Die kurze Antwort
In Island kommen nicht ein, sondern 13 Weihnachtsmänner. Sie heißen Jólasveinar (ausgesprochen „JOU-la-swei-nar“), auf Deutsch Weihnachtsgesellen, und sind Brüder. Ab dem 12. Dezember kommt jede Nacht einer von ihnen aus den Bergen zu den Menschen, bis am 24. Dezember alle 13 da sind. Jeder legt den Kindern, die brav waren, eine Kleinigkeit in den Schuh, den sie ins Fenster gestellt haben. Wer unartig war, bekommt eine rohe Kartoffel. Früher waren die Jólasveinar keine netten Gabenbringer, sondern unheimliche Trolle, mit denen man Kindern Angst machte. Ihre heutigen Namen und ihre Reihenfolge stammen aus einem Gedicht von 1932. Ab dem 25. Dezember gehen die 13 Brüder nacheinander wieder zurück in die Berge. Der letzte geht am 6. Januar.

In Island ist es im Dezember fast den ganzen Tag dunkel. In der Hauptstadt Reykjavík (ausgesprochen „REI-kja-wiik“) geht die Sonne erst gegen elf Uhr auf und schon um halb vier wieder unter. In dieser langen Dunkelheit stellen die Kinder am Abend des 11. Dezember einen Schuh auf das Fensterbrett. Am nächsten Morgen ist etwas darin. Der erste der Jólasveinar war da. Von nun an kommt jede Nacht ein neuer. Der eine leckt Löffel ab, der andere knallt mit Türen, der nächste stiehlt Würste. Wer sind diese seltsamen Gesellen? Und warum sind es ausgerechnet 13?
Welche anderen Gabenbringer es auf der Welt gibt, zeigt unser Überblick Christkind oder Weihnachtsmann: Wer bringt in welchem Land die Geschenke?.
Wer sind die 13 Weihnachtsmänner aus Island?
Die 13 Weihnachtsmänner aus Island sind 13 Brüder aus der isländischen Volkssage, die in der Weihnachtszeit nacheinander zu den Menschen kommen. Auf Isländisch heißen sie Jólasveinar. Ein einzelner heißt Jólasveinn (ausgesprochen „JOU-la-sweitn“). „Jól“ (ausgesprochen „joul“) bedeutet Weihnachten, „Sveinn“ bedeutet Bursche oder Geselle. Auf Deutsch nennt man sie deshalb Weihnachtsgesellen oder Weihnachtsburschen, auf Englisch Yule Lads (ausgesprochen „JUUL LÄDS“).
Nach der Sage wohnen die Brüder das ganze Jahr in einer Höhle in den Bergen. Ihre Mutter ist die Trollfrau Grýla (ausgesprochen „GRII-la“), eine riesige, hässliche Gestalt mit Hufen, die nach der Sage unartige Kinder in einen Sack steckt und kocht. Ihr Vater ist der faule Troll Leppalúði (ausgesprochen „LEP-pa-luu-thi“). Die Weihnachtsgesellen selbst sind aber keine Kinderfresser. Sie sind verfressen, neugierig und machen Unfug.
Wie heißen die 13 Weihnachtsgesellen?
Die 13 Weihnachtsgesellen haben Namen, die beschreiben, was sie gern tun. Jeder kommt an einem festen Tag und bleibt 13 Tage bei den Menschen. Fast alle Namen haben mit Essen oder mit dem Leben auf einem alten Bauernhof zu tun. Der Buchstabe Þ wird ausgesprochen wie das englische „th“ in „thing“, der Buchstabe ð wie das englische „th“ in „this“.
Wer kommt vom 12. bis 18. Dezember?
| Tag der Ankunft | Name | So spricht man ihn aus | Bedeutung | Was er macht |
|---|---|---|---|---|
| 12. Dezember | Stekkjarstaur | „STECH-kjar-stöjr“ | Schafstall-Stelze | Er will die Milch der Schafe trinken, hat aber steife Holzbeine. |
| 13. Dezember | Giljagaur | „GIL-ja-göjr“ | Schluchten-Kobold | Er versteckt sich in Schluchten und schleicht in den Kuhstall, um den Milchschaum zu trinken. |
| 14. Dezember | Stúfur | „STUU-wür“ | Stummel | Er ist der Kleinste und kratzt Essensreste aus Pfannen. |
| 15. Dezember | Þvörusleikir | „THWÖ-rü-slei-kir“ | Kochlöffel-Lecker | Er stiehlt Kochlöffel und leckt sie ab. |
| 16. Dezember | Pottaskefill | „POT-ta-skje-witl“ | Topf-Auskratzer | Er kratzt die Reste aus den Töpfen. |
| 17. Dezember | Askasleikir | „AS-ka-slei-kir“ | Schüssel-Lecker | Er versteckt sich unter dem Bett und leckt die Essschüsseln aus. |
| 18. Dezember | Hurðaskellir | „HÜR-tha-skjet-lir“ | Türenknaller | Er knallt nachts laut mit den Türen und weckt alle auf. |
Wer kommt vom 19. bis 24. Dezember?
| Tag der Ankunft | Name | So spricht man ihn aus | Bedeutung | Was er macht |
|---|---|---|---|---|
| 19. Dezember | Skyrgámur | „SKIR-gau-mür“ | Skyr-Vielfraß | Er liebt Skyr, einen dicken isländischen Milchquark. |
| 20. Dezember | Bjúgnakrækir | „BJUUG-na-krai-kir“ | Wurst-Stibitzer | Er klaut Würste, die zum Räuchern unter der Decke hängen. |
| 21. Dezember | Gluggagægir | „GLÜG-ga-gai-jir“ | Fenster-Gucker | Er schaut durch die Fenster und sucht etwas zum Stehlen. |
| 22. Dezember | Gáttaþefur | „GAU-ta-the-wür“ | Türspalt-Schnüffler | Er hat eine riesige Nase und riecht, wo gebacken wird. |
| 23. Dezember | Ketkrókur | „KJET-krou-kür“ | Fleisch-Haken | Er angelt mit einem Haken durch den Schornstein nach Fleisch. |
| 24. Dezember | Kertasníkir | „KJER-ta-snii-kir“ | Kerzen-Schnorrer | Er stiehlt Kerzen, die damals aus Talg, also Tierfett, waren und die man essen konnte. |
Den fünften Bruder nennt man auch Pottasleikir (ausgesprochen „POT-ta-slei-kir“), also Topf-Lecker. Das war sein älterer Name. Viele Namen erzählen davon, wie die Menschen in Island früher gelebt haben. Die Essschüsseln aus Holz bewahrte man früher unter dem Bett auf. Würste und Fleisch hingen zum Räuchern unter dem Dach über dem Herdfeuer. Und Kerzen waren aus Tierfett und deshalb für einen hungrigen Troll ein Leckerbissen.
Wann kommen und gehen die Weihnachtsgesellen?
Die Weihnachtsgesellen kommen vom 12. bis zum 24. Dezember, jede Nacht einer. Der erste, Stekkjarstaur, kommt in der Nacht zum 12. Dezember, 13 Nächte vor Heiligabend. Der letzte, Kertasníkir, kommt am 24. Dezember, dem Tag, an dem die Isländer Weihnachten feiern.
Danach gehen sie in der gleichen Reihenfolge wieder, wie sie gekommen sind. Jeder bleibt genau 13 Tage. Stekkjarstaur geht am 25. Dezember als Erster. Kertasníkir geht als Letzter am 6. Januar. Diesen Tag nennen die Isländer Þrettándinn (ausgesprochen „THRET-taun-din“), den Dreizehnten, weil er der 13. Tag nach Heiligabend ist. Mit ihm endet in Island die Weihnachtszeit. An diesem Abend gibt es in vielen Orten Feuer im Freien und Feuerwerk, und in manchen Orten ziehen Menschen als Elfen und Trolle verkleidet durch die Straßen.
Warum stellen isländische Kinder einen Schuh ins Fenster?
Isländische Kinder stellen einen Schuh ins Fenster, damit die Weihnachtsgesellen ihnen etwas hineinlegen. Das machen sie jeden Abend vom 11. bis zum 23. Dezember, also 13 Nächte lang, denn jede Nacht kommt ein neuer Bruder. Wer brav war, findet morgens eine Kleinigkeit im Schuh, zum Beispiel Süßigkeiten, ein kleines Spielzeug oder eine Mandarine. Wer unartig war, findet eine rohe Kartoffel.
Dieser Brauch ist viel jünger als die Weihnachtsgesellen selbst. In alten Quellen kommt er nicht vor. Er hat sich erst im 20. Jahrhundert verbreitet. Fachleute halten es für wahrscheinlich, dass die Isländer ihn vom Nikolausbrauch aus Mitteleuropa übernommen haben, bei dem die Kinder am Abend vor dem 6. Dezember ihre Schuhe hinausstellen. Aufgeschrieben ist das aber nirgends.
Wie sehen die Weihnachtsgesellen aus?
Die Weihnachtsgesellen sehen heute meistens aus wie Weihnachtsmänner, mit roten Mützen, roten Kleidern und oft mit weißen Bärten. So sieht man sie seit der Mitte des 20. Jahrhunderts, als das Bild des Weihnachtsmanns aus Amerika auch nach Island kam.
Es gibt aber noch eine zweite, ältere Art, sie darzustellen. Als im Jahr 1932 das Gedicht über die Weihnachtsgesellen erschien, malte der Maler Tryggvi Magnússon (ausgesprochen „TRIG-wi MAG-nuus-son“) die Bilder dazu. Er zeichnete sie in Wollkleidung und in der alten Bauernkleidung Islands, in Grau und Braun, mit zotteligen Haaren. In dieser Kleidung treten sie bis heute oft auf, zum Beispiel im Nationalmuseum in Reykjavík. Beide Bilder gibt es in Island nebeneinander.
Waren die Weihnachtsgesellen früher böse?
Ja, die Weihnachtsgesellen waren früher keine netten Gabenbringer, sondern unheimliche Trolle. In alten Sagen kamen sie in der dunklen Zeit von den Bergen herab, schnüffelten durch die Türspalten, stahlen Essen und nahmen Kinder mit. Geschenke brachten sie nicht.
Zum ersten Mal schriftlich erwähnt werden sie im 17. Jahrhundert. Damals schrieben Dichter Gedichte über Grýla, die Grýlukvæði (ausgesprochen „GRII-lü-kwai-thi“). In einem davon, das dem Pfarrer Stefán Ólafsson (ausgesprochen „STE-faun OU-laws-son“) zugeschrieben wird, steht zum ersten Mal das Wort Jólasveinn.
Die Geschichten waren so gruselig, dass die Kinder große Angst hatten. Island gehörte damals zum Königreich Dänemark. Im Jahr 1746 erließ der dänische König eine Verordnung darüber, wie Eltern ihre Kinder erziehen sollen. Darin stand ausdrücklich, dass man Kindern keine Angst mehr mit den Weihnachtsgesellen machen darf. Diese Verordnung ist eine der ältesten Stellen, an denen die Weihnachtsgesellen mit einem genauen Datum erwähnt werden.
Warum gibt es in Island genau 13 Weihnachtsgesellen?
In Island gibt es genau 13 Weihnachtsgesellen, weil ein Dichter im Jahr 1932 diese Zahl, ihre Namen und ihre Reihenfolge in einem Gedicht festgelegt hat. Vorher war das in jeder Gegend anders. In manchen Gegenden zählte man neun Weihnachtsgesellen, in anderen 13. Im Osten Islands hieß es sogar, sie kämen aus dem Meer und nicht aus den Bergen. Und in manchen alten Gedichten waren sie nicht Grýlas Söhne, sondern ihre Brüder.
Wer schrieb die Sagen zuerst auf?
Im Jahr 1862 erschien die große Sammlung isländischer Volkssagen des Gelehrten Jón Árnason (ausgesprochen „JOUN AUR-na-son“). Er hatte die Sagen gesammelt und aufgeschrieben, ähnlich wie die Brüder Grimm in Deutschland. Dafür bekam er auch drei Listen mit den Namen der Weihnachtsgesellen. Die Liste des Pfarrers Páll Jónsson (ausgesprochen „PAUTL JOUN-son“) hatte 13 Namen, die beiden anderen ganz andere Namen, zum Beispiel Pfannenschatten, Schnurauflöser und Lampenschatten. Aus anderen Gegenden kennt man noch mehr Namen wie Butter-Vielfraß oder Krapfen-Schnorrer.
Wer legte die Zahl 13 fest?
Der Dichter Jóhannes úr Kötlum (ausgesprochen „JOU-han-nes UUR KÖT-lüm“), der von 1899 bis 1972 lebte, nahm die Liste von Páll Jónsson als Vorbild. Im Jahr 1932 veröffentlichte er das Kinderbuch „Jólin koma“ (ausgesprochen „JOU-lin KO-ma“), auf Deutsch „Weihnachten kommt“. Darin steht das Gedicht „Jólasveinarnir“ (ausgesprochen „JOU-la-swei-nar-nir“). Jeder Bruder bekommt darin eine eigene Strophe, eine eigene Art und einen eigenen Tag. Ein paar Namen änderte der Dichter. Aus dem Hemdflatterer wurde der Türenknaller und aus dem Topf-Lecker der Topf-Auskratzer. Das Gedicht wurde so beliebt, dass seitdem in ganz Island dieselben 13 Brüder in derselben Reihenfolge bekannt sind.
Dass es gerade 13 sind, passt gut zu Weihnachten in Island. Die 13 Brüder kommen in den 13 Nächten vor Heiligabend, und der letzte geht am 13. Tag nach Heiligabend.
Wo wohnen die Weihnachtsgesellen?
Die Weihnachtsgesellen wohnen nach der Sage in einer Höhle in den Bergen. Im Dezember sollen sie in Dimmuborgir (ausgesprochen „DIM-mü-bor-gir“) wohnen. Das ist ein Gebiet im Norden Islands am See Mývatn (ausgesprochen „MII-watn“), in dem seltsam geformte Felsen aus erstarrter Lava stehen. Der Name bedeutet „dunkle Burgen“. Im Dezember kann man die Weihnachtsgesellen dort treffen.
In Reykjavík besuchen die 13 Brüder vom 12. bis zum 24. Dezember jeden Tag um 11 Uhr das isländische Nationalmuseum, jeder an dem Tag, an dem er ankommt. Dort erzählen sie den Kindern von ihren Angewohnheiten aus der Zeit der alten Bauernhöfe und machen Späße. Diesen Brauch gibt es schon so lange, dass ihn in vielen Familien schon die Großeltern als Kinder erlebt haben.
Gibt es die Weihnachtsgesellen wirklich?
Die Weihnachtsgesellen gibt es nicht wirklich. Sie sind Gestalten aus der isländischen Volkssage. Die Kleinigkeiten im Schuh legen die Eltern hinein, und im Nationalmuseum und in Dimmuborgir treten verkleidete Menschen als Weihnachtsgesellen auf. Trotzdem sind die 13 Brüder für Island sehr wichtig. Sie gehören nur zu Island und erzählen bis heute davon, wie die Menschen früher auf den Bauernhöfen gelebt haben.
Zum Weiterdenken
Die isländischen Weihnachtsgesellen zeigen, wie sich eine Sage verändern kann. Früher waren sie Trolle, mit denen man Kindern Angst machte, so sehr, dass ein König es verbieten musste. Heute legen sie Süßigkeiten in Schuhe. Ihre Namen erzählen von Schafställen, Würsten unter dem Dach, Kerzen aus Tierfett und Schüsseln unter dem Bett. Welcher der 13 Brüder hätte es bei dir zu Hause am leichtesten? Und wie würde ein Weihnachtsgeselle heißen, der in einer heutigen Wohnung Unfug macht?
Quellen: Visit Iceland: Die Trollfamilie der Weihnacht, Glanz und Gravur: Grýla und die Jólasveinar, Skáldasetur Jóhannes úr Kötlum: Jólasveinar, Þjóðminjasafn Íslands: Weihnachtsprogramm des Nationalmuseums

