Die kurze Antwort
Mit vier einfachen Experimenten probierst du aus, wie Vögel sehen. Du misst, wie weit du zur Seite siehst, und vergleichst das mit einer Taube. Mit einer Eulenbrille aus zwei Klopapierrollen siehst du ungefähr so nach vorn wie eine Eule. Mit einem zugehaltenen Auge merkst du, warum Tiere mit seitlichen Augen Entfernungen schlechter abschätzen. Und du gehst einmal so, wie eine Taube geht.
Ein Experiment ist ein Versuch, mit dem man eine Frage beantwortet. Man überlegt sich vorher, was passieren könnte, probiert es dann aus und schaut genau hin, was wirklich passiert. Bei diesen Experimenten lautet die Frage: Wie sieht die Welt für einen Vogel aus? Ganz genau kann das kein Mensch wissen, denn wir können uns nur ansatzweise in einen Vogel hineindenken. Einige Unterschiede zwischen unseren Augen und den Augen der Vögel kannst du aber selbst ausprobieren.

Vor dem Start
Mach die Experimente zu zweit, zum Beispiel mit deiner Freundin, deinem Freund, deiner Schwester, deinem Bruder, deiner Mama oder deinem Papa. Die Schere ist spitz. Das Loch in die Papprolle sticht deshalb am besten ein Erwachsener. Mit der Eulenbrille siehst du nicht, was neben dir ist. Lauf mit ihr nur auf einer ebenen Wiese ohne Steine, Äste oder Treppen und nie in der Nähe einer Straße.
Was brauchst du für die Vogelaugen-Experimente?

Wie misst du, wie weit du zur Seite siehst?
Du misst es mit einem Kreis auf dem Boden und einer zweiten Person, die langsam um dich herumgeht. Den Bereich, den man sieht, ohne die Augen oder den Kopf zu bewegen, nennt man Gesichtsfeld. Diesen Versuch nutzen auch Lehrkräfte im Unterricht.
1. Einen Kreis auf den Boden legen
Leg mit dem Seil einen großen Kreis auf den Boden oder zeichne ihn mit Kreide. Er sollte etwa 3 Meter breit sein. Stell dich genau in die Mitte.

2. Geradeaus schauen
Such dir vor dir einen Punkt aus, zum Beispiel einen Baum oder eine Tür. Schau während des ganzen Versuchs nur auf diesen Punkt. Bewege weder die Augen noch den Kopf.
3. Langsam um dich herumgehen lassen
Wer dir hilft, stellt sich hinter dich auf den Rand des Kreises und geht dann langsam auf dem Kreis nach vorn und wackelt dabei mit den Fingern. Sobald du die wackelnden Finger aus dem Augenwinkel siehst, rufst du „Stopp“. An dieser Stelle legt deine Hilfe einen Stein auf den Kreis.

4. Die andere Seite messen
Wiederholt das Ganze auf der anderen Seite. Jetzt liegen zwei Steine auf dem Kreis. Den Bereich zwischen den beiden Steinen, der vor dir liegt, kannst du sehen. Den Bereich hinter dir siehst du nicht.

5. Mit einem Auge messen
Halte dir jetzt ein Auge mit der Hand zu und messt beide Seiten noch einmal. Markiert diese Stellen mit Kastanien, damit ihr sie von den Steinen unterscheiden könnt.
Wie baust du eine Eulenbrille?
Du klebst zwei Klopapierrollen nebeneinander und befestigst eine Schnur daran, damit die Brille auf deinem Kopf hält. Die Rollen verdecken den Blick zur Seite. So siehst du nur noch nach vorn, ähnlich wie eine Eule. Naturschutzgruppen nutzen diese Brille für Spiele mit Kindern.
1. Die Rollen zusammenkleben
Leg die beiden Klopapierrollen nebeneinander und kleb sie mit Klebeband fest zusammen. Wickle das Klebeband ein- oder zweimal ganz um beide Rollen herum.

2. Die Löcher machen
Halte die Rollen vor deine Augen wie ein Fernglas. Markiere mit dem Bleistift auf jeder Rolle eine Stelle an der Außenseite, ganz nah an dem Ende, das an deinem Gesicht liegt. Ein Erwachsener sticht dort mit der Schere vorsichtig ein kleines Loch hinein.

3. Die Schnur befestigen
Fädle ein Ende der Schnur oder des Gummibands durch das Loch in der einen Rolle und knote es fest. Leg die Brille an und führ die Schnur um deinen Hinterkopf. Dann fädelst du das andere Ende durch das zweite Loch und knotest es so fest, dass die Brille gut hält, aber nicht drückt.

4. Das Gesichtsfeld mit der Eulenbrille messen
Setz die Eulenbrille auf und stell dich wieder in die Mitte des Kreises. Messt dein Gesichtsfeld noch einmal genauso wie vorher. Markiert die neuen Stellen mit Kastanien und vergleicht sie mit den Steinen.
5. Eule und Maus spielen
Spielt danach auf der Wiese ein Fangspiel. Ein Kind ist die Eule und trägt die Eulenbrille. Die anderen Kinder sind Mäuse und gehen von einer Seite der Wiese zur anderen. Die Eule geht langsam, damit sie nicht stolpert, und versucht, eine Maus vorsichtig anzutippen. Danach wird gewechselt, damit jedes Kind einmal die Eule ist.

Wie testest du, ob du Entfernungen gut abschätzen kannst?
Du testest es, indem du mit einem Finger auf die Fingerspitze der Person tippst, die dir hilft, einmal mit beiden Augen und einmal mit einem Auge. Das Abschätzen von Entfernungen mit zwei Augen nennt man räumliches Sehen.
1. Mit beiden Augen tippen
Setzt euch an einen Tisch. Einer von euch hält eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger vor dich in die Luft. Ungefähr eine Armlänge entfernt. Versuche, mit deinem Zeigefinger von oben genau auf die Fingerspitze zu tippen.
2. Mit einem Auge tippen
Halte dir jetzt ein Auge zu. Deine Hilfe hält die Hand jedes Mal an eine andere Stelle, mal näher, mal weiter weg. Versuche wieder, die Fingerspitze zu treffen. Zählt, wie oft du bei zehn Versuchen triffst.

Wie gehst du wie eine Taube?
Du hältst den Kopf still, schiebst den Körper einen kleinen Schritt nach vorn und ziehst den Kopf dann schnell nach. So geht eine Taube. Für uns sieht das aus, als würde sie mit dem Kopf nicken.
1. Tauben beobachten
Such dir im Park, auf einem Platz oder am Bahnhof eine Taube, die über den Boden läuft. Schau nur auf ihren Kopf. Achte darauf, wann der Kopf stillsteht und wann er nach vorn schnellt. Wenn du ein Handy hast, kannst du die Taube auch filmen und das Video langsam abspielen.

2. Wie eine Taube gehen
Stell dich neben eine Wand, an der ein Bild oder ein Plakat hängt. Halte den Kopf ganz still und schieb nur deinen Körper einen kleinen Schritt nach vorn. Dann zieh den Kopf schnell nach, bis er wieder über dem Körper ist. Wiederhole das ein paarmal. Achte dabei darauf, ob das Bild an der Wand stillsteht oder sich bewegt.

3. Normal gehen
Geh jetzt noch einmal ganz normal an der Wand entlang und schau dabei auf das Bild.
Warum funktionieren die Experimente?
Die Experimente funktionieren, weil sie jeweils eine Eigenschaft der Vogelaugen mit deinem Körper nachstellen: die Lage der Augen, das enge Gesichtsfeld der Eule, das Sehen mit einem Auge und den stillstehenden Kopf der Taube.
Warum siehst du nur die vordere Hälfte des Kreises?
Du siehst nur die vordere Hälfte, weil deine Augen vorn im Gesicht sitzen. Wir Menschen sehen ohne Bewegung von Augen und Kopf etwa 180 Grad weit, also einen halben Kreis. Ein ganzer Kreis hat 360 Grad. Mit einem Auge allein ist der Bereich kleiner, weil die Nase einen Teil verdeckt. Den Bereich direkt vor dir sehen beide Augen gleichzeitig. Bei uns Menschen ist er etwa 120 bis 140 Grad groß.
Eine Taube hat die Augen an den Seiten des Kopfes. Sie sieht ungefähr 320 bis 340 Grad weit um sich herum, also fast den ganzen Kreis. Nur ein schmaler Bereich hinter ihrem Kopf bleibt für sie unsichtbar. Eine Taube hätte die wackelnden Finger also fast auf dem ganzen Weg um den Kreis gesehen. So bemerkt eine Taube Feinde früh, die sich von der Seite oder schräg von hinten nähern.
Warum liegen die Kastanien mit der Eulenbrille so nah beieinander?
Die Kastanien liegen nah beieinander, weil die Papprollen den Blick zur Seite verdecken. Du siehst nur noch einen schmalen Bereich vor dir. Um eine Maus neben dir zu entdecken, musst du den ganzen Kopf drehen. Genauso geht es einer Eule. Ihre Augen zeigen beide nach vorn und sitzen fest in den Augenhöhlen. Sie lassen sich kaum bewegen. Deshalb dreht die Eule ihren Kopf um bis zu 270 Grad, also eine Dreivierteldrehung. Ganz im Kreis drehen kann sie ihn nicht.
Die Eulenbrille zeigt aber nur das enge Gesichtsfeld. Eine echte Eule sieht in der Dämmerung viel besser als wir, weil ihre Netzhaut besonders viele Stäbchen hat. Das sind Sinneszellen im Auge, die schon auf sehr wenig Licht reagieren.
Warum triffst du mit einem Auge schlechter?
Du triffst schlechter, weil dein Gehirn zwei Bilder braucht, um eine Entfernung genau abzuschätzen. Jedes Auge sieht die Fingerspitze von einer etwas anderen Stelle aus. Das Gehirn setzt die beiden Bilder zusammen und erkennt dabei, wie weit die Fingerspitze weg ist. Mit einem Auge bekommt es nur ein Bild. Deshalb triffst du die Fingerspitze meistens nicht genau. Räumlich sehen kann man nur in dem Bereich, den beide Augen gleichzeitig sehen.
Bei einer Taube ist dieser Bereich schmal, nur etwa 20 bis 30 Grad. Er liegt direkt vor dem Schnabel. Fast alles andere sieht sie nur mit einem Auge. Vögel mit seitlichen Augen sehen deshalb weniger gut räumlich. Bei einer Eule ist der Bereich, den beide Augen gemeinsam sehen, größer. Beim Waldkauz ist er höchstens etwa 48 Grad breit. Die Eule sieht deshalb gut räumlich.
Warum steht das Bild an der Wand beim Taubengang still?
Das Bild steht still, solange dein Kopf stillsteht. Erst wenn du den Kopf nach vorn ziehst, springt es weiter. So ähnlich sieht eine Taube ihre Umgebung beim Gehen. In der Zeit, in der ihr Kopf stillsteht, kann sie alles genau betrachten. Beim normalen Gehen fällt dir kein Unterschied auf, weil wir Menschen unsere Augen gut bewegen können. Wir halten den Blick mit den Augen auf das Bild gerichtet. Tauben können ihre Augen nur wenig bewegen und halten deshalb den Kopf still.
Dass die Taube den Kopf wegen des Sehens stillhält, hat der Forscher Barrie Frost im Jahr 1978 gezeigt. Er setzte Tauben auf ein Laufband. Das ist ein Band, das sich unter den Füßen bewegt, sodass man auf der Stelle läuft. Die Tauben liefen genauso schnell, wie sich das Band bewegte. Ihre Umgebung blieb dabei immer gleich. Auf dem Laufband nickten die Tauben nicht. Auch mit verdeckten Augen nicken Tauben nicht.
Was zeigen die Experimente zusammen?
Die Experimente zeigen, dass die Augen eines Vogels zu seiner Lebensweise passen.
| Merkmal | Mensch | Taube | Waldkauz |
|---|---|---|---|
| Lage der Augen | vorn | an der Seite | vorn |
| Gesichtsfeld ohne Kopfdrehen | etwa 180 Grad | etwa 320 bis 340 Grad | etwa 200 Grad |
| Bereich, den beide Augen sehen | etwa 120 bis 140 Grad | etwa 20 bis 30 Grad | höchstens etwa 48 Grad |
| Was sie gut können | Entfernungen abschätzen | Feinde von fast überall früh sehen | Beute genau anpeilen, im Dämmerlicht sehen |
Eine Taube wird oft von anderen Tieren gejagt. Für sie ist es wichtig, Feinde von allen Seiten früh zu bemerken. Eine Eule jagt selbst Mäuse. Sie muss genau abschätzen können, wo die Maus ist, damit sie ihre Füße mit den Krallen genau auf die Maus setzt. Dabei hilft ihr auch ihr sehr gutes Gehör.
Was tun, wenn die Experimente nicht klappen?
- Die Steine liegen bei jedem Versuch an einer anderen Stelle: Du hast wahrscheinlich die Augen bewegt. Schau fest auf deinen Punkt. Wer dir hilft, kann dir dabei in die Augen schauen und aufpassen, ob sie stillhalten.
- Du siehst die Finger erst sehr spät: Dann macht ihr den Test vermutlich zu schnell. Ihr müsst langsamer gehen und dabei kräftig mit den Fingern wackeln.
- Die Eulenbrille rutscht: Knote die Schnur kürzer oder nimm ein Gummiband.
- Die Papprolle reißt am Loch: Kleb vorher ein Stück Klebeband auf die Stelle und stich das Loch durch das Klebeband.
- Du triffst auch mit einem Auge jedes Mal: Deine Hilfe hält die Hand wahrscheinlich immer an dieselbe Stelle. Sie soll den Abstand bei jedem Versuch ändern.
- Beim Taubengang bewegt sich das Bild trotzdem: Mach kleinere Schritte und halte den Kopf ganz still, bis dein Körper unter dem Kopf angekommen ist.
Zum Weiterdenken
Ein Hase hat seine Augen wie die Taube an den Seiten des Kopfes. Ein Fuchs hat sie wie die Eule vorn. Welches der beiden Tiere wird gejagt, und welches jagt selbst? Überlege, was die Lage der Augen damit zu tun hat.
Jetzt selbst ausprobieren
Werde Kopf-Detektiv. Beobachte im Park drei verschiedene Vögel, zum Beispiel eine Taube, eine Amsel und eine Krähe. Schau bei jedem Vogel, wo die Augen am Kopf sitzen und ob er beim Gehen mit dem Kopf nickt. Zeichne die Köpfe in ein Heft und mal die Augen dazu. Wie die Augen der Vögel innen aufgebaut sind und ob Vögel Farben sehen, die wir nicht sehen, erklärt unser Beitrag Wie sehen Vögel?
Quellen: Potier und andere: Visual adaptations of diurnal and nocturnal raptors, SimplyScience Stiftung: Tieraugen, Unterrichtsmaterial, Siemens Stiftung: Sehsinn, Versuchsanleitung, Southern Wisconsin Bird Alliance: Owl Eyes, Creative STAR Learning: Outdoor bird games, Nordrhein-Westfälische Ornithologengesellschaft: Wie sehen Vögel?, Nordrhein-Westfälische Ornithologengesellschaft: Warum nicken Tauben mit dem Kopf?, Library of Congress: Why do pigeons bob their heads?, Deutsche Wildtier Stiftung: Eulen, Schweizerische Vogelwarte: Wie Vögel ihre Umwelt sehen, Deutscher Tierschutzbund: Taubenhaltung.

