Die kurze Antwort
Beim Kerzenziehen tauchst du einen Docht immer wieder kurz in flüssiges Wachs und lässt ihn danach jedes Mal abkühlen. Bei jedem Eintauchen bleibt eine dünne Schicht Wachs am Docht hängen und wird fest. So wird die Kerze mit jedem Tauchgang ein bisschen dicker. Nach mehr als 20 Tauchgängen ist sie meistens so dick wie dein Daumen. Das Wachs schmilzt ein Erwachsener im Wasserbad, denn es wird sehr heiß. Zum Schluss hängt die Kerze einen Tag lang zum Trocknen auf.
Kerzen ziehen ist eine sehr alte Art, Kerzen zu machen. Schon die Römer tauchten einen Docht aus Pflanzenfasern in flüssiges Bienenwachs oder in flüssiges Tierfett. Wachskerzen waren bei ihnen ein beliebtes Geschenk zu den Saturnalien, einem großen Fest im Dezember. Mit dieser Anleitung ziehst du eine Kerze aus Bienenwachs, so wie es die Römer gemacht haben. Du erfährst auch, warum die Kerze mit jedem Eintauchen dicker wird und was du tun kannst, wenn etwas nicht klappt.

Vor dem Start
Flüssiges Wachs ist so heiß, dass es auf der Haut eine Brandblase machen kann. Deshalb schmilzt ein Erwachsener das Wachs, zum Beispiel deine Mama, dein Opa oder deine erwachsene Schwester. Wer dir hilft, bleibt die ganze Zeit dabei. Das Wachs wird nie direkt im Topf auf der Herdplatte geschmolzen, sondern immer im Wasserbad. Dabei steht das Gefäß mit dem Wachs in einem Topf mit heißem Wasser. Wird Wachs viel zu heiß, kann es von selbst anfangen zu brennen. Brennendes Wachs darf man niemals mit Wasser löschen, weil es dann spritzt und das Feuer größer wird. Die Feuerwehr rät, für solche Fälle eine Löschdecke bereitzulegen. Binde lange Haare zusammen und zieh Kleidung an, die schmutzig werden darf. Für das Kerzenziehen brauchst du etwa eine Stunde, danach muss die Kerze einen Tag lang trocknen.
Was brauchst du zum Kerzen ziehen?

Wie zieht man Kerzen?
1. Den Arbeitsplatz vorbereiten
Leg den Tisch, an dem du arbeitest, mit Zeitungen aus. Flüssiges Wachs tropft beim Kerzenziehen fast immer, und auf Zeitungspapier kannst du es später einfach wegwerfen. Spann die Schnur zwischen zwei Stuhllehnen und klemm die Wäscheklammer daran. Dort hängt am Ende deine Kerze. Leg das Holzbrett auf den Tisch und die Löschdecke griffbereit daneben.

2. Das Wachs im Wasserbad schmelzen
Fülle das Glas mit dem Bienenwachs. Wer dir hilft, stellt das Glas in den Kochtopf und gießt so viel Wasser hinein, dass es etwa bis zur halben Höhe des Glases reicht. Dann wird das Wasser auf mittlerer Stufe erhitzt. Das Wasser darf heiß werden, aber nicht sprudelnd kochen, sonst spritzt es in das Wachs. Bienenwachs wird bei 62 bis 64 Grad Celsius flüssig. Zum Kerzenziehen ist es mit etwa 70 Grad Celsius richtig. Das prüft deine Hilfe mit dem Thermometer. Rühr ab und zu mit dem Holzspieß um, bis alle Stücke geschmolzen sind. Die Wachsstücke sacken dabei zusammen. Gib deshalb immer wieder Wachs dazu, bis das Glas fast bis oben voll ist.

3. Das Glas auf den Tisch stellen
Wenn das ganze Wachs flüssig ist, nimmt deine Hilfe das Glas mit den Topflappen aus dem Wasserbad und stellt es auf das Holzbrett. So musst du nicht am heißen Herd arbeiten. Bienenwachs bleibt im Glas lange flüssig. Wenn sich oben eine Haut bildet oder das Wachs am Rand trüb wird, ist es zu kalt geworden. Dann kommt das Glas für ein paar Minuten zurück ins Wasserbad.

4. Den Docht vorbereiten
Knote in ein Ende des Dochtes eine kleine Schlaufe, die etwa 2 Zentimeter groß ist. An dieser Schlaufe hältst du den Docht, und später hängt die Kerze daran zum Trocknen. Ein Docht ist keine einfache Schnur. Er ist aus vielen dünnen Baumwollfäden geflochten. Zwischen diesen Fäden saugt sich der Docht gut mit flüssigem Wachs voll. Das braucht er später zum Brennen.

5. Den Docht zum ersten Mal eintauchen
Halte den Docht an der Schlaufe und tauche ihn langsam ganz in das Wachs. Lass etwa 2 Zentimeter unter der Schlaufe frei. Beim ersten Mal bleibt der Docht etwa 10 Sekunden im Wachs. In dieser Zeit saugt er sich mit Wachs voll. Vielleicht siehst du kleine Bläschen aufsteigen. Das ist Luft, die aus dem Docht herauskommt. Zieh den Docht wieder heraus und lass ihn über dem Glas abtropfen. Sobald das Wachs am Docht nicht mehr glänzt, aber noch weich ist, ziehst du mit zwei Fingern am unteren Ende vorsichtig nach unten. So wird der Docht gerade, und deine Kerze wird später nicht krumm.

6. Eintauchen, herausziehen, warten
Jetzt tauchst du den Docht immer wieder ein, aber nur ganz kurz. Zähl beim Eintauchen „einundzwanzig“ und zieh ihn sofort wieder heraus. Dann wartest du etwa eine halbe Minute über dem Glas, bis das Wachs nicht mehr glänzt. Erst dann tauchst du wieder ein. Tauch die Kerze immer gerade nach unten und immer gleich tief ein. Mit jedem Tauchgang wird sie ein wenig dicker. Wenn sie länger als ein paar Sekunden im Wachs bleibt, schmilzt die alte Schicht wieder ab.

7. Die Kerze dick werden lassen
Wiederhole das Eintauchen und Warten so lange, bis die Kerze so dick ist wie dein Daumen. Dafür brauchst du meistens mehr als 20 Tauchgänge. Weil jedes Mal Wachs an der Kerze hängen bleibt, sinkt der Wachsspiegel im Glas. Wenn deine Kerze nicht mehr ganz eintaucht, schmilzt deine Hilfe neues Wachs im Wasserbad dazu. Unten an der Kerze bildet sich eine kleine Spitze aus Tropfen. Das ist normal, denn das flüssige Wachs läuft nach unten und wird dort fest.

8. Den Boden gerade schneiden und die Kerze aufhängen
Leg die Kerze auf das Schneidebrett, solange sie noch warm ist. Dann ist das Wachs weich und lässt sich gut schneiden. Deine Hilfe schneidet mit dem Küchenmesser die Tropfspitze unten gerade ab. Drück den Boden kurz auf das Brett, damit er schön flach wird. Häng die Kerze an der Schlaufe in die Wäscheklammer an der Schnur. Dort trocknet sie einen Tag lang, bis sie auch innen ganz fest ist. Danach schneidest du die Schlaufe ab und kürzt den Docht oben auf etwa 1 Zentimeter.

Warum wird die Kerze beim Kerzenziehen immer dicker?
Die Kerze wird dicker, weil bei jedem Eintauchen flüssiges Wachs an ihr hängen bleibt und dort fest wird. Wachs ist bei Zimmertemperatur fest. Erst wenn es warm genug ist, wird es flüssig. Die Temperatur, bei der ein Stoff flüssig wird, heißt Schmelzpunkt. Bei Bienenwachs liegt er bei 62 bis 64 Grad Celsius. Kühlt das Wachs wieder ab, wird es bei etwa 58 Grad Celsius wieder fest. Dass ein flüssiger Stoff beim Abkühlen fest wird, nennt man Erstarren.
Wenn du die Kerze eintauchst, ist sie viel kühler als das Wachs im Glas. Das flüssige Wachs, das die Kerze berührt, gibt seine Wärme an die Kerze ab. Es kühlt dabei unter 58 Grad ab und erstarrt zu einer dünnen Schicht. Danach musst du warten, bis die Kerze wieder abgekühlt ist. Sonst ist sie beim nächsten Tauchgang noch zu warm, und es bleibt kaum neues Wachs hängen.
Deshalb darfst du die Kerze auch nur ganz kurz eintauchen. Bleibt sie zu lange im heißen Wachs, wird sie selbst immer wärmer. Sobald ihre äußere Schicht wieder über 62 Grad warm ist, schmilzt sie und die Kerze wird dünner statt dicker. Auch in Fabriken werden Kerzen so gezogen. Dort läuft ein 100 Meter langer Docht immer wieder durch eine Wanne mit Wachs und kühlt dazwischen an der Luft ab.
Wie haben die Römer Kerzen gemacht?
Die Römer haben ihre Kerzen fast genauso gemacht wie du, nur mit anderen Stoffen. Als Wachs nahmen sie Bienenwachs oder Talg. Talg ist das Fett von Rindern und Schafen. Den Docht drehten sie aus Pflanzenfasern zusammen, zum Beispiel aus Flachs, Hanf oder Binsen, und tauchten ihn in das flüssige Wachs oder in den flüssigen Talg. Auch in den vielen Jahrhunderten nach den Römern tauchte man den Docht mehrmals in flüssiges Wachs und hängte die Kerze dann zum Trocknen auf, so wie du es auch machst.
Bienenwachs war teuer, Talg war billiger. Talg roch beim Brennen aber unangenehm. In Köln haben Forscher an römischen Kerzenhaltern sogar noch Reste von Rindertalg gefunden.
Was tun, wenn das Kerzenziehen nicht klappt?
- Wenn die Kerze nicht dicker wird oder sogar dünner, ist das Wachs zu heiß oder die Kerze bleibt zu lange darin. Lass das Wachs ein paar Minuten abkühlen und zähl beim Eintauchen nur bis „einundzwanzig“.
- Wenn die Kerze Klumpen und dicke Tropfen bekommt, ist das Wachs zu kalt geworden. Dann stellt deine Hilfe das Glas für ein paar Minuten zurück ins Wasserbad.
- Wenn die Kerze krumm wird, hast du sie schräg eingetaucht. Zieh sie gleich nach dem nächsten Tauchgang vorsichtig am unteren Ende gerade, solange das Wachs noch weich ist, und tauch sie danach immer senkrecht ein.
- Wenn die Kerze nicht mehr ganz ins Wachs passt, ist der Wachsspiegel gesunken. Lass neues Wachs im Wasserbad dazuschmelzen.
- Wenn sich die Kerze schlecht schneiden lässt, ist sie schon zu kalt. Schneid die Tropfspitze beim nächsten Mal gleich nach dem letzten Tauchgang ab.
- Wenn die Kerze beim Brennen rußt und flackert, ist der Docht zu lang. Kürze ihn auf etwa 1 Zentimeter.
Zum Weiterdenken
Schau dir deine fertige Kerze genau an. Unten ist sie ein bisschen dicker als oben, obwohl du sie überall gleich tief eingetaucht hast. Woran könnte das liegen? Tipp: Denk daran, was das flüssige Wachs macht, wenn du die Kerze aus dem Glas ziehst und über dem Glas hältst.
Jetzt selbst ausprobieren
Kerzen aus Wachs haben sich die Römer schon vor mehr als 2.000 Jahren zu ihrem Fest im Dezember geschenkt. Wie die Römer die Saturnalien gefeiert haben, was sie gegessen haben und was Sklaven an diesen Tagen durften, erklären wir dir in unserem Beitrag Haben die Römer Weihnachten gefeiert? Deine selbst gezogene Kerze kannst du dann in der Adventszeit verschenken, genau wie die Römer.
Quellen: Augusta Raurica: Beleuchtung zur römischen Zeit, Kerzen aus Bienenwachs herstellen, Encyclopaedia Romana, University of Chicago: Saturnalia, Universitätsbibliothek Heidelberg: Licht. Lampen von der Antike bis zur Neuzeit, Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau: Bienenwachs, BR Kinder: So kommt das Kerzenwachs auf den Docht, Naturefund: Anleitung Kerzen ziehen, ADAC: Brandklassen und Familienleben.ch: Kerzenziehen mit Kindern.

