gut erreichst. Am Anfang sind Bäume in Parks, auf Spielplätzen oder an Straßen gut geeignet. Dort stehen häufig Rosskastanie, Ahorn, Linde und Eiche.
2. Die Knospen anschauen
Schau dir zuerst die Knospen an. Welche Farbe haben sie? Sind sie groß oder klein, rund oder spitz? Fühlen sie sich glatt, haarig oder klebrig an? Schreib deine Beobachtungen in dein Notizbuch.
3. Die Stellung der Knospen prüfen
Schau dann, wie die Knospen am Zweig sitzen. Sitzen immer zwei Knospen genau gegenüber, nennt man das gegenständig. So ist es zum Beispiel beim Ahorn, bei der Rosskastanie und bei der Esche. Sitzen die Knospen einzeln und abwechselnd mal links, mal rechts am Zweig, nennt man das wechselständig. So ist es zum Beispiel bei Buche, Linde und Eiche.

4. Die Blattnarbe mit der Lupe untersuchen
Halte die Lupe dicht vor dein Auge und führe den Zweig langsam heran, bis du die Narbe unter der Knospe scharf siehst. Welche Form hat sie? Ist sie rund, halbrund, schmal oder herzförmig? Zähle die kleinen Punkte darin, die Blattspuren.
5. Zeichnen und vergleichen
Zeichne die Knospe und die Blattnarbe in dein Notizbuch. Schreib dazu, wo der Baum steht und an welchem Tag du ihn untersucht hast. Vergleiche deine Zeichnung dann mit der Tabelle weiter unten.
6. Die Lösung überprüfen
Unter vielen Bäumen liegt im Winter noch altes Laub oder es hängen Früchte am Baum, zum Beispiel Kastanien, Eicheln oder die Flügelfrüchte des Ahorns. Damit kannst du überprüfen, ob du richtig geraten hast.
Woran erkennt man Bäume im Winter?
Diese Tabelle zeigt dir die Merkmale einiger Bäume, die bei uns häufig vorkommen. Alle Angaben stammen aus einem Bestimmungsheft des Naturparks Nassau.
| Baum | Knospen | Stellung | Blattnarbe |
|---|---|---|---|
| Rosskastanie | groß, rotbraun, glänzend und stark klebrig | gegenständig | groß, mit vielen Blattspuren |
| Bergahorn | gelbgrün bis grün, eiförmig und zugespitzt | gegenständig | mit 3 Blattspuren |
| Esche | schwarz und samtig | gegenständig | halbrund, viele Blattspuren in Form eines Hufeisens |
| Rotbuche | lang, dünn und spitz, 15 bis 20 Millimeter lang, rotbraun | wechselständig | mit 4 oder mehr Blattspuren |
| Stieleiche | hellbraun bis gelbbraun, mehrere Knospen dicht am Zweigende | wechselständig | mit vielen, undeutlichen Blattspuren |
| Sommerlinde | auf der Sonnenseite glänzend rot, mit nur 2 bis 3 Knospenschuppen | wechselständig | mit 3 bis 5 unterschiedlich großen Blattspuren |
| Walnuss | grau oder rötlichgrau, an der Spitze fein behaart | wechselständig | herzförmig, mit 3 Gruppen von Blattspuren |
| Schwarzer Holunder | weinrot bis violettbraun | gegenständig | mit 3 Blattspuren |
| Robinie | unter der Blattnarbe versteckt, nicht zu sehen | wechselständig | dreieckig, daneben zwei Dornen |
Warum sehen Blattnarben so unterschiedlich aus?
Blattnarben sehen unterschiedlich aus, weil jede Baumart anders gebaute Blätter mit anders gebauten Blattstielen hat. Die Narbe hat ungefähr die Form des Blattstiels, der dort gesessen hat. Die Zahl der Blattspuren zeigt, wie viele Leitbündel durch den Blattstiel liefen. Bei der Rosskastanie sind es mehr als fünf, beim Bergahorn nur drei.
Bei der Robinie ist es besonders. Ihre Knospen sitzen versteckt unter der Blattnarbe. Dafür hat sie am Zweig paarweise Dornen. Sie sind aus kleinen Blättchen am Grund des Blattstiels entstanden, den Nebenblättern.
Wie alt ist ein Zweig?
Das Alter eines jungen Zweiges erkennst du an schmalen Ringen aus dicht stehenden Rillen. Sie entstehen im Frühling, wenn die Endknospe austreibt. Dann fallen ihre Knospenschuppen ab, und jede Schuppe hinterlässt eine feine, ringförmige Narbe. Fachleute nennen diese Stelle Jahrestriebgrenze. Das Stück vom Zweigende bis zum ersten Ring ist im letzten Jahr gewachsen. Zählst du die Ringe weiter nach hinten, weißt du, wie viele Jahre der Zweig alt ist. Der Abstand zwischen zwei Ringen zeigt dir, wie weit der Zweig in einem Jahr gewachsen ist.
Besonders gut klappt das bei der Rotbuche, weil ihre Rinde lange glatt bleibt. Bei ihr kann man die Ringe an manchen Zweigen bis zu 30 Jahre zurückverfolgen.
Zum Weiterdenken
Die Rosskastanie hat dicke, klebrige Knospen. Die Esche hat schwarze, samtige Knospen. Beides hat im Winter dieselbe Aufgabe wie die Knospenschuppen: Es schützt die Knospe vor Insekten und Nässe.
Jetzt selbst ausprobieren
Lege ein Winterzweig-Tagebuch an. Such dir einen Baum in deiner Nähe aus und schau dir im Februar, im März und im April jedes Mal dieselbe Knospe an. Zeichne sie jedes Mal. So siehst du, wie die Knospenschuppen aufgehen und das erste Grün herauskommt. Mehr über Blätter erfährst du in unseren Beiträgen Warum werden die Blätter im Herbst bunt? und Herbstblätter pressen.
Quellen: Naturpark Nassau: Laubabwerfende Bäume und Sträucher im Winter, NABU: Im Winter Knospen von Bäumen und Sträuchern erkennen, Museum für Naturkunde Berlin: So erkennst du die häufigsten Baumarten auch im Winter, Schulbiologiezentrum Hannover: Knospen, LWF Bayern: Die Rotbuche und WDR: Was und wieviel ihr in der Natur sammeln dürft.

