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Sankt Martin: Wer war der heilige Martin von Tours?

Gemälde von El Greco: Sankt Martin auf einem weißen Pferd teilt seinen Mantel mit einem Bettler

Die kurze Antwort

Der heilige Sankt Martin hieß eigentlich Martin von Tours (ausgesprochen „TUHR“). Er lebte vor etwa 1.700 Jahren, von ungefähr 316 bis 397 nach Christus. Geboren wurde er im heutigen Ungarn, seine Kindheit verbrachte er in Italien. Mit 15 Jahren musste er Soldat im römischen Heer werden. Als junger Soldat teilte er der Überlieferung nach in der französischen Stadt Amiens (ausgesprochen „a-MJÄÄ“) seinen Mantel mit einem armen Mann. Danach ließ er sich taufen, verließ die Armee, lebte als Mönch und gründete das erste Kloster in Gallien, dem heutigen Frankreich. Im Jahr 371 wurde er Bischof von Tours. Er starb am 8. November 397 und wurde am 11. November begraben. An diesem Tag ist bis heute der Martinstag.

Gemälde von El Greco: Sankt Martin auf einem weißen Pferd teilt seinen Mantel mit einem Bettler
Das Gemälde „Der heilige Martin und der Bettler“ von El Greco entstand um das Jahr 1598, also mehr als 1.200 Jahre nach Martins Tod. Wie auf fast allen Bildern sitzt Martin hier auf einem Pferd. Foto: El Greco, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Wer war der heilige Sankt Martin?

Sankt Martin war ein römischer Soldat, der Christ wurde, als Mönch lebte und später Bischof der Stadt Tours in Frankreich war.

Das Wort Sankt kommt vom lateinischen Wort sanctus und bedeutet „heilig“. Ein Heiliger ist ein Mensch, den die Kirche nach seinem Tod als besonderes Vorbild verehrt. Sein Name war Martin, lateinisch Martinus. Weil er Bischof von Tours war, nennt man ihn auch Martin von Tours. Ein Bischof ist ein Priester, der die Christen in einer Stadt und ihrer Umgebung leitet.

Martin ist einer der bekanntesten Heiligen in Europa. Das liegt vor allem an einer Geschichte aus seiner Zeit als junger Soldat. Damals soll er an einem eiskalten Wintertag seinen Mantel mit dem Schwert in zwei Hälften geteilt und eine Hälfte einem armen Mann geschenkt haben. Wegen dieser Geschichte gilt Martin bis heute als Vorbild dafür, mit anderen zu teilen und Menschen in Not zu helfen.

Wann und wo lebte Sankt Martin?

Sankt Martin lebte vor etwa 1.700 Jahren, von ungefähr 316 bis 397 nach Christus, die meiste Zeit im heutigen Frankreich.

Geboren wurde er in der Stadt Savaria (ausgesprochen „sa-WA-ri-a“). Sie lag damals in der römischen Provinz Pannonien und heißt heute Szombathely (ausgesprochen „SOM-bat-hej“). Szombathely liegt im Westen von Ungarn, nahe der Grenze zu Österreich. Seine Kindheit verbrachte Martin in Pavia (ausgesprochen „pa-WI-a“) in Norditalien. Zu dieser Zeit gehörten Ungarn, Italien und Frankreich alle zum Römischen Reich. Das war ein riesiges Reich, das ein Kaiser regierte.

Den größten Teil seines Lebens verbrachte Martin in Gallien. So nannten die Römer das Gebiet, in dem heute Frankreich liegt. Dort war er Soldat, Mönch und fast 30 Jahre lang Bischof.

Woher weiß man so viel über Sankt Martin?

Man weiß so viel über Martin, weil sein Freund Sulpicius Severus (ausgesprochen „sul-PI-zi-us se-WE-rus“) ein ganzes Buch über sein Leben geschrieben hat.

Sulpicius Severus lebte von etwa 360 bis etwa 420 im Südwesten des heutigen Frankreichs. Er besuchte Martin und sprach mit ihm und mit Menschen, die ihn kannten. Sein Buch heißt auf Lateinisch Vita Martini, das bedeutet „Das Leben des Martin“. Über Martins Tod steht darin noch nichts. Fachleute vermuten deshalb, dass Martin noch lebte, als das Buch fertig war. Von Martins Tod erzählt Sulpicius Severus später in einem Brief.

Eine Lebensbeschreibung von jemandem, der den Menschen selbst gekannt hat, ist für Geschichtsforscher sehr wertvoll. Denn der Verfasser kann aufschreiben, was er selbst gesehen und gehört hat.

Trotzdem stimmt nicht alles, was Sulpicius Severus schreibt. Er wollte zeigen, dass Martin ein vorbildlicher Christ war. Deshalb erzählt er auch von vielen Wundern. Ein Wunder ist ein Ereignis, das man sich mit den Naturgesetzen nicht erklären kann, zum Beispiel, dass ein Toter wieder lebendig wird. Solche Geschichten können Geschichtsforscher nicht überprüfen. Auch manche Jahreszahlen in dem Buch passen nicht zusammen.

Wie verlief Martins Kindheit?

Martin wuchs in einer Familie auf, die nicht christlich war, und wollte schon als Kind Christ werden.

Martins Eltern glaubten an die alten römischen Götter. Solche Menschen nannten die Christen Heiden. Sein Vater war zuerst einfacher Soldat und später Militärtribun. So hieß ein Offizier, der viele Soldaten befehligte. Die Familie hatte deshalb ein gewisses Ansehen.

Mit zehn Jahren ging Martin gegen den Willen seiner Eltern in eine christliche Kirche und bat darum, Taufbewerber zu werden. Ein Taufbewerber ist ein Mensch, der den christlichen Glauben kennenlernt, um sich später taufen zu lassen. Mit zwölf Jahren wollte Martin sogar als Einsiedler leben, also allein und nur zum Beten. Dafür war er aber noch zu jung. Sein Vater sah diesen Wunsch nicht gern. Er wollte, dass sein Sohn Soldat wird wie er.

Warum wurde Martin Soldat?

Martin musste Soldat werden, weil ein Gesetz bestimmte, dass die Söhne von Soldaten ebenfalls in die Armee eintreten mussten.

Sein Vater meldete den Sohn selbst bei der Armee. Martin wurde in Ketten gelegt und musste mit 15 Jahren den Fahneneid schwören. Das ist das Versprechen eines Soldaten, dem Kaiser treu zu dienen. Martin kam in die Garde des Kaisers. Das war eine besondere Truppe aus Reitern, die den Kaiser beschützte. Nach Sulpicius Severus diente Martin zuerst unter Kaiser Constantius II. (ausgesprochen „kon-STAN-zi-us“) und später unter Julian, der im Auftrag des Kaisers über Gallien herrschte. Mit seiner Truppe kam er nach Gallien und war dort in der Stadt Amiens stationiert.

Auch als Soldat lebte Martin so, wie er es als Taufbewerber gelernt hatte. Als Sohn eines Offiziers stand ihm ein Diener zu. Martin behandelte ihn aber wie einen Freund. Die beiden aßen zusammen, und oft zog Martin dem Diener sogar die Stiefel aus und putzte sie selbst. Von seinem Sold, also dem Lohn eines Soldaten, behielt er nur so viel, wie er zum Essen brauchte. Den Rest schenkte er armen Menschen. Diese Hilfsbereitschaft zeigt auch die bekannteste Geschichte über Martin, die am Stadttor von Amiens spielt.

Was geschah am Stadttor von Amiens?

Am Stadttor von Amiens teilte Martin der Überlieferung nach seinen Mantel mit dem Schwert und schenkte eine Hälfte einem armen Mann, der nichts anzuziehen hatte.

Amiens ist eine Stadt im Norden von Frankreich. Meist wird für die Geschichte das Jahr 334 genannt. Martin war damals etwa 18 Jahre alt.

So erzählt Sulpicius Severus die Geschichte:

  • Es war mitten in einem besonders harten Winter. Die Kälte war so stark, dass viele Menschen erfroren.
  • Am Stadttor saß ein armer Mann, der keine Kleidung hatte. Die Leute gingen an ihm vorbei, ohne ihm zu helfen.
  • Martin hatte nichts dabei außer seinen Waffen und seiner Soldatenkleidung. Sein Geld hatte er schon vorher an Arme verschenkt, wie er es immer tat.
  • Er nahm sein Schwert, schnitt seinen Mantel in zwei gleich große Teile und gab dem Armen eine Hälfte. Die andere Hälfte zog er selbst wieder an.
  • Einige der Umstehenden lachten über Martin, weil er mit dem halben Mantel seltsam aussah.

Was träumte Martin nach der Mantelteilung?

In der Nacht danach hatte Martin einen Traum. Er sah Jesus Christus, der die Mantelhälfte trug, die Martin dem Bettler geschenkt hatte. Jesus sagte zu den Engeln um ihn herum, Martin, der noch ein Taufbewerber sei, habe ihn mit diesem Mantel bekleidet. Damit ist gemeint, dass jemand, der einem armen Menschen hilft, damit Jesus selbst hilft. Das geht auf eine Stelle in der Bibel zurück. Dort sagt Jesus, dass alles, was Menschen für Arme, Hungrige und Kranke tun, für ihn selbst getan ist. Nach diesem Traum ließ sich Martin taufen. Nach der lateinischen Fassung der Vita war er dabei 18 Jahre alt.

Steinrelief am Justizpalast in Amiens: Martin teilt seinen Mantel mit dem Bettler
Die Mantelteilung als Bild aus Stein am Justizpalast in Amiens. An dieser Stelle stand früher das Stadttor, an dem Martin den Bettler getroffen haben soll. Foto: Ybroc, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Ritt Sankt Martin wirklich auf einem Pferd?

In der ältesten Geschichte über Martin kommt kein Pferd vor.

Sulpicius Severus schreibt nur, dass Martin dem armen Mann am Stadttor begegnete. Ob Martin ritt oder zu Fuß ging, verrät die Quelle nicht. Das Pferd kam erst auf Bildern im Mittelalter dazu. Die Künstler kannten Bilder von römischen Helden, die mit dem Schwert auf einem Pferd sitzen. Diese Art von Bild übernahmen sie für Martin. Bei ihm besiegt der Reiter aber keinen Feind, sondern rettet einen Menschen.

Was für ein Mantel war es?

Der Mantel war ein Soldatenmantel. Sulpicius Severus nennt ihn mit einem griechischen Wort chlamys. Das war ein Umhang, der aus zwei Teilen bestand und oben mit warmem Schaffell besetzt war.

Welche Farbe der Mantel hatte, schreibt Sulpicius Severus nicht. Auf Bildern und beim Martinsumzug ist er meist rot, weil Rot später als Farbe der Offiziere galt. Der Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti vermutet dagegen, dass Martins Mantel weiß war. Denn die Soldaten der kaiserlichen Garde trugen Weiß als Erkennungszeichen.

Oft liest man, Martin habe nur die Hälfte des Mantels verschenkt, weil die andere Hälfte der Armee gehörte. In der ältesten Quelle steht das nicht. Es ist eine spätere Erklärung. Auch dass Martin für den kaputten Mantel drei Tage ins Gefängnis musste, ist nur eine Vermutung.

Warum verließ Martin die Armee?

Martin verließ die Armee, weil er als Christ nicht mehr kämpfen wollte.

Nach seiner Taufe blieb Martin noch fast zwei Jahre Soldat, weil ihn sein Vorgesetzter darum bat. Dann versammelte der römische Herrscher Julian sein Heer bei der Stadt Worms am Rhein. Die Soldaten sollten gegen Germanen kämpfen, die nach Gallien eingedrungen waren. Vor dem Kampf verteilte Julian ein Donativ. Das war ein Geldgeschenk an jeden Soldaten. Martin wollte das Geld nicht annehmen, weil er die Armee verlassen wollte. Er sagte zu Julian, er sei ein Soldat Christi und es sei ihm nicht erlaubt zu kämpfen.

Julian warf Martin vor, er sei nur feige und habe Angst vor der Schlacht. Martin antwortete, er werde sich am nächsten Tag ohne Waffen, ohne Schild und ohne Helm vor die Reihe der Soldaten stellen. Julian ließ ihn ins Gefängnis bringen. Am nächsten Tag schickten die Feinde aber Boten und baten um Frieden. Zu der Schlacht kam es nicht, und Martin durfte die Armee verlassen.

Hier passen die Jahreszahlen nicht zusammen. Nach dem Buch war Martin bei seinem Abschied etwa 20 Jahre alt. Julian war aber erst im Jahr 356 mit seinem Heer bei Worms. Da war Martin schon etwa 40 Jahre alt. Viele Fachleute glauben deshalb, dass Martin viel länger Soldat war, als Sulpicius Severus schreibt.

Wandbild von Simone Martini: Martin legt vor dem Herrscher Julian seine Waffen nieder
Martin verzichtet vor dem Herrscher Julian auf seine Waffen. Das Wandbild malte Simone Martini zwischen 1312 und 1317 in einer Kirche in Assisi in Italien. Foto: Simone Martini, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Was machte Martin nach der Armee?

Nach der Armee ging Martin zu Bischof Hilarius (ausgesprochen „hi-LA-ri-us“) nach Poitiers (ausgesprochen „poa-TJEE“) und reiste dann zu seinen Eltern, um sie zum christlichen Glauben zu bringen.

Hilarius war damals einer der bekanntesten Christen in Gallien und wurde Martins Lehrer. Er wollte Martin zum Diakon machen. Ein Diakon ist ein Helfer des Bischofs, der in der Kirche bestimmte Aufgaben übernimmt. Martin hielt sich dafür aber für unwürdig und lehnte ab. Deshalb gab Hilarius ihm das niedrigere Amt eines Exorzisten (ausgesprochen „ex-or-ZIS-ten“). So hieß ein Helfer der Kirche, der nach dem Glauben der damaligen Christen böse Geister aus Menschen vertreiben konnte. Dieses Amt nahm Martin an, damit niemand denken konnte, er halte es für zu gering. Poitiers ist eine Stadt im Westen von Frankreich. Von dort brach Martin zu seinen Eltern auf, die inzwischen wieder in Pannonien lebten. Auf dem Weg über die Alpen wurde er von Räubern überfallen und gefesselt. Einer der Räuber fragte ihn, ob er Angst habe. Martin antwortete, er habe sich noch nie so sicher gefühlt. Der Räuber ließ ihn frei und wurde später selbst Christ.

Bei seinen Eltern hatte Martin nur zum Teil Erfolg. Seine Mutter wurde Christin, sein Vater blieb bei den alten Göttern.

Warum musste Martin aus seiner Heimat und aus Mailand fliehen?

Martin musste fliehen, weil er sich in einem großen Streit unter Christen gegen die Anhänger des Arianismus stellte, die damals an vielen Orten die Macht hatten.

Der Arianismus war eine Lehre, die auf einen Priester namens Arius zurückging. Seine Anhänger glaubten, dass Jesus nicht ganz so göttlich sei wie Gott, der Vater. Andere Christen, zu denen Martin und Hilarius gehörten, hielten das für falsch. Über diese Frage stritten sich die Christen im ganzen Römischen Reich. Auch manche Kaiser unterstützten die Arianer.

In seiner Heimat Pannonien waren die Arianer besonders mächtig. Weil Martin sich fast allein gegen sie stellte, wurde er öffentlich ausgepeitscht und musste die Stadt verlassen. Er ging zurück nach Italien. Dort erfuhr er, dass auch sein Lehrer Hilarius von den Arianern vertrieben worden war. Hilarius musste in die Verbannung, er durfte also nicht mehr in seine Heimat zurückkehren. Martin gründete deshalb in Mailand in Norditalien ein kleines Kloster für sich selbst. Doch der Bischof von Mailand war ein Arianer. Er hieß Auxentius (ausgesprochen „au-XEN-zi-us“) und verjagte Martin auch aus Mailand.

Martin zog sich mit einem Priester auf die kleine Insel Gallinaria (ausgesprochen „gal-li-NA-ri-a“) im Mittelmeer zurück. Sie liegt vor der Küste Norditaliens. Dort lebte er eine Zeit lang von Pflanzenwurzeln. Einmal aß er dabei aus Versehen Nieswurz, eine giftige Pflanze. Er wurde schwer krank, wurde aber wieder gesund. Sulpicius Severus erklärt das mit Martins Gebet. Als Martin hörte, dass Hilarius zurückkehren durfte, machte er sich auf den Weg zu ihm.

Wie gründete Martin das erste Kloster in Gallien?

Martin gründete um das Jahr 361 in Ligugé (ausgesprochen „li-gü-SCHEE“) bei Poitiers ein Kloster, ganz in der Nähe seines Lehrers Hilarius.

Ein Kloster ist ein Ort, an dem Mönche zusammen leben, beten und arbeiten. Ein Mönch ist ein Mann, der sein ganzes Leben Gott widmet und dafür auf eigenen Besitz und auf eine Familie verzichtet. Das Kloster in Ligugé gilt als das älteste Kloster in Gallien. Bald kamen andere Männer zu Martin, die so leben wollten wie er.

In Ligugé geschah nach Sulpicius Severus das Wunder, das Martin berühmt machte. Ein junger Taufbewerber, der bei Martin lebte, bekam hohes Fieber und starb, während Martin unterwegs war. Als Martin zurückkam, schloss er sich mit dem Toten ein und betete. Nach etwa zwei Stunden soll der junge Mann wieder lebendig geworden sein. Ob das wirklich so geschehen ist, lässt sich nicht überprüfen. Die Geschichte verbreitete sich aber schnell, und viele Menschen hielten Martin nun für einen Heiligen. Das erklärt, warum die Menschen in Tours ihn wenige Jahre später als Bischof haben wollten.

Wie wurde Martin Bischof von Tours?

Martin wurde im Jahr 371 Bischof von Tours, weil die Menschen der Stadt ihn unbedingt als Bischof haben wollten.

Damals wählten die Christen einer Stadt ihren Bischof selbst. Martin wollte sein Kloster aber nicht verlassen. Deshalb griffen die Leute aus Tours zu einer List. Ein Mann namens Ruricius (ausgesprochen „ru-RI-zi-us“) kam zu Martin, fiel vor ihm auf die Knie und behauptete, seine Frau sei schwer krank. Martin ging mit ihm, um ihr zu helfen. Unterwegs warteten aber schon viele Menschen und brachten ihn nach Tours. Dort hatten sich Leute aus der ganzen Gegend versammelt und wählten ihn zum Bischof.

Nicht alle waren damit einverstanden. Einige Bischöfe fanden, Martin sei kein würdiger Bischof. Er sehe ungepflegt aus, trage ärmliche Kleidung und habe unordentliche Haare. Gegen den Willen der vielen Menschen konnten sie aber nichts ausrichten.

Hat sich Martin wirklich in einem Gänsestall versteckt?

Nein, die Geschichte vom Gänsestall ist eine Legende, die erst etwa 1.100 Jahre nach Martins Tod aufgeschrieben wurde.

Die Legende erzählt ebenfalls von Martins Wahl zum Bischof. Martin hielt sich für unwürdig, Bischof zu werden. Deshalb versteckte er sich in einem Stall bei den Gänsen. Die Gänse schnatterten aber so laut, dass die Leute ihn fanden, und Martin musste das Amt annehmen.

Bei Sulpicius Severus kommen keine Gänse vor. Bei ihm wird Martin mit der List von der kranken Ehefrau aus seinem Kloster gelockt. Die Geschichte vom Gänsestall ist erst seit dem 16. Jahrhundert überliefert. Den Brauch, am Martinstag eine Gans zu essen, gab es schon vorher. Die Legende sollte nachträglich erklären, warum die Gans zu Martin gehört. Eine Legende, die einen älteren Brauch erklären soll, nennt man Sekundärlegende. Sekundär bedeutet „an zweiter Stelle“, denn zuerst war der Brauch da und erst danach die Geschichte.

Wie lebte Martin als Bischof?

Auch als Bischof lebte Martin wie ein Mönch, und er reiste viel, um die Menschen auf dem Land zum christlichen Glauben zu bringen.

Zuerst wohnte Martin in einer kleinen Zelle neben der Kirche von Tours. Dort besuchten ihn aber so viele Menschen, dass er keine Ruhe mehr hatte. Deshalb gründete er etwa zwei Meilen vor der Stadt an der Loire ein zweites Kloster. Heute heißt der Ort Marmoutier (ausgesprochen „mar-mu-TJEE“). Der Platz lag versteckt zwischen einem steilen Felsen und dem Fluss. Martin wohnte dort in einer einfachen Hütte aus Holz. Viele Mönche schlugen sich Höhlen in den Felsen. Mit Martin lebten 80 Schüler. Niemand besaß etwas für sich allein, alles gehörte allen gemeinsam.

Ruinen des Klosters Marmoutier bei Tours
Reste des Klosters Marmoutier bei Tours. Hier gründete Martin als Bischof sein zweites Kloster. Foto: Akarikurosaki, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

In den Städten Galliens gab es damals schon viele Christen. Auf dem Land glaubten die meisten Menschen aber noch an die alten Götter. Martin reiste deshalb durch die Dörfer seiner Gegend und predigte. Dabei ließ er auch Tempel der alten Götter zerstören. Fachleute nennen dieses Vorgehen heute „durchaus radikal“, also sehr hart gegenüber Menschen mit einem anderen Glauben.

Warum reiste Martin zum Kaiser nach Trier?

Martin reiste nach Trier, weil dort der Kaiser wohnte und Martin bei ihm für Menschen bitten wollte, die verurteilt werden sollten.

Trier war damals eine der wichtigsten Städte im Westen des Römischen Reichs. Dort regierte ab dem Jahr 383 Magnus Maximus. Er war ein Gegenkaiser, also ein Herrscher, den seine Soldaten zum Kaiser ausgerufen hatten, obwohl es schon einen anderen Kaiser gab. Viele Bischöfe kamen zu ihm und schmeichelten ihm, weil er mächtig war.

Martin verhielt sich anders. Er lehnte die Einladungen des Kaisers zum Festessen lange ab. Als er doch einmal kam, reichte ein Diener dem Kaiser einen Becher. Der Kaiser ließ ihn zuerst Martin geben. Er erwartete, dass Martin den Becher danach an ihn zurückgibt. Martin trank aber und gab den Becher seinem eigenen Priester, der mit ihm gekommen war. Damit zeigte er, dass für ihn ein Priester wichtiger war als der Kaiser. Die Gäste wunderten sich sehr, denn das hatte noch kein Bischof gewagt.

Warum setzte sich Martin für Priszillian ein?

Martin setzte sich für einen Mann namens Priszillian ein. Priszillian kam aus Spanien und hatte viele Anhänger. Die Bischöfe in Gallien hielten seine Lehre für eine Irrlehre, also für eine falsche Lehre über den christlichen Glauben. Kaiser Maximus verurteilte Priszillian deshalb zum Tod. Martin war gegen dieses Urteil, obwohl auch er Priszillians Lehre ablehnte. Er fand, dass ein Kaiser nicht über einen Streit unter Christen entscheiden und deshalb Menschen töten darf. Trotzdem wurden Priszillian und sechs seiner Anhänger im Jahr 385 in Trier hingerichtet. Danach warfen andere Bischöfe Martin vor, er halte selbst zu Priszillian. Martin war darüber so enttäuscht, dass er nie wieder an einer Versammlung der Bischöfe teilnahm.

Wann und wo starb Sankt Martin?

Sankt Martin starb am 8. November 397 im Alter von etwa 81 Jahren in dem Ort Candes (ausgesprochen „KAHND“) an der Loire.

Martin war nach Candes gereist, weil sich die Priester der Kirche dort untereinander stritten. Er wollte Frieden zwischen ihnen stiften, obwohl er spürte, dass er bald sterben würde. Dort bekam er hohes Fieber. Nach dem Brief des Sulpicius Severus betete Martin, er sei bereit, weiterzuarbeiten, wenn Gott ihn noch brauche. In seinen letzten Nächten lag er auf einem Sack und auf Asche. Als seine Schüler ihm wenigstens etwas Stroh unterlegen wollten, lehnte er ab. Ein Christ solle in Asche sterben, sagte er. Die Asche war damals ein Zeichen dafür, dass ein Mensch demütig vor Gott ist.

Die Stiftskirche von Candes-Saint-Martin an der Loire
Die Kirche von Candes-Saint-Martin an der Loire. In diesem Ort starb Martin im Jahr 397. Foto: Père Igor, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Warum ist der Martinstag am 11. November?

Der Martinstag ist am 11. November, weil Martin an diesem Tag im Jahr 397 in Tours begraben wurde.

Nach seinem Tod stritten sich die Menschen aus Poitiers und aus Tours darum, wo Martin begraben werden sollte. Die Leute aus Poitiers sagten, er sei schließlich zuerst bei ihnen Mönch gewesen. In der Nacht, als die Leute aus Poitiers schliefen, hoben die Leute aus Tours den Leichnam durch ein Fenster. Mit einem Boot brachten sie ihn über die Flüsse Vienne und Loire nach Tours. So erzählt es der Geschichtsschreiber Gregor von Tours etwa 200 Jahre später.

Am 11. November wurde Martin in Tours begraben. Eine riesige Menschenmenge begleitete den Leichnam zu seinem Grab. Nach Sulpicius Severus kamen allein fast 2.000 Mönche. Bei den meisten Heiligen ist der Gedenktag ihr Todestag. Ein Gedenktag ist ein Tag im Jahr, an dem die Kirche an einen bestimmten Heiligen denkt. Bei Martin ist es der Tag seiner Beerdigung. Wie aus diesem Gedenktag die Laternenumzüge wurden, erklären wir im Beitrag Martinsumzug.

Wie wurde Martin ein Heiliger?

Martin wurde ein Heiliger, weil die Menschen ihn schon kurz nach seinem Tod als Vorbild verehrten und an seinem Grab beteten.

Eine Heiligsprechung durch den Papst gab es zu Martins Zeit noch nicht. Die Menschen verehrten Heilige einfach, und die Bischöfe stimmten zu. Die erste Heiligsprechung durch einen Papst gab es erst im Jahr 993, fast 600 Jahre nach Martins Tod.

Martin war etwas Besonderes. Vor ihm verehrten die Christen fast nur Märtyrer. Ein Märtyrer ist ein Mensch, der wegen seines Glaubens getötet wurde. Martin starb dagegen eines natürlichen Todes. Er war einer der ersten Heiligen, die nicht als Märtyrer starben. Zu seiner Zeit wurden Christen im Römischen Reich nämlich nicht mehr verfolgt.

Über Martins Grab baute man im 5. Jahrhundert eine Kapelle und später eine große Kirche mit einem Kloster. Das Grab wurde zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte in Europa. Ein Wallfahrtsort ist ein Ort, zu dem gläubige Menschen reisen, um dort zu beten. Später ging das Grab verloren. Erst im Jahr 1860 fand man die Reste wieder. Darüber baute man eine neue Kirche, die 1925 fertig wurde.

Das Grab des heiligen Martin in der Krypta der Basilika Saint-Martin in Tours
Das Grab des heiligen Martin in der Krypta der Basilika Saint-Martin in Tours. Eine Krypta ist ein Raum unter einer Kirche. Foto: Tipoune, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Wofür ist Sankt Martin Schutzpatron?

Sankt Martin ist der Schutzpatron der Soldaten, der Reiter, der Reisenden, der Armen und Bettler und der Länder Frankreich und Slowakei.

Ein Schutzpatron ist ein Heiliger, von dem Christen glauben, dass er bei Gott für bestimmte Menschen oder für einen bestimmten Ort bittet. Viele Gruppen, für die Martin Schutzpatron ist, passen zu seinem Leben. Er war selbst Soldat, er teilte seinen Mantel mit einem armen Mann, und er war viel unterwegs. Das Erzbistum München nennt außerdem die Waffenschmiede und die Haustiere.

Frankreich verehrt Martin, weil er dort fast sein ganzes Leben verbrachte. Die Slowakei verehrt ihn, weil seine Heimat Pannonien in der Nachbarschaft der heutigen Slowakei lag. In Deutschland ist Martin der Schutzpatron der Stadt Mainz und des Mainzer Doms. Auch das Bistum Rottenburg-Stuttgart hat ihn als Schutzpatron. Ein Bistum ist das Gebiet, das ein Bischof leitet.

Was hat Martins Mantel mit dem Wort Kapelle zu tun?

Das Wort Kapelle kommt von Martins Mantel, denn zuerst hieß das Mantelstück selbst so und später der Raum, in dem es aufbewahrt wurde.

Die Franken waren ein Volk, das nach den Römern über Gallien und große Teile Deutschlands herrschte. Ihre Könige machten Martin zu ihrem wichtigsten Schutzheiligen. Sie verehrten einen Mantel, den sie für Martins Mantel hielten, als Reliquie. Eine Reliquie ist ein Gegenstand oder ein Teil des Körpers eines Heiligen, den Gläubige verehren. Die Könige nahmen den Mantel sogar mit in ihre Schlachten, weil er sie beschützen sollte. Ob es wirklich Martins Mantel war, weiß niemand.

Ein Mantel mit Kapuze hieß im späten Latein cappa (ausgesprochen „KAP-pa“). Das Mantelstück des heiligen Martin nannte man capella (ausgesprochen „ka-PEL-la“). Das bedeutet „kleiner Mantel“. In diesem Sinn taucht das Wort um das Jahr 660 auf. Über der Reliquie richteten die fränkischen Könige einen Raum zum Beten ein. Bald nannte man auch diesen Raum capella. Daraus wurde unser Wort Kapelle für eine kleine Kirche. Die Priester, die in dieser Kapelle Dienst taten und den Mantel bewachten, hießen capellani (ausgesprochen „ka-pel-LA-ni“). Daher kommt das Wort Kaplan für einen jungen Priester.

Was geschah wann in Martins Leben?

Die wichtigsten Stationen in Martins Leben stehen hier in der richtigen Reihenfolge. Viele Jahreszahlen sind nur ungefähr bekannt.

JahrWas geschah
um 316Martin wird in Savaria in Pannonien geboren, heute Szombathely in Ungarn. Er wächst in Pavia in Italien auf.
um 326Mit zehn Jahren wird er gegen den Willen seiner Eltern Taufbewerber.
um 331Mit 15 Jahren muss er Soldat werden und kommt in die Garde des Kaisers.
um 334In Amiens teilt er seinen Mantel mit einem Bettler. Danach lässt er sich taufen.
356Bei Worms verweigert er vor Julian das Geldgeschenk und verlässt die Armee.
danachEr wird Schüler von Bischof Hilarius in Poitiers und besucht seine Eltern in Pannonien.
um 357 bis 360Die Arianer vertreiben ihn aus Pannonien und aus Mailand. Er lebt auf der Insel Gallinaria.
um 361In Ligugé bei Poitiers gründet er das älteste Kloster Galliens.
371Die Menschen in Tours wählen ihn zum Bischof.
danachEr gründet das Kloster Marmoutier und reist predigend durch die Dörfer.
385In Trier setzt er sich vergeblich gegen die Hinrichtung des Priszillian ein.
8. November 397Martin stirbt in Candes an der Loire.
11. November 397Er wird in Tours begraben. Dieser Tag wird sein Gedenktag.

Was ist an Martins Leben belegt und was ist Legende?

Belegt ist, dass Martin gelebt hat, Soldat war, Klöster gründete und Bischof von Tours wurde. Viele Geschichten über ihn sind dagegen Legenden.

Eine Legende ist eine Erzählung über einen Heiligen, die zeigen soll, was für ein Mensch er war. Sie muss nicht genau so passiert sein.

AussageWas man weiß
Martin hat wirklich gelebt.belegt durch seinen Freund Sulpicius Severus und viele spätere Quellen
Er wurde um 316 in Savaria geboren.belegt, das genaue Jahr ist unsicher
Er war Soldat in der römischen Armee.belegt
Er teilte seinen Mantel mit einem Bettler.so erzählt es Sulpicius Severus, Fachleute halten die Geschichte für eine Legende
Er saß dabei auf einem Pferd.nicht in der ältesten Quelle, erst auf späteren Bildern
Er verließ die Armee mit etwa 20 Jahren.unsicher, die Jahreszahlen passen nicht zusammen
Er gründete Klöster und wurde 371 Bischof von Tours.belegt
Er erweckte einen Toten wieder zum Leben.lässt sich nicht überprüfen
Er versteckte sich im Gänsestall.Legende aus dem 16. Jahrhundert
Er setzte sich in Trier für Priszillian ein.belegt
Er starb am 8. November 397 und wurde am 11. November begraben.aus späteren Lebensbeschreibungen überliefert
Seine Leiche wurde heimlich durch ein Fenster nach Tours gebracht.erzählt Gregor von Tours etwa 200 Jahre später

Zum Weiterdenken

  • Martin hat nur die Hälfte seines Mantels verschenkt und nicht den ganzen Mantel. Warum war das vielleicht sogar die klügere Lösung?
  • Martin gab den Becher beim Festessen nicht dem Kaiser, sondern seinem Priester. Was wollte er damit zeigen, und hättest du dich das getraut?
  • Sulpicius Severus war Martins Freund. Warum muss man einem Buch, das ein Freund über jemanden schreibt, trotzdem manchmal kritisch begegnen?

Quellen: Sulpicius Severus: Das Leben des heiligen Martin (englische Übersetzung), Sulpicius Severus: Brief über Martins Tod (englische Übersetzung), Universität Osnabrück: Von Caesars Soldat zu Christus‘ Soldat, Deutschlandfunk: Martin von Tours, Soldat, Eremit und Heiliger, Diözese Rottenburg-Stuttgart: Martin von Tours, katholisch.de: Das müssen Sie über Sankt Martin wissen, Erzbistum Köln: Sankt Martin, DOMRADIO.DE: War der Mantel wirklich rot?, Erzbistum München: Sankt Martin, DWDS: Kapelle, Kirche im hr: Martins Mantel (PDF)

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