Was ist das Papstbuch (Liber pontificalis)?
Die kurze Antwort
Das Papstbuch ist ein altes Buch, in dem die Päpste der ersten Jahrhunderte nacheinander beschrieben werden. Sein lateinischer Name ist Liber pontificalis (ausgesprochen „LI-ber pon-ti-fi-KA-lis“). Ein unbekannter Verfasser schrieb es vor rund 1.500 Jahren in Rom. Es beginnt mit dem Apostel Petrus. Zu jedem Papst steht darin, woher er kam, wie lange er im Amt war, was er beschlossen und gebaut hat und wo er begraben wurde. Später schrieben andere das Buch weiter, bis zu den Päpsten des 9. Jahrhunderts und im Mittelalter sogar bis ins 15. Jahrhundert. Das Papstbuch ist eine der wichtigsten Quellen über die Geschichte der Päpste und der Stadt Rom. Viele Angaben über die ersten Päpste sind aber Legenden.

Was ist das Papstbuch?
Das Papstbuch ist eine Sammlung von kurzen Berichten über die Päpste, also über die Bischöfe von Rom. Jeder Papst bekommt darin einen eigenen Abschnitt. Diese Abschnitte nennt man Einträge oder Viten (ausgesprochen „WI-ten“), nach dem lateinischen Wort vita für Leben. Die Einträge stehen in der Reihenfolge, in der die Päpste regiert haben. So entsteht eine Liste, die mit Petrus beginnt und Papst für Papst weitergeht.
Das alte Papstbuch hat mehr als 100 Einträge. Das Buch ist auf Latein geschrieben, der Sprache der alten Römer und der Kirche im Mittelalter.
Der Liber pontificalis ist ein Geschichtsbuch und kein Buch, das ein Papst selbst geschrieben hat. Er erzählt, was die Päpste getan haben sollen, und gibt dazu viele Zahlen, Namen und Orte an.
Was bedeutet Liber pontificalis?
Liber pontificalis ist Latein und heißt „päpstliches Buch“. Liber bedeutet Buch. Pontificalis kommt von Pontifex, einem alten Wort für einen hohen Priester. Später nannte man auch die Bischöfe und vor allem den Papst so. Auf Deutsch sagt man deshalb Papstbuch oder Buch der Päpste.
Diesen Namen trug das Buch aber nicht immer. In den alten Handschriften hat es viele verschiedene Überschriften, zum Beispiel Episcopale (ausgesprochen „e-pis-ko-PA-le“), also Bischofsbuch, oder „Ordo episcoporum Romae“ (ausgesprochen „OR-do e-pis-ko-PO-rum RO-mä“), das heißt „Reihenfolge der Bischöfe Roms“. Allgemein üblich wurde der Name Liber pontificalis erst, nachdem der Gelehrte Giovanni Vignoli (ausgesprochen „dscho-WAN-ni win-JO-li“) das Buch im Jahr 1724 unter diesem Titel gedruckt hatte.
Was ist der Unterschied zum Pontifikale?
Das Pontifikale ist anders als das Papstbuch ein Buch für Gottesdienste. Darin stehen die Gebete und Abläufe für Feiern, die nur ein Bischof leiten darf, zum Beispiel die Weihe eines Priesters oder einer Kirche. Weil auch alte Drucke des Pontifikale die Überschrift „Liber pontificalis“ tragen, werden die beiden Bücher leicht verwechselt. Wenn Geschichtsforscher vom Liber pontificalis sprechen, meinen sie immer das Papstbuch.
Was steht im Liber pontificalis?
Im Liber pontificalis steht zu jedem Papst, wer er war, wie lange er regierte und was er in dieser Zeit getan hat.
Ganz am Anfang des Buches stehen zwei Briefe. Im ersten bittet der Gelehrte Hieronymus (ausgesprochen „hi-e-RO-ny-mus“) den Papst Damasus (ausgesprochen „DA-ma-sus“), ihm die Geschichte der Bischöfe von Rom seit Petrus aufzuschreiben. Im zweiten Brief antwortet Damasus, er schicke ihm alles, was er finden konnte.
Wie ist ein Eintrag im Papstbuch aufgebaut?
Die Einträge über die ersten Päpste sind kurz und wie ein Steckbrief aufgebaut. Fast jeder beginnt mit dem Namen des Papstes, seiner Herkunft und dem Namen seines Vaters. Dann folgt, wie lange er Papst war, genau in Jahren, Monaten und Tagen. Danach steht, unter welchen Kaisern er lebte.
Es folgen die Beschlüsse des Papstes. Sie beginnen meist mit den Worten „Hic constituit“ (ausgesprochen „hik kon-STI-tu-it“), das heißt „Dieser bestimmte“. Danach kommen die Kirchen, die er bauen ließ, und die Geschenke, die er Kirchen machte. Fast jeder Eintrag sagt außerdem, wie viele Bischöfe, Priester und Diakone der Papst geweiht hat. Ein Diakon ist ein Helfer in der Kirche, der zum Beispiel aus der Bibel vorliest und sich um Arme kümmert. Am Schluss steht, wo der Papst begraben wurde und wie viele Tage es dauerte, bis ein neuer Papst gewählt war.
Der Eintrag über Linus, den zweiten Papst nach Petrus, zeigt dieses Muster. Darin steht: Linus stammte aus Tuszien, einer Landschaft in Italien, und sein Vater hieß Herculanus. Er war 11 Jahre, 3 Monate und 12 Tage im Amt. Er bestimmte, dass Frauen die Kirche nur mit verhülltem Kopf betreten sollten. Er weihte 15 Bischöfe und 18 Priester. Begraben wurde er neben Petrus auf dem Vatikan, einem Hügel in Rom, an einem 23. September.
Was steht über Petrus im Papstbuch?
Über Petrus steht im Papstbuch, dass er der Anführer der Apostel war und als erster Bischof in Rom regierte. Laut dem Buch war er der Sohn eines Johannes und kam aus dem Dorf Betsaida in Galiläa. Er soll zuerst sieben Jahre lang Bischof in der Stadt Antiochia gewesen sein. Danach kam er unter Kaiser Nero nach Rom und war dort 25 Jahre, 2 Monate und 3 Tage lang Bischof. So genau diese Zahlen klingen, so wenig lassen sie sich überprüfen, denn der Verfasser schrieb sie mehr als 400 Jahre nach dem Tod von Petrus auf.
Was erzählt das Papstbuch über Kirchen und Geschenke?
Das Papstbuch zählt sehr genau auf, welche Kirchen die Päpste bauen ließen und was diese Kirchen geschenkt bekamen. Dazu gehören Kelche aus Gold, Schalen und Leuchter aus Silber und Bronze. Bei vielen Gegenständen steht sogar, wie viel sie wogen. Außerdem bekamen Kirchen Bauernhöfe, Häuser und Gärten geschenkt. Bei ihnen steht, wie viele Goldmünzen sie jedes Jahr einbrachten. Von diesem Geld konnte die Kirche ihre Priester bezahlen und die Kirchengebäude erhalten.
Ein Beispiel ist der Eintrag über Papst Silvester, der von 314 bis 335 regierte. Darin steht, dass er in Rom eine Kirche bauen ließ. Kaiser Konstantin schenkte ihr eine silberne Schale, die 20 Pfund wog. Das Pfund war damals eine Gewichtseinheit. Dazu kamen silberne Becher, ein goldener Kelch, viele Leuchter und mehrere Landgüter. Solche Listen nehmen in manchen Einträgen mehr Platz ein als alles andere. Der Forscher Klaus Herbers fasst die frühen Einträge deshalb so zusammen: Sie zeigen den Papst, wie er „schenkt, beschließt, schreibt und sorgt“.
Wie veränderten sich die Einträge im Laufe der Zeit?
Die Einträge wurden mit der Zeit länger und erzählten mehr über den Charakter der Päpste. Ab dem 6. Jahrhundert beurteilen die Verfasser, ob ein Papst gut oder schlecht gehandelt hat. Ab dem 7. Jahrhundert erzählen sie ausführlicher, was in seiner Amtszeit geschah. Gegen Ende des 7. Jahrhunderts tauchen zum ersten Mal Päpste auf, die Wunder gewirkt haben sollen. Immer häufiger steht nun auch, was ein Papst vor seiner Wahl getan hat.
Wie lang ein Eintrag ist, sagt aber nicht immer etwas darüber aus, wie bedeutend ein Papst war. Papst Gregor der Große, der von 590 bis 604 regierte, gilt heute als einer der wichtigsten Päpste. Sein Eintrag im Papstbuch ist trotzdem kurz und nüchtern. Im 9. Jahrhundert schrieb Johannes Hymmonides (ausgesprochen „hüm-MO-ni-des“) deshalb eine eigene, viel längere Lebensgeschichte über ihn.
Wann und wie ist das Papstbuch entstanden?
Das Papstbuch ist in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts in Rom entstanden, also vor rund 1.500 Jahren. Frühestens wurde es unter Papst Hormisda (ausgesprochen „hor-MIS-da“) geschrieben, der von 514 bis 523 regierte. Fertig war der erste Teil wahrscheinlich, bevor Papst Vigilius (ausgesprochen „wi-GI-li-us“) im Jahr 555 starb. Damals herrschten in Italien die Ostgoten, ein germanisches Volk.
Fachleute nehmen an, dass ein einziger Verfasser alle Einträge von Petrus bis zu seiner eigenen Zeit in einem Zug geschrieben hat. Für die frühen Päpste stützte er sich auf ältere Listen.
Welche Papstlisten gab es vor dem Papstbuch?
Vor dem Papstbuch gab es bereits Listen der Bischöfe von Rom. Die wichtigste ist der Liberianische Katalog (lateinisch Catalogus Liberianus, ausgesprochen „ka-TA-lo-gus li-be-ri-A-nus“). Er ist nach Papst Liberius benannt, der von 352 bis 366 regierte, denn mit ihm endet die Liste. Der Katalog nennt zu jedem Papst den Namen, die Dauer seiner Amtszeit und die Zeit, in der er regierte. Nur selten steht noch ein kurzer Satz zu einem wichtigen Ereignis dabei.
Erhalten ist diese Liste in einem prächtig gestalteten Buch aus dem Jahr 354. Man nennt es den Chronographen von 354 (ausgesprochen „kro-no-GRA-fen“). Es ist eine Sammlung von Kalendern, Listen und Zeittafeln. Der Verfasser des Papstbuchs nahm solche Listen als Gerüst und füllte sie mit vielen weiteren Angaben auf.
Warum wurde das Papstbuch geschrieben?
Das Papstbuch wurde in einer Zeit geschrieben, in der in Rom heftig darüber gestritten wurde, wer der richtige Papst ist. Im Jahr 498 hatten zwei Gruppen in Rom gleichzeitig zwei verschiedene Männer zum Papst gewählt, Symmachus (ausgesprochen „SÜM-ma-chus“) und Laurentius (ausgesprochen „lau-REN-zi-us“). Eine solche Doppelwahl spaltete die Stadt. Am Ende setzte sich Symmachus durch. Während dieses Streits schrieben beide Seiten Texte, die beweisen sollten, dass ihre Seite recht hatte. Viele dieser Texte gaben vor, sehr alt zu sein, oder wurden berühmten Männern untergeschoben.
Der Verfasser des Papstbuchs benutzte viele dieser Texte, und zwar vor allem die der Verlierer, also der Anhänger von Laurentius. Briefe der Päpste aus ihrem Archiv nahm er dagegen kaum. Heute sind sich Fachleute einig, dass das Papstbuch mit den Streitfragen seiner Zeit zu tun hat. Welcher Streit genau den Anstoß gab, lässt sich aber nicht sicher sagen. Dass Papstbücher damals eine Waffe im Streit waren, zeigt ein weiterer Fund. In der Bibliothek des Doms von Verona ist ein Bruchstück eines zweiten, anderen Papstbuchs aus derselben Zeit erhalten. Man nennt es Fragmentum Laurentianum (ausgesprochen „frag-MEN-tum lau-ren-zi-A-num“).
Was hat es mit den Briefen am Anfang auf sich?
Die beiden Briefe am Anfang des Papstbuchs sind nicht echt. Hieronymus und Papst Damasus lebten im 4. Jahrhundert, also rund 150 Jahre vor der Entstehung des Buches. Der Verfasser schrieb die Briefe selbst und stellte sie an den Anfang. Damit wollte er den Eindruck erwecken, das Buch stamme von einem berühmten Papst und sei deshalb besonders glaubwürdig.
Das hat lange funktioniert. Im Mittelalter hielt zum Beispiel der Geschichtsschreiber Martin von Troppau Papst Damasus für den Verfasser. Im 16. Jahrhundert schrieb der römische Gelehrte Onofrio Panvinio (ausgesprochen „o-NO-fri-o pan-WI-ni-o“) das Buch dagegen Anastasius dem Bibliothekar zu, einem Gelehrten aus dem 9. Jahrhundert. Beides stimmt nicht.
Wer hat das Papstbuch geschrieben?
Wer das Papstbuch geschrieben hat, weiß niemand. Seinen Namen hat der Verfasser nirgends genannt. Fest steht nur, dass er in Rom lebte und sich gut in der Stadt und ihren Kirchen auskannte. Er hatte Zugang zu alten Listen aus der Verwaltung des Papstes, zum Beispiel über Weihen und Geschenke.
Trotzdem war er wohl kein Schreiber des Papstes, der im Auftrag schrieb. Dagegen spricht, dass er so viele Streitschriften der Verlierer benutzte. Er schrieb außerdem in dem einfachen Latein, das die Menschen im 6. Jahrhundert in Rom sprachen, und nicht im feinen Latein der Gelehrten. Fachleute vermuten deshalb, dass er für ein breites Publikum schrieb, vor allem für die vielen Geistlichen in Rom, die nicht in der Verwaltung des Papstes arbeiteten.
Auch die späteren Einträge haben verschiedene Verfasser, deren Namen unbekannt sind. Erst im 8. Jahrhundert benutzte die Kanzlei des Papstes das Buch nachweislich selbst. Eine Kanzlei ist die Schreibstube, in der Briefe und Urkunden entstehen. Die Einträge des 9. Jahrhunderts entstanden dann direkt in der Umgebung der Päpste. Erst da wurde das Papstbuch zu einem Buch, das die Päpste selbst führten.
Wie wurde das Papstbuch weitergeschrieben?
Das Papstbuch wurde weitergeschrieben, indem nach dem Tod eines Papstes ein neuer Eintrag hinten angefügt wurde. Bis ins 7. Jahrhundert kamen die Einträge noch in größeren Abständen hinzu, oft mehrere Päpste auf einmal. Später schrieb man den Eintrag kurz nach dem Ende einer Amtszeit. Manchmal begann man sogar schon zu Lebzeiten eines Papstes damit. Auf diese Weise entstand eine lückenlose Reihe von Päpsten. Sie sollte zeigen, dass jeder Papst der rechtmäßige Nachfolger von Petrus war.
Bis wann reicht das alte Papstbuch?
Das alte Papstbuch reicht bis zu Papst Stephan V., der von 885 bis 891 regierte. Der letzte vollständige Eintrag gilt Papst Hadrian II., der von 867 bis 872 regierte. Danach fehlen drei Päpste ganz, und der Eintrag über Stephan V. bricht mitten im Text ab. Danach schrieb rund 250 Jahre lang niemand mehr weiter.
Fachleute sehen dafür zwei Gründe. Zum einen wollten die Verfasser die Päpste zuletzt vor allem loben und wie Heilige darstellen. Dazu passte das alte, nüchterne Muster mit Zahlen und Listen immer weniger. Zum anderen herrschten in Rom in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts Unruhe und Streit. Wahrscheinlich fehlten deshalb die Leute, die sich um die Einträge kümmern konnten.
Wer schrieb das Papstbuch im Mittelalter weiter?
Im 12. Jahrhundert setzten mehrere Geistliche das Papstbuch fort. Um das Jahr 1130 schrieb der römische Kardinal Pandulf (ausgesprochen „PAN-dulf“) neue Einträge bis zu seiner eigenen Zeit. Ein Kardinal ist einer der wichtigsten Helfer des Papstes. Auch damals gab es zwei Päpste auf einmal, Innozenz II. und Anaklet II. (ausgesprochen „a-na-KLET“). Pandulf hielt zu Anaklet, der am Ende verlor. Deshalb wurde sein Text später umgeschrieben, sodass er zur Seite von Innozenz passte. Pandulfs ursprüngliche Fassung wurde erst im Jahr 1911 wiederentdeckt, in einer Handschrift in der Dombibliothek von Tortosa (ausgesprochen „tor-TO-sa“) in Spanien.
Um das Jahr 1142 schrieb der französische Mönch Petrus Guillermus (ausgesprochen „PE-trus gil-LER-mus“) das Papstbuch ab und brachte es auf den neuesten Stand. Er war Bibliothekar im Kloster Saint-Gilles (ausgesprochen „sä-SCHIL“) in Südfrankreich. Seine Handschrift liegt heute in der Bibliothek des Vatikans. Ebenfalls im 12. Jahrhundert schrieb Kardinal Boso Einträge über die Päpste bis zu Alexander III., der im Jahr 1181 starb. Im 15. Jahrhundert fügte noch jemand Einträge bis zu Papst Martin V. an, der von 1417 bis 1431 regierte. Sein Eintrag gilt meist als der letzte im Papstbuch.
Wie ist das Papstbuch bis heute erhalten geblieben?
Das Papstbuch ist bis heute erhalten, weil es im Mittelalter immer wieder von Hand abgeschrieben wurde. Bücher konnte man damals nicht drucken. Wer ein eigenes Exemplar haben wollte, musste es Wort für Wort abschreiben lassen. Solche von Hand geschriebenen Bücher nennt man Handschriften. Die älteste erhaltene Handschrift des Papstbuchs stammt vom Ende des 7. Jahrhunderts und liegt heute in der Nationalbibliothek in Neapel.
Eine besonders wichtige Handschrift entstand um das Jahr 800 und liegt heute in der Bibliothek des Doms von Lucca (ausgesprochen „LUK-ka“) in Italien. Sie reicht bis zu Papst Constantin I., der im Jahr 715 starb.
Warum gibt es keine alten Handschriften aus Rom?
Aus Rom selbst sind keine frühen Handschriften des Papstbuchs erhalten, weil man dort wahrscheinlich auf Papyrus schrieb. Papyrus ist ein Schreibmaterial aus den Stängeln der Papyruspflanze. Es hält nicht so lange wie Pergament, das aus Tierhaut gemacht wird. Papyrus wird mit der Zeit brüchig und zerfällt.
Die meisten frühen Handschriften kommen deshalb aus dem Norden des heutigen Frankreichs. Dort im Frankenreich wollten die Menschen wissen, wie Rom und das Papsttum aussahen. Am weitesten verbreitet war dort eine Fassung, die mit Papst Stephan II. endet, der von 752 bis 757 regierte. Manche Schreiber ergänzten das Buch selbst um die neuesten Päpste.
Gibt es Handschriften des Papstbuchs in Deutschland?
Ja, mehrere alte Handschriften des Papstbuchs liegen heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Eine wurde im 9. Jahrhundert in Regensburg geschrieben und im Kloster Sankt Emmeram aufbewahrt. Eine zweite stammt aus dem 10. Jahrhundert aus der Dombibliothek in Freising. Beide sind Auszüge, das heißt, sie enthalten nur einen Teil des Textes. Wer sie zusammenstellte, interessierte sich vor allem für die Regeln für die Kirche und die Gottesdienste. Was die Päpste gebaut und verschenkt hatten, wurde weggelassen.
Eine dritte Handschrift aus dem 12. Jahrhundert kommt aus dem Kloster Heilig Kreuz in Augsburg. Sie reicht von Petrus bis zu Papst Theodor, der von 642 bis 649 regierte, und bricht mitten in seinem Eintrag ab. Nach München kamen die Handschriften durch die Säkularisation am Anfang des 19. Jahrhunderts. Damals wurden viele Klöster aufgelöst, und ihre Bücher gingen an den Staat.
Seit wann gibt es das Papstbuch gedruckt?
Gedruckt gibt es das Papstbuch seit dem Jahr 1602. Damals gab Johannes Busaeus (ausgesprochen „bu-SÄ-us“) es in Mainz heraus. Bis heute arbeiten Forscher vor allem mit zwei Ausgaben aus dem 19. Jahrhundert. Der Franzose Louis Duchesne (ausgesprochen „lu-I dü-SCHÄN“) veröffentlichte das ganze Papstbuch bis Martin V. in den Jahren 1886 bis 1892, mit vielen Erklärungen. Der deutsche Historiker Theodor Mommsen gab 1898 den ersten Teil bis Papst Constantin I. heraus und verglich dafür besonders viele Handschriften. Die beiden Ausgaben ergänzen sich deshalb.
Lange gab es das Papstbuch nur auf Latein und in Übersetzungen ins Französische und Englische. Erst im Jahr 2022 erschien die erste deutsche Übersetzung. Der Historiker Ingemar König hat die Einträge von Petrus bis Constantin I. übersetzt und erklärt. Sein Werk hat zwei Bände mit zusammen 841 Seiten.
Warum ist das Papstbuch so wichtig?
Das Papstbuch ist wichtig, weil es für viele Jahrhunderte die wichtigste Quelle über die Päpste und die Kirche in Rom ist. Eine Quelle ist in der Geschichte alles, woraus man etwas über die Vergangenheit erfahren kann, zum Beispiel ein alter Text. Für manche Päpste ist das Papstbuch sogar die einzige Quelle, die überhaupt etwas über sie berichtet.
Nicht nur Kirchenhistoriker brauchen es. Weil das Buch so genau aufzählt, welche Kirchen gebaut und wie sie ausgestattet wurden, ist es auch für die Archäologie und die Kunstgeschichte wichtig. Archäologen erforschen die Vergangenheit anhand von Bauwerken und Gegenständen. Sie können mit dem Papstbuch herausfinden, wann eine Kirche in Rom gebaut wurde oder wer sie gestiftet hat. Sprachforscher lernen aus dem einfachen Latein des Buches, wie die Menschen in Rom vor 1.500 Jahren wirklich sprachen.
Was erfährt man aus dem Papstbuch über Bayern?
Aus dem Papstbuch erfährt man, dass im Jahr 715 oder 716 Herzog Theodo als erster Bayer zum Grab von Petrus nach Rom pilgerte. Im Eintrag über Papst Gregor II. steht: „Deshalb kam zu dieser Zeit Theodo, Herzog des Volkes der Bayern, mit Gebetsgelübde zum Grab des seligen Apostels Petrus, und zwar als erster desselben Volkes.“ Ein Herzog war damals der Anführer eines Volkes. Ein Gelübde ist ein feierliches Versprechen an Gott.
Diese Reise kennt man nur aus dem Papstbuch. Ein anderer Geschichtsschreiber, der später davon berichtet, hat die Nachricht von dort übernommen. Theodo (ausgesprochen „TE-o-do“) wollte mit dem Papst besprechen, wie die Kirche in Bayern geordnet werden sollte, mit eigenen Bistümern. Weil Theodo bald danach starb, wurde der Plan zunächst nicht verwirklicht. Rund 20 Jahre später, im Jahr 739, konnte Bonifatius darauf aufbauen, als er die Bistümer in Bayern einrichtete.
Wie zuverlässig ist das Papstbuch?
Das Papstbuch ist für die frühen Päpste wenig zuverlässig, für die späteren dagegen recht genau. Der Grund liegt darin, wann die Einträge geschrieben wurden. Über die Päpste der ersten 450 Jahre schrieb der Verfasser erst lange nach ihrem Tod. Viele Angaben stammen aus Legenden und aus den Streitschriften seiner Zeit. Fachleute bezeichnen das Papstbuch deshalb in weiten Teilen als legendarisch, also als voller Legenden.
Welche Angabe im Papstbuch ist eine Legende?
Eine bekannte Legende im Papstbuch ist die Taufe von Kaiser Konstantin durch Papst Silvester. Im Eintrag über Silvester steht, der Papst habe Konstantin getauft und Gott habe den Kaiser dabei vom Aussatz geheilt. Aussatz ist eine alte Bezeichnung für die Krankheit Lepra, bei der die Haut und die Nerven schwer geschädigt werden.
In Wirklichkeit ließ sich Konstantin erst im Jahr 337 taufen, kurz vor seinem Tod. Das geschah bei der Stadt Nikomedia (ausgesprochen „ni-ko-ME-di-a“) im Osten des Reiches, und getauft hat ihn Bischof Eusebius (ausgesprochen „eu-SE-bi-us“). Papst Silvester war zu dieser Zeit schon tot. Trotzdem glaubten die Menschen im ganzen Mittelalter die Geschichte von der Taufe in Rom. Erst Gelehrte im 15. und 16. Jahrhundert konnten nachweisen, dass sie erfunden ist.
Welche Angaben im Papstbuch gelten als verlässlich?
Als verlässlich gelten vor allem die Einträge über Päpste, die zur Lebenszeit der Verfasser regierten. Das sind die Einträge ab dem 6. Jahrhundert. Ihre Verfasser schrieben über Ereignisse, die sie selbst miterlebt hatten oder die noch nicht lange zurücklagen. Auch die Listen mit Weihen und Geschenken gelten als wertvoll, weil der Verfasser sie aus alten Unterlagen abschrieb.
Aber auch diese späteren Einträge muss man vorsichtig lesen. Weil sie die Päpste loben sollten, steht darin oft nicht, was einen Papst schlecht aussehen ließ. Wer mit dem Papstbuch arbeitet, vergleicht seine Angaben daher mit anderen Quellen, zum Beispiel mit Briefen, Urkunden und Ausgrabungen.
Zum Weiterdenken
Das Papstbuch ist zugleich ein Geschichtsbuch und selbst ein Stück Geschichte. Es erzählt nicht nur, was die Päpste getan haben, sondern auch, was die Menschen damals über ihre Päpste glauben sollten. Woran würdest du merken, ob ein Text über die Vergangenheit lange danach geschrieben wurde oder von jemandem, der dabei war?
Quellen: Historisches Lexikon Bayerns: Liber pontificalis, Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters: Liber Pontificalis, Monumenta Germaniae Historica: Rezension der deutschen Übersetzung 2022, Liber pontificalis, lateinischer Text (The Latin Library), Plekos, Universität München: Rezension zur Taufe Konstantins, Herder: Liturgisches Lexikon, Pontifikale, Duden: Liber pontificalis

