Die kurze Antwort
Ein Nikolausschiffchen faltest du aus einem einzigen Blatt Papier, ganz ohne Schere und Kleber. Zuerst faltest du aus dem Blatt einen Papierhut. Den Hut drückst du zu einem Quadrat flach, faltest daraus ein Dreieck und drückst es wieder zu einem Quadrat. Wenn du dann die beiden oberen Spitzen auseinanderziehst, steht ein Papierschiff vor dir. Du verzierst es, schreibst einen Nikolausspruch darauf und stellst es am Abend des 5. Dezember neben deinen Stiefel. So haben es Kinder schon vor über 500 Jahren gemacht.
Ein Nikolausschiffchen ist ein Schiff aus Papier, in das der Nikolaus in der Nacht seine Gaben legen soll. Kinder stellen solche Schiffchen mindestens seit dem 15. Jahrhundert auf. Es war der Vorgänger des Nikolausstiefels. Der Grund für das Schiff ist, dass der heilige Nikolaus der Schutzheilige der Seeleute ist. Ganz verschwunden ist das Schiffchen nicht. Im Mariazellerland in der Steiermark in Österreich basteln Kinder es bis heute. Dort heißt der Brauch Schifferlsetzen, denn „Schifferl“ bedeutet Schiffchen. Früher lebten in den Bergen um Mariazell viele Familien von der Flößerei. Dabei wurden Baumstämme über Flüsse und Bäche ins Tal geschwemmt, und der heilige Nikolaus galt auch als Schutzheiliger der Flößer. Arme Familien schickten ihre Kinder mit Schiffchen zu reicheren Leuten, in Gasthöfe und Geschäfte, um um Gaben zu bitten. In manchen Kaufhäusern standen Wäschekörbe, in die bis zu 350 Schiffchen passten. Seit 2024 steht das Schifferlsetzen im österreichischen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes. Dazu gehören Bräuche und Fertigkeiten, die Menschen von einer Generation an die nächste weitergeben und die deshalb besonders geschützt werden sollen. Mit dieser Anleitung faltest du ein Nikolausschiffchen aus einem Blatt Papier, verzierst es und gibst ihm ein Segel mit einer kleinen Fahne. Nebenbei erfährst du, warum das Schiffchen ohne Kleber hält und wie lange es schwimmen kann.

Vor dem Start
Für das Falten brauchst du keine Schere und keinen Kleber, nur ein Blatt Papier und einen Tisch mit glatter Oberfläche. Wenn du eine Fahne basteln willst, brauchst du einen Holzspieß. Holzspieße haben eine spitze Seite, an der man sich stechen kann. Dabei kann dir jemand helfen, zum Beispiel deine Oma, deine große Schwester oder dein Papa. Wer dir hilft, schneidet die Spitze mit einer Schere ab. Für das Schiffchen brauchst du etwa 15 Minuten, für das Verzieren noch einmal so lange.
Was brauchst du für ein Nikolausschiffchen?
Rotes Papier passt gut, weil auch die Kinder in Mariazell in Österreich ihre Nikolausschiffchen am liebsten aus rotem Papier falten. Du kannst aber jede Farbe nehmen. Wichtig ist nur, dass das Papier dünn ist. Tonkarton ist dafür zu dick. Er bricht an den Knicken, und bei den letzten Schritten liegen zu viele Schichten übereinander. Wenn du ein größeres Schiffchen möchtest, in das mehr hineinpasst, nimm ein Blatt in der Größe DIN A3 oder eine doppelte Zeitungsseite.

Wie bastelt man ein Nikolausschiffchen?
1. Das Blatt in der Mitte falten
Leg das Blatt so vor dich, dass die kurzen Kanten oben und unten sind. Das nennt man Hochformat. Klapp die obere Kante genau auf die untere Kante. Halte die beiden Kanten mit einer Hand fest und streich mit der anderen Hand die Falte von der Mitte nach außen fest. Diese scharfe Falte heißt Knick. Der Knick liegt jetzt oben, die beiden offenen Kanten liegen unten.

2. Die Mitte markieren
Klapp das gefaltete Blatt von links nach rechts zusammen, sodass die beiden kurzen Seiten aufeinanderliegen. Drück nur oben am Knick kurz mit dem Daumen auf, und klapp das Blatt wieder auf. Jetzt siehst du oben in der Mitte einen kleinen Strich. Er zeigt dir, wo die Mitte ist. Diesen Strich nennt man Mittellinie.

3. Die oberen Ecken zur Mitte falten
Nimm die obere linke Ecke und falte sie nach unten, sodass ihre Kante genau an der Mittellinie liegt. Mach das Gleiche mit der oberen rechten Ecke. Die beiden Kanten treffen sich in der Mitte. Jetzt sieht das Papier aus wie ein Haus mit einem spitzen Dach. Unten bleibt ein Streifen übrig, der nicht gefaltet ist.

4. Den Hut falten
Unten liegen zwei Streifen übereinander. Falte nur den vorderen Streifen nach oben, bis seine Kante an der unteren Kante des Dachs liegt. Dreh das Papier um und falte auch den zweiten Streifen nach oben. An den Seiten stehen jetzt kleine Ecken über das Dach hinaus. Knick diese Ecken nach hinten um das Dach herum. Jetzt hast du einen Papierhut, den man auch Malerhut nennt.

5. Den Hut zum Quadrat drücken
Nimm den Hut in die Hand und greif mit beiden Daumen von unten in die Öffnung. Zieh die Öffnung vorsichtig auseinander. Dabei kommen die beiden Ecken links und rechts aufeinander zu. Die beiden Ecken treffen sich unten in der Mitte. Im Bild zeigen dir ein gelber und ein grüner Punkt, welche Ecken zusammenkommen. Drück das Papier jetzt flach auf den Tisch. Streich es glatt. Jetzt liegt ein Quadrat vor dir, das auf einer Spitze steht. Ein Quadrat ist ein Viereck mit vier gleich langen Seiten. Die offene Seite ist unten.

6. Ein Dreieck falten
Nimm die untere Spitze des vorderen Teils und falte sie nach oben bis zur oberen Spitze. Dreh das Papier um und mach das Gleiche mit der anderen Seite. Jetzt liegt ein Dreieck vor dir, das dicker ist als das Dreieck in Schritt 4. Streich alle Knicke noch einmal fest.

7. Das Dreieck zum Quadrat drücken
Greif wieder mit beiden Daumen von unten in die Öffnung des Dreiecks. Zieh es auseinander, bis sich die beiden Ecken links und rechts unten in der Mitte treffen, genau wie in Schritt 5. Leg es flach auf den Tisch und streich es glatt. Jetzt hast du wieder ein Quadrat, aber ein kleineres als in Schritt 5. Oben liegen zwei lose Spitzen übereinander, eine vorne und eine hinten.

8. Das Schiffchen auseinanderziehen
Fass mit der linken Hand die vordere lose Spitze und mit der rechten Hand die hintere lose Spitze. Zieh sie langsam auseinander, die eine nach links und die andere nach rechts. Das Papier klappt sich dabei auf. Die beiden Spitzen werden zu den Enden des Schiffs. In der Mitte stellt sich ein Dreieck auf, das ist das Segel. Darunter liegt der Rumpf, also der Körper des Schiffs. Wenn sich das Schiff nicht weiter auseinanderziehen lässt, hör auf. Unten hat das Schiffchen jetzt eine Spitze. Drück sie von innen mit zwei Fingern ein wenig flach, dann bekommt das Schiffchen einen geraden Boden und steht von allein.

9. Das Schiffchen bemalen und beschriften
Male mit Buntstiften oder Filzstiften auf den Rumpf und das Segel. Passend zum Nikolaus sind Sterne, Nüsse, Äpfel oder ein Bischofsstab. Schreib deinen Namen auf das Schiffchen. Dann weiß der Nikolaus, wem es gehört.
Auf den kleinen Zettel schreibst du einen Nikolausspruch und klebst ihn auf das Segel. In Mariazell schreiben Kinder bis heute Sprüche auf ihre Schiffchen. Zwei davon sind:
- „Heiliger Sankt Nikolaus wohlbekannt, füll mein Schifflein bis an den Rand.“
- „Ich grüße dich, o Nikolaus, segne bitte unser Haus. Legst du was in mein Schifflein ein, will ich dir sehr dankbar sein.“
Du kannst dir auch selbst einen Spruch ausdenken.

10. Mast und Fahne basteln
Schneide aus dem kleinen Stück Papier ein Dreieck aus, das etwa 4 Zentimeter lang ist. Das wird die Fahne. Bestreich die kurze Seite mit Klebestift, leg den Holzspieß darauf und roll das Papier einmal um den Spieß. Drück es fest. Der Spieß ist jetzt der Mast. Schieb den Mast von oben in die Spitze des Segels, zwischen die Papierschichten. Das Segel hält ihn fest, weil dort mehrere Schichten Papier eng aufeinanderliegen. Die ältesten Nikolausschiffchen, die im Heimathaus Mariazell ausgestellt sind, sind aus Wachs und haben ebenfalls kleine Fahnen.

11. Das Schiffchen am Nikolausabend aufstellen
Stell dein Nikolausschiffchen am Abend des 5. Dezember neben deinen Stiefel vor die Tür oder auf die Fensterbank. Früher legten Kinder Heu, Stroh oder eine Karotte für das Pferd oder den Esel des Nikolaus dazu. Das kannst du neben das Schiffchen legen. Am Morgen des 6. Dezember schaust du nach, ob der Nikolaus etwas hineingelegt hat.
Du kannst es auch so machen wie die Kinder in Mariazell. Dort stellen sie ihr Schiffchen am Abend des 5. Dezember heimlich bei Verwandten oder bei ihren Taufpaten ab, zum Beispiel vor die Tür oder ans Fenster. Dabei dürfen sie sich nicht erwischen lassen. Wer das Schiffchen findet, füllt es mit Nüssen, Lebkuchen und Süßigkeiten. Am 6. Dezember holt das Kind sein Schiffchen ab und sagt dabei „Bitt schön um mein Schifferl“..

Warum hält das Schiffchen ohne Kleber zusammen?
Das Schiffchen hält ohne Kleber, weil sich die Papierschichten gegenseitig festhalten. Bei jedem Schritt legst du eine Schicht um eine andere herum. In Schritt 4 knickst du zum Beispiel die überstehenden Ecken um das Dach. Dadurch kann sich das Dach nicht mehr aufklappen. Am Ende steckt jede Schicht in einer anderen Schicht wie in einer Tasche.
Dazu kommt die Reibung. Reibung ist die Kraft, die entsteht, wenn zwei Flächen aneinanderliegen und sich gegeneinander bewegen sollen. Papier ist nicht ganz glatt, seine Oberfläche besteht aus vielen winzigen Fasern. Wenn zwei Schichten aufeinanderliegen, verhaken sich diese Fasern ein wenig. Deshalb rutschen die Schichten nicht auseinander, solange du das Schiffchen nicht mit Kraft auseinanderziehst.
Dass ein Knick im Papier bleibt, liegt ebenfalls an den Fasern. Papier besteht aus winzigen Fasern aus Holz, die ineinander verschlungen sind. Wenn du eine Falte festdrückst, werden die Fasern an dieser Stelle gequetscht und geknickt. Sie federn danach nicht mehr ganz zurück. Je fester du streichst, desto schärfer und haltbarer wird der Knick.
Kann ein Nikolausschiffchen schwimmen?
Ja, ein Papierschiffchen schwimmt, aber nur eine Weile. Es schwimmt, weil das Wasser es nach oben drückt. Diese Kraft heißt Auftrieb. Ein Gegenstand im Wasser schiebt Wasser zur Seite. Das nennt man verdrängen. Der Auftrieb ist genauso groß wie das Gewicht des Wassers, das der Gegenstand verdrängt. Der Forscher Archimedes hat das vor über 2.200 Jahren herausgefunden. Dein Schiffchen ist innen hohl und voller Luft. Deshalb verdrängt es viel Wasser, obwohl es selbst sehr leicht ist. So ist der Auftrieb größer als sein Gewicht, und es schwimmt.
Nach einiger Zeit wird das Papier aber nass und weich. Papier besteht aus Fasern, die sich mit Wasser vollsaugen. Das Wasser lockert außerdem die Verbindungen, die die Fasern zusammenhalten. Diese Verbindungen heißen Wasserstoffbrücken. Dann fällt das Schiffchen in sich zusammen, Wasser läuft hinein, und es sinkt.
Länger hält ein Schiffchen, wenn du es von außen mit einer weißen Kerze einreibst. Dabei bleibt eine dünne Schicht Wachs auf dem Papier. Wachs nimmt kein Wasser auf, deshalb kommt das Wasser schwerer an die Papierfasern heran. Zünde die Kerze dafür nicht an, du brauchst nur das kalte Wachs. Ein Nikolausschiffchen, in das der Nikolaus Süßigkeiten legen soll, setzt du aber lieber nicht aufs Wasser.
Was tun, wenn das Schiffchen nicht klappt?
- Wenn das Schiffchen schief wird, lagen die Kanten in Schritt 1 nicht genau aufeinander. Falte beim nächsten Mal langsam und halte die Ecken genau übereinander, bevor du den Knick festdrückst.
- Wenn sich der Hut in Schritt 5 nicht flach drücken lässt, sind die Knicke nicht fest genug. Streich jeden Knick mit dem Daumennagel nach, dann lässt sich das Papier leichter in die neue Form bringen.
- Wenn das Papier in Schritt 8 einreißt, hast du zu schnell oder zu fest gezogen. Zieh langsam und hör auf, sobald sich das Papier nicht mehr weiter öffnen lässt. Einen kleinen Riss kannst du von innen mit einem Streifen Papier und Klebestift flicken.
- Wenn das Schiffchen in Schritt 8 gar nicht aufgeht, hast du vielleicht in Schritt 6 nicht beide Seiten gefaltet. Mach das Schiffchen bis zum Dreieck wieder auf und prüf, ob vorne und hinten eine Spitze hochgefaltet ist.
- Wenn das Schiffchen umkippt, ist der Boden zu schmal. Drück ihn von innen mit zwei Fingern etwas auseinander, damit er breiter wird.
- Wenn der Mast wackelt, steckt er nicht tief genug im Segel. Schieb ihn weiter hinein oder kleb ihn mit einem kleinen Streifen Papier am Segel fest.
- Wenn das Papier sich nur schwer falten lässt und an den Knicken weiß wird, ist es zu dick. Nimm dünneres Papier.
Zum Weiterdenken
Setz ein leeres Papierschiffchen in eine Schüssel mit Wasser und leg nacheinander Nüsse hinein. Wie viele Nüsse trägt es, bevor es untergeht? Probier es danach mit einem Schiffchen aus, das du mit Kerzenwachs eingerieben hast. Tipp: Jede Nuss macht das Schiffchen schwerer, es sinkt tiefer ein und verdrängt mehr Wasser. Es geht unter, sobald Wasser über den Rand läuft.
Jetzt selbst ausprobieren
Dein Nikolausschiffchen ist der älteste Vorgänger des Nikolausstiefels. Warum die Kinder später Schuhe und Stiefel aufgestellt haben, warum man die Stiefel putzt und warum früher Heu oder eine Karotte hineinkam, erklären wir dir in unserem Beitrag Nikolausstiefel: Warum stellt man an Nikolaus Stiefel vor die Tür?
Quellen: Bonifatiuswerk: Nikolaus-Schiff, Österreichische UNESCO-Kommission: Schifferlsetzen, Heimathaus Mariazell: Bewerbung Schifferlsetzen, Mariazell Online: Schifferlsetzen ist Immaterielles Kulturerbe, Servus in Stadt und Land: Schifferl verschenken, Der Sonntag: Adventbräuche im Mariazellerland, Labbé: Schiffchen, Lernhelfer: Auftrieb und Auftriebskraft, Hamburger Abendblatt: Warum wellt sich Papier, wenn es nass wird?, FMP Papierlexikon: Transparentpapier

