Die kurze Antwort
Bei einem Martinsumzug ziehen Kinder rund um den 11. November am Abend mit Laternen durch die Straßen und singen Martinslieder. Vorneweg reitet meist Sankt Martin auf einem Pferd. Die Umzüge erinnern an den heiligen Martin, der der Überlieferung nach seinen Mantel mit einem armen Mann geteilt hat. Martinsumzüge, wie wir sie heute kennen, gibt es seit etwa 150 Jahren. Erfunden haben sie Bürger in Städten am Niederrhein. Der erste geordnete Umzug ist für das Jahr 1867 in Dülken belegt, einem Teil der Stadt Viersen. Vorher zogen Kinder schon seit Jahrhunderten am Martinsabend von Haus zu Haus, sangen Lieder und baten um Gaben.

Was ist ein Martinsumzug?
Ein Martinsumzug ist ein Umzug am Abend, bei dem Kinder mit Laternen hinter einem Reiter durch die Straßen ziehen, der Sankt Martin darstellt.
Andere Namen für den Martinsumzug sind Martinszug, Laternenumzug und Laternenlaufen. In Norddeutschland sagen viele Menschen auch Laternegehen. Ein Martinsumzug gehört zum Martinstag. Das ist der Gedenktag des heiligen Martin von Tours (ausgesprochen „TUHR“). An einem Gedenktag denkt die Kirche an einen bestimmten Heiligen.
Martin von Tours lebte vor etwa 1.700 Jahren und war zuerst römischer Soldat und später Bischof in Frankreich. Bekannt ist er vor allem durch eine Geschichte. An einem eiskalten Wintertag soll er am Stadttor von Amiens (ausgesprochen „a-MJÄÄ“) seinen Mantel mit dem Schwert geteilt und eine Hälfte einem frierenden Bettler geschenkt haben. An diese Tat erinnert der Martinsumzug. Wer Martin war und wie sein Leben verlief, erklären wir im Beitrag Sankt Martin.
Wann ist der Martinsumzug?
Martinsumzüge finden am Martinstag am 11. November statt oder an einem der Abende davor und danach.
Im Jahr 2026 ist der 11. November ein Mittwoch. Viele Kindergärten, Schulen und Gemeinden legen ihren Umzug aber auf einen anderen Tag in den Wochen um den Martinstag. So können mehr Familien teilnehmen, und Sankt Martin mit seinem Pferd kann an mehreren Orten mitreiten. In Düsseldorf zum Beispiel ziehen in den beiden Wochen rund um den Martinstag fast an jedem Abend in einem Stadtteil Kinder mit Laternen durch die Straßen.
Manche Umzüge sind schon am Abend des 10. November, also am Vorabend des Martinstags. Das hat einen alten Grund. In der Kirche begann ein Festtag früher bereits am Abend vorher. Deshalb fand auch das Martinssingen, aus dem die Umzüge entstanden sind, oft am 10. November statt.
Die Umzüge beginnen meist bei Einbruch der Dunkelheit, oft gegen 17 oder 18 Uhr. Anfang November geht die Sonne in Deutschland schon zwischen halb fünf und fünf Uhr unter. Erst in der Dunkelheit leuchten die Laternen richtig.
Warum gibt es Martinsumzüge?
Martinsumzüge gibt es, damit Kinder sich an Sankt Martin erinnern und lernen, wie er mit anderen Menschen zu teilen und Menschen in Not zu helfen.
Im Mittelpunkt steht deshalb die Mantelteilung. Bei vielen Umzügen spielen zwei Menschen am Ziel vor, wie Martin seinen Mantel teilt. Die Martinslieder erzählen dieselbe Geschichte. Das Erzbistum Köln beschreibt das gegenseitige Helfen als das Wichtigste an den Martinszügen. Auch das Gebäck, das die Kinder nach dem Umzug bekommen, wird oft geteilt.
Die Lichter haben ebenfalls eine Bedeutung. Martins gute Tat soll wie ein Licht in einer dunklen, kalten Zeit gewesen sein. Die Laternen zeigen, dass jeder Mensch etwas Helles in die Welt bringen kann, wenn er anderen hilft.
Seit wann gibt es Martinsumzüge?
Geordnete Martinsumzüge gibt es seit dem Jahr 1867. Damals zog in Dülken am Niederrhein zum ersten Mal ein Umzug zu Ehren des heiligen Martin durch die Straßen.
Der Niederrhein ist die Gegend am Rhein zwischen Köln und der niederländischen Grenze. Dort sind die Martinsumzüge entstanden. Welcher Ort den ersten Umzug hatte, ist aber umstritten. Für drei Orte gibt es frühe Berichte:
- St. Tönis bei Krefeld, 1833: Ein Mann namens Carl Rudolf Vogelsang schrieb am 10. November 1833 in sein Tagebuch, dass über 100 Kinder mit leuchtenden Fackeln durch den Ort gelaufen seien. Dieser Zug war aber noch nicht geplant und nicht geordnet. Einen offiziellen Martinsumzug beschloss man in St. Tönis erst im Jahr 1881.
- Dülken, 1867: In Dülken hatten die Bürger am 10. November 1866 ein Fest mit einem Fackelzug für Soldaten gefeiert, die aus dem Krieg nach Hause gekommen waren. Das gefiel ihnen so gut, dass sie den Zug 1867 wiederholten, diesmal zu Ehren des heiligen Martin. Das ist der älteste schriftliche Nachweis für einen geordneten Martinszug.
- Düsseldorf, 1886: In der Düsseldorfer Altstadt wurde im Jahr 1886 zum ersten Mal ein Martinszug organisiert. Manche Quellen nennen auch das Jahr 1890. Diesen Zug gibt es bis heute.
Von den Städten am Niederrhein aus verbreiteten sich die Umzüge in viele andere Gegenden Deutschlands.

Was gab es vor den Martinsumzügen?
Vor den Umzügen gab es zwei ältere Bräuche am Martinsabend, das Martinssingen und das Martinsfeuer.
Das Martinssingen ist seit dem 16. Jahrhundert belegt. Für das Jahr 1520 ist es zum Beispiel in Köln überliefert. Kinder und Jugendliche zogen am Martinsabend von Haus zu Haus, sangen Lieder und baten um Gaben. Meist bekamen sie Reste vom Festessen, Obst, Nüsse oder Gebäck. Einen solchen Brauch nennt man Heischebrauch oder Heischegang. Das alte Wort heischen bedeutet „um etwas bitten“.
Dass es am Martinstag so viel zu essen gab, hatte einen Grund. Für die Bauern war der 11. November früher ein wichtiger Tag im Jahr. Die Ernte war vorbei, und die Knechte und Mägde bekamen ihren Lohn. Außerdem mussten die Bauern an diesem Tag ihre Abgaben bezahlen, also einen Teil ihrer Ernte oder ihrer Tiere an den Grundherrn abgeben. Danach wurde gefeiert und gut gegessen. Weil es Anfang November früh dunkel wird, trugen die Kinder beim Martinssingen ein Licht bei sich. Zuerst waren das Fackeln, später ausgehöhlte Rüben oder Kürbisse mit einer Kerze darin.
Was ist ein Martinsfeuer?
Das Martinsfeuer ist noch älter als das Martinssingen. Ein Martinsfeuer ist ein großes Feuer im Freien, das am Martinsabend angezündet wird. Zum ersten Mal erwähnt wurde es im Jahr 1276 in den Niederlanden. Im Jahr 1448 nannte Graf Friedrich von Moers am Niederrhein den Martinstag „Funkentag“, nach den Funken der Feuer. Früher hatten die meisten Bauernhöfe ein eigenes Martinsfeuer. Noch im Jahr 1818 berichtete ein Schriftsteller, dass er am Martinsabend im Rheintal Tausende von Feuern gesehen habe. Warum man die Feuer anzündete, weiß man nicht sicher. Wahrscheinlich wollte man böse Geister vertreiben und dafür sorgen, dass die Wintersaat gut gedeiht. Die Wintersaat ist Getreide, das die Bauern im Herbst aussäen und im nächsten Sommer ernten.
Wer hat den Martinsumzug erfunden?
Den Martinsumzug hat nicht ein einzelner Mensch erfunden. Es waren Bürger, Lehrer und Kirchengemeinden am Niederrhein, die das wilde Martinssingen durch einen geordneten Umzug ersetzen wollten.
Im 19. Jahrhundert wurde aus dem Bitten beim Martinssingen für viele Menschen ein Betteln. Manchmal ging es dabei sehr wild zu. Deshalb griffen Kirche und Staat ein. Sie unterstützten Umzüge, die Erwachsene ordneten und bei denen die Kinder fromme Lieder sangen.
Um das Jahr 1900 verlor der Martinstag außerdem seine Bedeutung als Zahltag für die Bauern. Viele Menschen besannen sich nun auf den Heiligen, nach dem der Tag benannt ist. Die Schulen machten bei den Umzügen mit, und die Mantelteilung wurde zum wichtigsten Teil. Martin sollte für die Kinder ein Vorbild für Nächstenliebe sein. Nächstenliebe bedeutet, anderen Menschen zu helfen, so wie man es sich selbst wünschen würde. Statt an jeder Haustür zu bitten, zogen die Kinder nun gemeinsam durch die Straßen und bekamen am Ende Gebäck geschenkt.
Heute organisieren meist Kindergärten, Grundschulen, Kirchengemeinden oder Vereine die Umzüge. Für den Martinszug durch die Düsseldorfer Altstadt gründete sich im Jahr 1926 sogar ein eigener Verein, die Vereinigung der Freunde des Martinsfestes. Dieser Umzug steht heute im Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes von Nordrhein-Westfalen. Dazu gehören Bräuche und Feste, die so wertvoll sind, dass man sie bewahren möchte.
Warum gehen Kinder an Sankt Martin mit Laternen?
Für die Laternen gibt es mehrere Erklärungen, und keine davon ist sicher bewiesen.
- Licht in der dunklen Jahreszeit: Die Kinder, die beim Martinssingen abends von Haus zu Haus zogen, brauchten ein Licht. Aus ihren Fackeln und Rübenlichtern wurden später die Laternen.
- Lichter am Vorabend: In der Kirche begann ein Festtag am Abend vorher mit einem Gottesdienst, bei dem Lampen angezündet wurden. Er hieß Lucernarium, das bedeutet „Zeit des Lampenanzündens“. Aus diesen Lichtern könnten die Lichterumzüge entstanden sein.
- Ein Text aus der Bibel: Seit dem 13. Jahrhundert wurde am Martinstag in der Kirche eine Stelle aus der Bibel vorgelesen, in der es um ein Licht geht. Darin heißt es, dass niemand ein Licht anzündet und es dann versteckt. Gemeint ist, dass man seinen Glauben und das Gute zeigen soll.
- Martins letzte Reise: Nach Martins Tod brachten Menschen seinen Leichnam mit einem Boot über die Loire nach Tours. Sie sollen ihn dabei mit Lichtern begleitet haben. Das wird aber nur erzählt und ist nicht belegt.
In Norddeutschland gab es außerdem schon im 19. Jahrhundert das Laternegehen. Dort zogen Kinder an Abenden im Spätsommer und Herbst mit Laternen singend umher. Mit Sankt Martin hatte dieser Brauch zuerst nichts zu tun. Später verbanden sich das Laternegehen und der Martinsumzug miteinander.
Seit wann gibt es Laternen aus Papier?
Laternen aus Papier gibt es bei uns seit etwa 1850.
Weil sie ursprünglich aus China stammen, nannte man sie Lampions. Ein Lampion ist eine Laterne aus dünnem, buntem Papier, in der ein Licht brennt. Das Papier lässt das Licht durchscheinen und färbt es.
Heute basteln viele Kinder ihre Laternen selbst, im Kindergarten, in der Schule oder zu Hause. Oft bestehen sie aus einer Käseschachtel, Transparentpapier und einem Stab aus Holz. Früher steckte in jeder Laterne eine echte Kerze. Weil eine Kerze das Papier in Brand setzen kann, stecken heute in den meisten Laternen elektrische Lichter. Das alte Lied „Laterne, Laterne“ erzählt übrigens genau von dieser Gefahr. Mehr dazu steht weiter unten bei den Liedern.

Warum reitet Sankt Martin beim Umzug auf einem Pferd?
Sankt Martin reitet auf einem Pferd, weil er auf fast allen Bildern seit dem Mittelalter als Reiter zu sehen ist.
In der ältesten Geschichte über Martin kommt gar kein Pferd vor. Die Künstler im Mittelalter malten ihn aber als Reiter, der mit dem Schwert seinen Mantel teilt. Diese Bilder kannten die Menschen, als sie die Umzüge erfanden. Deshalb sitzt Sankt Martin auch beim Umzug auf einem Pferd. Gespielt wird er von einem Erwachsenen, der gut reiten kann.
Bei den ersten Umzügen ging Sankt Martin noch als Bischof verkleidet mit. Er trug dann eine Mitra, das ist die hohe, spitze Mütze eines Bischofs, und einen Bischofsstab. Erst ab dem Jahr 1905 trug Sankt Martin bei den Umzügen die Kleidung eines römischen Soldaten mit Helm und rotem Mantel. Das passt zur Mantelteilung, denn damals war Martin noch Soldat. An manchen Orten zieht er bis heute als Bischof mit.
In Dülken gibt es eine Besonderheit. Dort führt seit über 125 Jahren kein Reiter den Umzug an, sondern eine große Windmühle auf einem Wagen. Nur im Jahr 1945 ritt einmal ein Sankt Martin voraus. Im Jahr danach entschied sich der Martinsverein knapp gegen den Reiter, und die Mühle kehrte zurück.

Wie läuft ein Martinsumzug ab?
Bei einem Martinsumzug treffen sich die Kinder bei Dunkelheit, ziehen mit Laternen und Liedern hinter Sankt Martin her und sehen am Ziel die Mantelteilung.
Ein Umzug läuft an vielen Orten so ab:
- Die Kinder treffen sich mit ihren Familien bei Einbruch der Dunkelheit, oft vor einer Kirche, einem Kindergarten oder einer Schule. Manchmal beginnt der Umzug mit einem kurzen Gottesdienst in der Kirche, bei dem die Geschichte von Sankt Martin vorgelesen wird.
- Die Laternen werden angezündet oder eingeschaltet.
- Sankt Martin reitet voraus. Hinter ihm gehen die Kinder mit ihren Laternen und singen Martinslieder. Bei großen Umzügen spielt oft eine Musikkapelle mit.
- Am Ziel spielen Sankt Martin und ein Bettler die Mantelteilung nach. Oft geschieht das vor einem großen Martinsfeuer.
- Zum Schluss bekommen die Kinder etwas Süßes, zum Beispiel einen Weckmann oder eine Martinsbrezel.
Was ist das Martinsspiel?
Das Martinsspiel ist ein kurzes Theaterstück am Ziel des Umzugs, in dem die Mantelteilung nachgespielt wird.
Ein Bettler sitzt in Lumpen am Boden und friert. Sankt Martin kommt auf seinem Pferd vorbei und hält an. Er nimmt sein Schwert, teilt seinen roten Mantel in zwei Hälften und gibt dem Bettler eine davon. Manchmal liest ein Erwachsener die Geschichte dazu vor, oder die Kinder singen dabei das Lied „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind“.
In Düsseldorf wird die Mantelteilung beim großen Umzug durch die Altstadt sogar zweimal gespielt, zuerst vor dem Rathaus und später auf dem Burgplatz am Rhein. Damit möglichst viele Kinder sie sehen können.
Was ist ein Martinsfeuer beim Umzug?
Das Martinsfeuer ist ein großes Feuer am Ziel des Umzugs, vor dem oft die Mantelteilung gespielt wird.
Als um das Jahr 1900 die Martinsumzüge aufkamen, wurde das alte Feuer ein Teil davon. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben an vielen Orten die Martinszüge die Martinsfeuer abgelöst. Wo es noch ein Martinsfeuer gibt, ist es meist das Ziel des Umzugs.
Heute hat das Feuer eine christliche Bedeutung. Es soll zeigen, dass Martins gute Tat Licht in die Dunkelheit gebracht hat.

Welche Lieder singt man beim Martinsumzug?
Die bekanntesten Lieder beim Martinsumzug sind „Ich geh mit meiner Laterne“, „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind“, „Laterne, Laterne“, „Durch die Straßen auf und nieder“ und „Kommt, wir woll’n Laterne laufen“.
Lieder für den Martinstag gibt es schon seit dem Mittelalter. Die meisten Lieder, die Kinder heute beim Umzug singen, sind aber jünger. Manche sind gar keine Martinslieder, sondern Laternenlieder. Das sind Lieder über das Licht und die Laterne, die zum norddeutschen Laternegehen gehörten.
Ich geh mit meiner Laterne
„Ich geh mit meiner Laterne“ ist das Lied, das bei Laternenumzügen am häufigsten gesungen wird. Es beginnt mit den Zeilen „Ich geh mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Dort oben leuchten die Sterne, und unten leuchten wir.“ Am Ende jeder Strophe singen die Kinder „Rabimmel, rabammel, rabumm“. Diese Wörter haben keine Bedeutung, sind aber leicht zu merken.
Wer das Lied gedichtet hat, weiß niemand. Seine ersten Zeilen tauchen schon im Jahr 1818 in einem lustigen Theaterstück in Wien auf. Das Lied muss also damals schon bekannt gewesen sein. Gedruckt wurde es zum ersten Mal 1851 in Oldenburg. Ursprünglich war es ein Laternenlied aus Norddeutschland und hatte nichts mit Sankt Martin zu tun. Die Strophen über Sankt Martin, zum Beispiel „Ein Lichtermeer zu Martins Ehr“, kamen erst nach 1945 dazu.
Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind
Das Lied „Sankt Martin, Sankt Martin“ erzählt die Geschichte der Mantelteilung. Es beginnt mit den Worten „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind, sein Ross, das trug ihn fort geschwind“. Ein Ross ist ein altes Wort für Pferd.
Das Lied ist gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, wahrscheinlich am Niederrhein, also genau dort, wo auch die Umzüge aufkamen. Wer es gedichtet hat, ist nicht bekannt. Je nach Liederbuch hat es unterschiedlich viele Strophen. Meist werden nur die ersten vier gesungen. In den Strophen, die kaum jemand kennt, träumt Martin von Gott, der das geteilte Mantelstück trägt. Am Ende wird Martin Bischof. Das Lied sollte den Kindern also Martins ganze Geschichte beibringen. Im Jahr 1912 stand es in Preußen auf der Liste der Lieder, die Kinder im dritten und vierten Schuljahr lernen sollten.
In dem Lied reitet Martin durch Schnee und Wind. In der ältesten Geschichte über Martin gibt es aber kein Pferd, und von Schnee ist dort auch keine Rede. Dort steht nur, dass es ein sehr kalter Winter war.
Laterne, Laterne
„Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne“ ist ein kurzer Vers, den schon kleine Kinder mitsingen können. Er stammt wahrscheinlich aus Holstein in Norddeutschland und ist eines der ältesten Laternenlieder. Er ist seit etwa 1740 in mehreren Fassungen verbreitet.
Danach singen die Kinder „Brenne auf, mein Licht, brenne auf, mein Licht, aber nur meine liebe Laterne nicht.“ Das Kind wünscht sich also, dass die Kerze in der Laterne hell brennt, die Laterne aus Papier aber nicht Feuer fängt. Früher war das eine echte Sorge, denn in den Laternen steckten echte Kerzen.
Durch die Straßen auf und nieder
„Durch die Straßen auf und nieder“ ist ein neueres Martinslied. Die Melodie schrieb der Komponist Richard Rudolf Klein Anfang der 1970er Jahre, den Text die Dichterin Lieselotte Holzmeister. Im Lied leuchten die Laternen in vielen Farben, und die Kinder laden Sankt Martin ein, sie anzuschauen. Text und Melodie sind so einfach, dass selbst kleine Kinder das Lied schnell auswendig lernen.
Kommt, wir woll’n Laterne laufen
„Kommt, wir woll’n Laterne laufen“ hat der Hamburger Liedermacher Rolf Zuckowski geschrieben. Es erschien im Jahr 1992 auf seinem Album „Die Jahresuhr“. Das Lied erzählt vom Laternelaufen mit Freunden in der dunklen Jahreszeit. Heute singen es viele Kinder in Kindergärten und bei Laternenumzügen.
Warum singt man beim Martinsumzug?
Man singt beim Martinsumzug, weil die Lieder die Geschichte von Sankt Martin erzählen und weil Singen schon immer zum Martinsbrauch gehörte.
Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Das Singen ist älter als der Umzug: Beim Martinssingen zogen Kinder schon vor 500 Jahren von Haus zu Haus und sangen. Für ihre Lieder bekamen sie Gaben. Als aus dem Martinssingen der Umzug wurde, blieb das Singen erhalten.
- Die Lieder erzählen die Geschichte: Viele Martinslieder erzählen, wie Martin seinen Mantel teilt. Wer sie singt, lernt die Geschichte und denkt an Martins gute Tat. Im 19. Jahrhundert sollten die Lieder den Kindern auf diese Weise etwas über den christlichen Glauben beibringen. Deshalb sind sie leicht zu merken.
- Die Lieder lernt man in der Schule: Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts gehören Martinslieder zum Unterricht in Kindergarten und Grundschule. Deshalb kennen fast alle Kinder dieselben Lieder und können beim Umzug gemeinsam singen.
Was bekommen Kinder nach dem Martinsumzug?
Nach dem Martinsumzug bekommen die Kinder meist ein Gebäck geschenkt, zum Beispiel einen Weckmann oder eine Martinsbrezel.
Das Gebäck erinnert an die Gaben, um die die Kinder früher beim Martinssingen gebeten haben. Seit es die Umzüge gibt, bekommen alle Kinder am Ende dasselbe. In Wuppertal zum Beispiel erhält jedes Kind nach dem Umzug einen Weckmann, den Bäcker aus der Stadt spenden.
Ein Weckmann ist ein Gebäck aus Hefeteig in der Form eines Menschen. Die Augen sind aus Rosinen, und oft steckt eine kleine Pfeife aus Ton darin. Solch ein Gebäck in einer bestimmten Form nennt man Gebildbrot. In Westfalen heißt der Weckmann Stutenkerl. Früher wurde er nur zum Nikolaustag gebacken. Erst später kam er auch zum Martinsfest dazu. Zur Tonpfeife gibt es eine Legende. Ursprünglich soll der Weckmann einen Bischof mit seinem Bischofsstab gezeigt haben. Im 18. Jahrhundert gingen einem Bäcker die kleinen Stäbe aus. Im Tabakladen nebenan sah er Tonpfeifen, die umgedreht fast wie ein Bischofsstab aussahen. Diese steckte er stattdessen in seine Weckmänner.
Die Martinsbrezel ist eine große, süße Brezel aus Hefeteig. Es gibt sie zum Beispiel in Oberfranken und in der Pfalz. Dort bekommen die Kinder sie nach dem Laternenumzug geschenkt. Eine Brezel kann man gut teilen, so wie Martin seinen Mantel geteilt hat. Früher war Gebäck aus weißem Mehl kostbar und wurde nur zu Festen gebacken. Vermutlich verteilte man es am Martinstag auch an Arme und Kranke.

Wie heißt das Martinssingen heute?
Das Martinssingen gibt es in manchen Gegenden bis heute, meist am Abend des 10. November, und es hat je nach Gegend einen anderen Namen.
Die Kinder ziehen dabei mit ihren Laternen von Haus zu Haus, singen Martinslieder und bekommen dafür Süßigkeiten, Obst oder Gebäck. Im Bergischen Land heißt der Brauch Mätensingen, in Bonn Schnörzen. In Oberfranken bekommen die Kinder für ihren Gesang oft eine Martinsbrezel. In manchen evangelischen Gemeinden heißt der Brauch Martinisingen. Dort erinnert er auch an den Reformator Martin Luther. Luther wurde am 10. November 1483 geboren und am nächsten Tag, dem Martinstag, getauft. Deshalb bekam er den Namen Martin.
Gibt es Laternenumzüge auch in Österreich und in der Schweiz?
Ja, in Österreich gibt es wie in Deutschland Laternenfeste, und in der Schweiz ziehen viele Kinder mit Laternen aus Rüben durch die Straßen.
In Österreich heißt der Martinstag meist Martini. Die Kinder gehen in den Kindergärten und Schulen mit Laternen und singen dazu ebenfalls „Ich geh mit meiner Laterne“.
In der Deutschschweiz gibt es Anfang November die Räbeliechtli-Umzüge (ausgesprochen „RÄÄ-be-liecht-li“). Eine Räbe ist eine weiße Herbstrübe, und ein Liechtli ist ein kleines Licht. Die Kinder höhlen die Rüben aus, schnitzen Muster in die Schale und stellen ein Licht hinein. Ende Oktober werden die Herbstrüben geerntet. Die Räbeliechtli-Umzüge sind nicht direkt ein kirchlicher Brauch. Sie finden aber rund um den Martinstag statt und sind ebenfalls Lichterumzüge.
Was ist beim Martinsumzug belegt und was ist Legende?
Belegt ist, dass die ersten geordneten Martinsumzüge im 19. Jahrhundert am Niederrhein stattfanden. Viele Erklärungen für die Laternen und das Gebäck sind dagegen nur Vermutungen.
| Aussage | Was man weiß |
|---|---|
| Martinsumzüge gibt es seit dem Mittelalter. | stimmt nicht, geordnete Umzüge gibt es erst seit 1867 |
| Der erste geordnete Martinszug zog 1867 durch Dülken. | ältester schriftlicher Nachweis, andere Orte am Niederrhein sind ebenfalls früh dabei |
| Martinssingen und Martinsfeuer sind älter als die Umzüge. | belegt, das Martinssingen seit dem 16. Jahrhundert, das Martinsfeuer seit 1276 |
| Bei Martins Beerdigung trugen die Menschen Lichter, daher kommen die Laternen. | wird erzählt, ist aber nicht belegt |
| Laternen aus Papier stammen ursprünglich aus China. | belegt, bei uns gibt es sie seit etwa 1850 |
| Sankt Martin ritt bei der Mantelteilung auf einem Pferd. | nicht in der ältesten Quelle, erst auf Bildern im Mittelalter |
| „Ich geh mit meiner Laterne“ ist ein Martinslied. | ursprünglich ein norddeutsches Laternenlied, die Martinsstrophen kamen nach 1945 dazu |
| Die Pfeife des Weckmanns war früher ein Bischofsstab. | Legende |
Zum Weiterdenken
- Früher zogen die Kinder beim Martinssingen allein von Haus zu Haus, heute gehen sie gemeinsam in einem Umzug. Was ist bei beiden gleich geblieben, und was ist anders?
- Beim Martinsumzug geht es ums Teilen. Was könntest du am Martinstag mit anderen teilen, außer einem Weckmann oder einer Brezel?
- In vielen Martinsliedern reitet Martin durch Schnee. Warum, glaubst du, haben die Dichter den Schnee dazuerfunden?
Jetzt selbst ausprobieren
Zu einem Martinsumzug gehört ein Gebäck zum Teilen. Mit dem Rezept Martinsbrezel backen machst du süße Brezeln aus Hefeteig, die du nach dem Umzug mit anderen teilen kannst.
Quellen: Rheinische Post: Martinszüge haben ihren Ursprung in Dülken, Welle Niederrhein: Fakten zu unseren Martinszügen, Stadt Düsseldorf: St. Martin reitet wieder durch die Stadt, Erzbistum Köln: Bräuche zum Martinsfest, katholisch.de: Kinder singen Martinslieder, Austria-Forum: Laternenumzug, Liederlexikon: Ich geh mit meiner Laterne, Rheinische Post: Die letzten Strophen entzaubern Sankt Martin, Volksliederarchiv: Laterne, Laterne, Trierischer Volksfreund: So entstanden die Bräuche, Kirchenblatt: Räbeliechtli und Sankt Martin

