Die kurze Antwort
Viele Vögel sehen schärfer als wir Menschen, oft zwei- bis achtmal so scharf. Für das Farbensehen haben wir Menschen in den Augen drei Arten von Sinneszellen, die meisten Vögel dagegen vier. Deshalb können Vögel mehr Farben unterscheiden als wir. Viele von ihnen sehen auch ultraviolettes Licht, das für uns unsichtbar ist. Außerdem nehmen Vögel schnelle Bewegungen viel genauer wahr als wir.
Sehen bedeutet, dass die Augen Licht aufnehmen und das Gehirn daraus ein Bild der Umgebung macht. Für die meisten Vögel ist das Sehen der wichtigste Sinn. Mit den Augen finden sie ihre Nahrung, erkennen Feinde rechtzeitig und finden sich beim Fliegen zurecht. Ein Greifvogel entdeckt einen Hasen im Gras, eine Schwalbe fängt eine Fliege im schnellen Flug, und eine Meise findet winzige Insekteneier in den Ritzen der Baumrinde.
Wie sehen Vögel?
Vögel sehen schärfer, bunter und schneller als wir Menschen, und viele überblicken fast ihre ganze Umgebung. Wie gut ein Vogel sieht, hängt davon ab, wie er lebt. Vögel, die am Tag jagen, sehen besonders scharf. Kleine Vögel, die durch dichte Zweige fliegen und Insekten fangen, erkennen Bewegungen besonders schnell. Eulen, die nachts jagen, sehen besonders gut bei wenig Licht. Vögel, die oft selbst gejagt werden, haben die Augen an der Seite und sehen fast rundherum.
Wie sind die Augen der Vögel aufgebaut?
Vogelaugen sind ähnlich aufgebaut wie unsere Augen. Einige Teile gibt es aber nur im Vogelauge.
Welche Teile hat ein Vogelauge?
Vorn liegt die durchsichtige, gewölbte Hornhaut. Dahinter liegt die farbige Iris mit dem schwarzen Loch in der Mitte, der Pupille. Durch die Pupille fällt das Licht ins Auge. Dann bündelt die Linse das Licht, und es fällt durch den durchsichtigen, flüssigen Glaskörper auf die Netzhaut an der Rückwand des Auges. Außen ist das Auge von der festen Lederhaut umgeben. Zwischen Lederhaut und Netzhaut liegt die Aderhaut. Sie enthält viele Blutgefäße.

Was macht die Netzhaut?
Die Netzhaut ist eine dünne Schicht im Inneren des Auges. Sie enthält Millionen Sinneszellen. Das sind Zellen, die Licht in Signale für das Gehirn umwandeln. Es gibt zwei Arten dieser Sinneszellen. Die Stäbchen sind sehr lichtempfindlich und helfen beim Sehen in der Dämmerung. Die Zapfen sind für das Farbensehen zuständig. Über den Sehnerv gelangen die Signale von der Netzhaut ins Gehirn.
Wie groß sind die Augen der Vögel?
Die Augen der Vögel sind im Verhältnis zur Körpergröße größer als die Augen von Säugetieren. Beim Menschen machen die Augen nur etwa 1 Prozent des Kopfgewichts aus. Bei Tauben sind es 17 bis 21,5 Prozent, bei Greifvögeln und Eulen sogar 22 bis 32 Prozent.
Was gibt es nur im Vogelauge?
Einige Teile gibt es nur im Vogelauge. Um die Hornhaut herum liegt ein Ring aus 10 bis 18 kleinen Knochenplättchen, meistens sind es 15. Dieser Skleralring gibt dem großen Auge Halt und schützt es. In den Glaskörper ragt außerdem der Augenfächer. Er besteht aus vielen feinen Blutgefäßen und versorgt die Netzhaut mit Nährstoffen. Auch die Form des Augapfels ist bei Vögeln unterschiedlich. Tauben haben flache Augäpfel, Greifvögel runde und Eulen röhrenförmige.
Was ist die Nickhaut?
Geschützt wird das Vogelauge von drei Augenlidern. Neben dem oberen und dem unteren Lid haben alle Vögel ein drittes Augenlid, die Nickhaut. Das ist eine dünne Hautfalte im oberen inneren Augenwinkel. Sie schiebt sich immer wieder schräg über das Auge und verteilt dabei die Tränenflüssigkeit. So trocknet das Auge im Flug nicht aus. Mit ihrem Rand wischt die Nickhaut außerdem Staub und Blütenstaub vom Auge. Wir Menschen haben nur noch einen kleinen Rest davon im Augenwinkel.
Vögel setzen die Nickhaut auf verschiedene Weise ein. Tauben blinzeln mit ihr sehr häufig, um Staubkörner aus dem Auge zu entfernen. Der Eisvogel schließt sie, wenn er einen gefangenen Fisch gegen einen Ast schlägt. Fischadler und Wasseramseln schließen ihre Nickhaut kurz bevor sie ins Wasser tauchen.
Wie sehen Vögel unter Wasser?
Bei Wasservögeln und tauchenden Vögeln ist die Nickhaut durchsichtig. Sie hilft ihnen, unter Wasser scharf zu sehen. Außerdem ist die Linse der Wasservögel sehr kräftig und kann sich stark verformen. Unter Wasser wölbt sie sich stärker, und der Vogel sieht dadurch auch dort scharf.
Warum haben viele Vögel die Augen an der Seite?
Viele Vögel haben die Augen an der Seite des Kopfes, damit sie fast rundherum sehen und Feinde früh bemerken. Das betrifft vor allem Vögel, die oft selbst von anderen Tieren gejagt werden, zum Beispiel Tauben und Hühner. Jedes Auge schaut in eine andere Richtung, und zusammen überblicken beide Augen einen sehr großen Bereich. Manche Vögel sehen so bis zu 340 Grad weit um sich herum. Ein ganzer Kreis hat 360 Grad. Bei Tauben geben Fachleute etwa 320 bis 340 Grad an. Nur ein schmaler Bereich hinter dem Kopf bleibt für sie unsichtbar. Die Waldschnepfe zum Beispiel sieht auch Feinde, die sich ihr seitlich von hinten nähern.

Seitliche Augen haben aber auch einen Nachteil. Nur ein kleiner Bereich vor dem Schnabel wird von beiden Augen gleichzeitig gesehen. Diesen Bereich braucht ein Lebewesen, um Entfernungen gut einschätzen zu können. Fachleute nennen das räumliches Sehen. Vögel mit seitlichen Augen sehen deshalb weniger gut räumlich. Wie wichtig beide Augen dafür sind, kannst du selbst prüfen. Halte dir ein Auge zu und versuche, mit einem Finger genau auf die Spitze eines Stifts zu tippen. Mit nur einem Auge ist das viel schwerer.
Eulen und Greifvögel haben ihre Augen dagegen nach vorn gerichtet. Beim Waldkauz sehen beide Augen gemeinsam einen Bereich von höchstens etwa 48 Grad. Insgesamt überblickt er ohne Kopfdrehen etwa 200 Grad. Hinter seinem Kopf bleibt ein Bereich von etwa 160 Grad, den er nicht sieht. Gemessen haben Forschende das so: Sie hielten den Kopf einer wachen Eule in einer Halterung ruhig und schauten mit einem Augenspiegel aus vielen Richtungen in ihre Augen. Ein Augenspiegel ist ein Gerät, mit dem man durch die Pupille bis auf die Netzhaut sehen kann. Aus jeder Richtung, aus der die Forschenden die Netzhaut sahen, fällt auch Licht auf die Netzhaut. Aus dieser Richtung kann die Eule also sehen. So haben Forschende im Jahr 2023 die Augen von 23 Eulenarten untersucht. Bei allen sehen beide Augen gemeinsam einen Bereich von etwa 34 bis 55 Grad. Das ist viel weniger als bei uns Menschen. So können sie gut abschätzen, wie weit eine Maus entfernt ist. Das ist für Tiere wichtig, die selbst jagen. Dafür sehen sie weniger von dem, was neben und hinter ihnen passiert.

Wir Menschen überblicken ohne Bewegung von Augen und Kopf waagerecht ungefähr 180 Grad. Davon sehen beide Augen etwa 120 bis 140 Grad gemeinsam. Bei jungen Menschen ist das Gesichtsfeld am größten, im Alter wird es kleiner. Das Gesichtsfeld ist der Bereich, den man sieht, ohne die Augen oder den Kopf zu bewegen.
Warum können Eulen ihren Kopf so weit drehen?
Eulen können ihren Kopf so weit drehen, weil sie ihre Augen kaum bewegen können. Die Augen sitzen fest in den Augenhöhlen. Um trotzdem zur Seite und nach hinten zu schauen, drehen Eulen den ganzen Kopf, und zwar um bis zu 270 Grad. Das ist eine Dreivierteldrehung. Möglich ist das durch eine sehr bewegliche Halswirbelsäule und durch Blutgefäße, die beim Drehen nachgeben. Dass Eulen ihren Kopf ganz im Kreis drehen können, also um 360 Grad, stimmt nicht. Eulen haben 14 Halswirbel, wir Menschen nur 7.

Sehen Vögel besser als Menschen?
Ja, viele Vögel sehen deutlich schärfer als wir Menschen. Je nach Art erkennen sie Einzelheiten zwei- bis achtmal so gut wie ein Mensch. Auf große Entfernung entdecken Vögel Insekten, die nur wenige Millimeter groß sind. Ein Wanderfalke, der Hunderte Meter entfernt auf einem Felsen sitzt, sieht genau, was ein Mensch gerade macht. Der Mensch braucht dagegen ein Fernglas, um den Falken gut zu erkennen.
Der Grund für das scharfe Sehen liegt in der Netzhaut. An einer Stelle liegen dort besonders viele Zapfen dicht nebeneinander. An dieser Stelle sieht das Auge am schärfsten. Sie heißt Sehgrube. Wir Menschen haben in jedem Auge eine Sehgrube. Schnelle Flieger, die am Tag jagen, haben in jedem Auge sogar zwei Sehgruben. Dazu gehören Greifvögel, Seeschwalben, Kolibris und Eisvögel. Mit der zweiten Sehgrube sehen sie nach vorn besonders scharf.
Bei Greifvögeln wie Falken und Adlern wird außerdem ein Teil des Blickfelds vergrößert. Federn über den Augen schützen sie vor zu viel Sonnenlicht. Deshalb wirkt der Blick von Greifvögeln auf uns oft grimmig. Das schärfste Sehen von allen Tieren haben Adler.
Sehen Vögel Farben genauso wie wir?
Vögel sehen die Farben, die wir sehen, und zusätzlich noch mehr Farben. Für das Farbensehen sind die Zapfen in der Netzhaut zuständig. Wir Menschen haben drei Arten von Zapfen: für rotes, für grünes und für blaues Licht. Aus den Signalen dieser drei Zapfenarten setzt unser Gehirn alle Farben zusammen, die wir kennen. Die meisten Säugetiere, zum Beispiel Hunde und Katzen, haben nur zwei Arten von Zapfen. Vögel haben vier Arten. Drei davon reagieren wie bei uns auf rotes, grünes und blaues Licht. Die vierte Art reagiert auf violettes oder ultraviolettes Licht, das wir nicht sehen können.
Ein grünes Blatt sieht deshalb auch für einen Vogel grün aus, und ein rotes Haus sieht rot aus. Trotzdem sieht für einen Vogel vieles anders aus als für uns. Zwei Farben, die für uns genau gleich aussehen, können für einen Vogel verschieden aussehen. Das ist der Fall, wenn eine der beiden Farben zusätzlich ultraviolettes Licht zurückwirft und die andere nicht.
Forschende der Universität Lund in Schweden haben das an Pflanzen untersucht. Sie haben eine besondere Kamera gebaut, die mit Filtern die vier Zapfenarten der Vögel nachahmt. Die Fotos zeigen: Die Oberseiten der Blätter werfen viel ultraviolettes Licht zurück und erscheinen für Vögel hell. Die Unterseiten erscheinen dagegen dunkel. In einem dichten Busch sehen wir nur viel Grün. Ein Vogel erkennt dort dagegen die einzelnen Blätter und sieht, wo vorn und hinten ist. Das hilft ihm, sich zwischen den Zweigen zurechtzufinden und Futter zu suchen.
In den Zapfen der Vögel sitzen außerdem winzige Öltröpfchen. Sie sind rot, gelb, fast farblos oder ganz durchsichtig. Das Licht muss durch diese Tröpfchen hindurch, bevor es auf den Farbstoff im Zapfen trifft. Die Tröpfchen filtern einen Teil des Lichts heraus. Dadurch reagiert jede Zapfenart nur auf einen schmaleren Bereich von Farben. Die Vögel können deshalb mehr Farben voneinander unterscheiden. Auch Grüntöne unterscheiden Vögel feiner als wir.
Wie eine Farbe für einen Vogel genau aussieht, kann allerdings kein Mensch wissen. Denn wir können uns Farben, die wir selbst nie gesehen haben, nicht vorstellen.
Können Vögel UV-Licht sehen?
Viele Vögel können UV-Licht sehen, aber nicht alle. UV-Licht ist die Abkürzung für ultraviolettes Licht. Es steckt im Sonnenlicht, ist aber für unsere Augen unsichtbar. Bei vielen Vögeln reagiert die vierte Zapfenart auf UV-Licht. Solche UV-Zapfen haben fast alle Singvögel, zum Beispiel Meisen, Amseln und Zebrafinken. Auch Papageien wie Wellensittiche haben sie. Elstern, Raben, Greifvögel wie Rotmilan und Sperber, Mauersegler, Stockenten und Tauben haben dagegen statt der UV-Zapfen Zapfen für violettes Licht. Diese Zapfen reagieren nur schwach auf UV-Licht. Diese Vögel nehmen UV-Licht deshalb viel schlechter wahr.
Dass Vögel UV-Licht nutzen, zeigt die Blaumeise. Für uns sehen Männchen und Weibchen fast gleich aus. Forschende haben deshalb mit einem Messgerät untersucht, wie viel Licht jeder Farbe die Federn zurückwerfen. Dabei kam heraus: Das blaue Kopfgefieder der Männchen wirft mehr UV-Licht zurück als das der Weibchen. Für die Augen anderer Blaumeisen sehen Männchen und Weibchen deshalb verschieden aus.
Ob das UV-Leuchten für die Blaumeisen wichtig ist, haben Forschende in einem Versuch mit wild lebenden Blaumeisen geprüft. Sie fingen Männchen, die schon Junge im Nest hatten. Einem Teil der Männchen strichen sie ein Fett mit Sonnenschutzmittel auf die Kopffedern. Der Sonnenschutz schluckt das UV-Licht, und die Federn leuchteten nicht mehr im UV-Licht. Die anderen Männchen bekamen nur das Fett ohne Sonnenschutz. Danach beobachteten die Forschenden die Nester. Die Weibchen der Männchen ohne UV-Leuchten fütterten die Jungen seltener, und die Jungen wuchsen langsamer. Die Weibchen haben die Veränderung am Kopf ihrer Männchen also bemerkt.
Auch bei der Nahrungssuche hilft das UV-Sehen. Reife Heidelbeeren sind von einer dünnen Wachsschicht bedeckt. Diese Wachsschicht wirft UV-Licht zurück. Forschende in Finnland haben Rotdrosseln zwischen zwei Sorten Heidelbeeren wählen lassen. Bei der einen Sorte war die Wachsschicht abgerieben. Bei Licht mit UV-Anteil wählten erwachsene Rotdrosseln häufiger die Beeren mit Wachsschicht. Ohne UV-Licht machten sie keinen Unterschied. Junge Rotdrosseln, die noch nie Beeren gesucht hatten, bevorzugten keine Sorte. Sie müssen erst lernen, dass UV-Leuchten reife Beeren verrät.

Sehen Vögel Umrisse und Formen genauso wie wir?
Vögel erkennen Umrisse und Formen ähnlich wie wir, ein Haus sieht für sie aber trotzdem nicht genau so aus wie für uns. Ein Umriss ist die äußere Linie eines Gegenstands, die ihn vom Hintergrund trennt. Wie bei uns entsteht im Vogelauge auf der Netzhaut ein Bild der Umgebung, und das Gehirn erkennt darin Formen wie Wände, Dächer, Bäume oder Menschen. Wie ein Haus für einen Vogel genau aussieht, kann allerdings kein Mensch wissen, denn wir können uns nur ansatzweise in einen Vogel hineindenken.
Dass Tauben Formen erkennen, haben Forschende der Universität Wien untersucht. Die Tauben saßen dafür in einer Versuchskiste vor einem Bildschirm. Darauf erschienen nacheinander Fotos mit Menschen und Fotos ohne Menschen. Pickte eine Taube bei einem Foto mit Menschen auf eine Scheibe vor dem Bildschirm, bekam sie Futter. Pickte sie bei einem Foto ohne Menschen, musste sie länger auf das nächste Bild warten. So lernten die Tauben, Fotos mit Menschen zu erkennen. Danach zeigten die Forschenden ihnen Fotos von Menschen, deren Körperteile falsch zusammengesetzt waren. Bei diesen Bildern pickten die Tauben deutlich schlechter. Die Tauben achten also nicht nur auf einzelne Teile wie Kopf, Arme oder Beine, sondern auch darauf, wie die Teile zusammen eine Gestalt ergeben.
In einem weiteren Versuch an der Universität Wien zeigte eine Forscherin Tauben einfache geometrische Formen. Die Formen waren nur sehr kurz auf dem Bildschirm zu sehen, manchmal nur eine Zehntelsekunde lang. Trotzdem unterschieden die Tauben die Formen meistens richtig. Formen mit verschiedenen Farben unterschieden sie allerdings leichter als Formen, die sich nur im Umriss unterschieden.
Krähen erkennen sogar einzelne Menschen an ihrem Gesicht. Forschende der University of Washington in den USA trugen eine bestimmte Maske, als sie sieben Krähen fingen und ihnen einen Ring ans Bein legten. Noch zwei Jahre später schimpften die Krähen, wenn ihnen jemand mit dieser Maske begegnete. Ohne Maske ließen sie dieselben Forschenden in Ruhe. Die Krähen gaben ihr Wissen sogar an andere Krähen weiter, auch an Junge, die die Forschenden nie gesehen hatten.
Ein Haus sieht für einen Vogel trotzdem anders aus als für uns. Weil viele Vögel schärfer sehen, erkennen sie an dem Haus mehr Einzelheiten. Farben, die UV-Licht zurückwerfen, sehen für sie anders aus als für uns. Eine Taube sieht mit ihren seitlichen Augen gleichzeitig das Haus und fast alles rundherum. Glasscheiben in den Fenstern erkennen Vögel dagegen nicht als Hindernis.
Wie schnell sehen Vögel Bewegungen?
Vögel erkennen schnelle Bewegungen viel genauer als wir. Das liegt daran, dass ihr Auge und ihr Gehirn mehr Bilder in einer Sekunde verarbeiten. Forschende der Universität Uppsala in Schweden haben das bei Blaumeisen, Halsbandschnäppern und Trauerschnäppern untersucht. Schnäpper sind kleine Singvögel, die Insekten im Flug fangen.
Für den Versuch hingen zwei Lampen nebeneinander. Die eine leuchtete gleichmäßig. Die andere flackerte, das heißt, sie ging sehr schnell an und aus. Die Vögel lernten, dass es nur an einer bestimmten Lampe Futter gab, zum Beispiel ein Stück Erdnuss oder einen Mehlwurm. Dann ließen die Forschenden die Lampe immer schneller flackern. Sie hörten auf, als die Vögel die beiden Lampen nicht mehr unterscheiden konnten. Im Durchschnitt erkannten die Vögel das Flackern noch bei 129 bis 137 Lichtwechseln in einer Sekunde. Ein Trauerschnäpper schaffte sogar 146 Wechsel. Wir Menschen erkennen meist nur etwa 60 Wechsel in einer Sekunde. Kein anderes bisher untersuchtes Wirbeltier sieht so schnell wie diese kleinen Vögel. Wirbeltiere sind alle Tiere mit einer Wirbelsäule, also Säugetiere, Vögel, Fische, Reptilien und Amphibien.
Ein Film besteht aus vielen einzelnen Bildern, die schnell hintereinander gezeigt werden. Für unsere Augen verschmelzen sie zu einer flüssigen Bewegung. Auch neue Kinofilme zeigen höchstens 50 Bilder in einer Sekunde. Diese Vögel sehen den Film deshalb als Folge von Einzelbildern. Eine Glühbirne, die 60-mal in der Sekunde aufleuchtet, flackert für sie.
Das schnelle Sehen brauchen die kleinen Vögel zum Überleben. Sie fliegen schnell durch dichte Zweige und dürfen dabei kein Hindernis übersehen. Schnäpper fangen außerdem fliegende Insekten in der Luft. Dafür müssen sie jede Bewegung der Insekten verfolgen.
Können Vögel im Dunkeln sehen?
In völliger Dunkelheit sehen Vögel nichts, in der Dämmerung sehen sie aber ungefähr so gut wie wir Menschen. Solange wir noch etwas erkennen, erkennen auch die Vögel ihre Umgebung. Eulen sehen bei wenig Licht viel besser als wir. In ihrer Netzhaut gibt es besonders viele Stäbchen, also die Sinneszellen für das Sehen bei schwachem Licht. Deshalb kann eine Eule sogar bei Sternenlicht sicher fliegen. Am Tag sind Eulen nicht blind, wie manche glauben. Sie sehen dann wahrscheinlich sogar besser als Menschen, aber weniger farbig. Bei völliger Dunkelheit sieht auch eine Eule nichts mehr.
Warum nicken Tauben beim Gehen mit dem Kopf?
Tauben nicken mit dem Kopf, damit ihre Umgebung für einen kurzen Moment stillsteht und sie sie genau betrachten können. In Wirklichkeit nickt die Taube gar nicht. Bei jedem Schritt hält sie ihren Kopf kurz ganz still, während der Körper nach vorn geht. Dann zieht sie den Kopf ruckartig nach, und alles beginnt von vorn. Für uns sieht das wie ein Nicken aus.
Dass das Nicken mit dem Sehen zu tun hat, zeigen Versuche. Auf einem Laufband nickt eine Taube nicht, weil sich die Umgebung dort nicht bewegt. Auch mit verdeckten Augen nicken Tauben nicht. Viele andere Tiere folgen bewegten Dingen mit den Augen. Tauben können ihre Augen aber nur wenig bewegen. Auch Krähen und Kraniche halten beim Gehen den Kopf auf diese Weise still.
Können Vögel das Magnetfeld der Erde sehen?
Vögel nehmen das Magnetfeld der Erde mit ihren Augen wahr. Die Erde ist von einem Magnetfeld umgeben. Es ist der Grund dafür, dass eine Kompassnadel immer nach Norden zeigt. In den Zapfen der Vogelaugen gibt es einen besonderen Stoff, das Cryptochrom. Es reagiert auf das Magnetfeld, aber nur, wenn gleichzeitig Licht ins Auge fällt. So erkennen Vögel, in welche Richtung sie fliegen. Besonders gut untersucht ist das bei Zugvögeln. Wie Zugvögel ihren Weg finden, erklärt unser Beitrag Warum fliegen Zugvögel in den Süden?
Warum fliegen Vögel gegen Fensterscheiben?
Vögel fliegen gegen Fensterscheiben, weil sie Glas nicht als Hindernis erkennen. Durch eine durchsichtige Scheibe sehen sie nur das, was dahinter liegt, zum Beispiel den Himmel, Bäume oder Sträucher. Spiegelt die Scheibe, sehen sie das Spiegelbild der Umgebung und halten es für echte Bäume oder echten Himmel. In der Natur gibt es kein Glas, deshalb sind die Augen der Vögel nicht darauf eingestellt.
Gegen solche Zusammenstöße helfen Muster auf der Scheibe, die für alle Vögel gut sichtbar sind. Aufkleber, die nur UV-Licht zurückwerfen, reichen nicht aus. Das liegt daran, dass nicht alle Vögel UV-Licht sehen. Außerdem gibt es abends und nachts kein UV-Licht, und starke Spiegelungen überdecken die Muster.
Zum Weiterdenken
Eine Taube sieht fast rundherum, eine Eule schätzt Entfernungen sehr genau ab. Welche Augen braucht ein Tier, das gejagt wird, und welche ein Tier, das selbst jagt? Schau dir dazu auch die Augen von Kaninchen, Pferden, Katzen und Hunden an.
Jetzt selbst ausprobieren
Probiere selbst aus, wie eine Taube und eine Eule sehen. Mit einem Kreis auf dem Boden misst du, wie weit du zur Seite siehst, und vergleichst das mit einer Taube. Mit einer Brille aus zwei Klopapierrollen siehst du nur noch nach vorn, so wie eine Eule. Wie das geht, zeigt unsere Anleitung Sehen wie ein Vogel: Experimente für Kinder.
Quellen: Nordrhein-Westfälische Ornithologengesellschaft: Wie sehen Vögel?, Nordrhein-Westfälische Ornithologengesellschaft: Warum nicken Tauben mit dem Kopf?, NABU: Gut zu wissen über Vögel, LBV Starnberg: Die Augen der Vögel, Potier und andere: Visual adaptations of diurnal and nocturnal raptors, Proceedings of the Royal Society B: Binocular field configuration in owls, Schweizerische Vogelwarte: Wie Vögel ihre Umwelt sehen, Spektrum der Wissenschaft: Vögel sehen die Welt bunter, BUND NRW: UV-Sehen bei Vögeln, BUND NRW: Glas als Gefahr, Universität München: Anatomie des Vogelauges (Dissertation Cordula Müller), Vogel und Natur: Die Nickhaut, Universität Lund: Kamera sieht die Welt wie Vögel, Ödeen und andere: Evolution des UV-Sehens bei Singvögeln, BMC Evolutionary Biology 2011, Hunt und andere: Blue tits are ultraviolet tits, 1998, Limbourg und andere: Blaumeisen-Weibchen und UV-Färbung der Männchen, 2004, Siitari und andere: UV-Licht von Beeren und Rotdrosseln, 1999, Universität Uppsala: Small birds’ vision is superfast, The Nature Conservancy: A Bird’s Eye View of Color, Boström und andere: Ultra-Rapid Vision in Birds, PLOS ONE 2016, Deutsche Wildtier Stiftung: Fünf Fakten über Eulen, BUND Hessen: Waldkauz, SWR Kultur: Sehen Vögel in der Dämmerung?, Max-Planck-Gesellschaft: Magnetfeld-Kompass im Auge, dasGehirn.info: Der Okzipitallappen, ORF Science: Visuelle Kategorisierung bei Tauben, Universität Wien: Kramer, Formunterscheidung bei Tauben, 2010, University of Washington: Krähen erkennen Gesichter.

