Die kurze Antwort
In Polen hängt es von der Gegend ab, wer an Heiligabend die Geschenke bringt. In den meisten Teilen des Landes ist es der heilige Mikołaj (ausgesprochen „mi-KO-wai“), also der Nikolaus. In Großpolen und in der Kaschubei kommt der Gwiazdor (ausgesprochen „GWJAS-dor“), der „Sternenmann“. In Oberschlesien bringt das Dzieciątko (ausgesprochen „dsche-TSCHONT-ko“) die Geschenke, das Jesuskind. In Kleinpolen und im Teschener Schlesien kommt das Aniołek (ausgesprochen „a-NJO-wek“), das Engelchen, und in einigen Gegenden die Gwiazdka (ausgesprochen „GWJAST-ka“), das Sternchen. Dass es so viele verschiedene Gabenbringer gibt, liegt an der Geschichte Polens. Mehr als 100 Jahre lang war das Land zwischen drei Nachbarländern aufgeteilt. Den Nikolaustag am 6. Dezember feiern die Kinder aber in ganz Polen.

Am Heiligabend sitzt eine Familie in Polen am Fenster und wartet. Erst wenn der erste Stern am Himmel zu sehen ist, beginnt das Festessen. Die Kinder sind aufgeregt, denn nach dem Essen gibt es die Geschenke. Doch wer bringt sie? Das hängt davon ab, wo die Familie wohnt. In Posen klopft vielleicht der Gwiazdor an die Tür. In Kattowitz hat das Dzieciątko die Päckchen heimlich unter den Baum gelegt. Und in Krakau war womöglich das Engelchen da, ohne dass es jemand gesehen hat.
Welche Gabenbringer es in anderen Ländern gibt, zeigt unser Überblick Christkind oder Weihnachtsmann: Wer bringt in welchem Land die Geschenke?.
Wer bringt in Polen die Geschenke?
In Polen bringen je nach Gegend unterschiedliche Gestalten die Geschenke. Am Heiligabend, dem 24. Dezember, kommen diese Gabenbringer.
- Mikołaj, der heilige Nikolaus. Er ist heute im größten Teil Polens der Gabenbringer, auch in der Hauptstadt Warschau.
- Gwiazdor, der Sternenmann. Er kommt in Großpolen rund um die Stadt Posen und in der Kaschubei an der Ostsee.
- Dzieciątko, das Jesuskind. Es kommt in Oberschlesien, rund um die Stadt Kattowitz.
- Aniołek, das Engelchen. Es kommt im Teschener Schlesien im Süden und in Kleinpolen rund um Krakau.
- Gwiazdka, das Sternchen. Sie kommt in Teilen von Kleinpolen und Niederschlesien.
- Dziadek Mróz (ausgesprochen „DSCHA-dek MRUS“), Großvater Frost. Er kommt nur noch bei wenigen Familien im Osten Polens.
Außerdem bekommen fast alle Kinder in Polen am 6. Dezember ein kleines Geschenk vom Nikolaus. Dieser Tag heißt Mikołajki (ausgesprochen „mi-ko-WAI-ki“).
Warum bringen in Polen so viele verschiedene Gestalten die Geschenke?
In Polen bringen so viele verschiedene Gestalten die Geschenke, weil das Land lange geteilt war und weil viele Menschen später umziehen mussten. Von 1795 bis 1918 gab es Polen nicht als eigenen Staat. Das Land war zwischen Preußen, Österreich und Russland aufgeteilt. Diese Zeit nennt man die Teilungen Polens.
In jedem dieser drei Teile kamen die Menschen mit anderen Bräuchen in Kontakt. Großpolen gehörte zu Preußen, und dort war der Gabenbringer der Evangelischen bekannt, der in Deutschland zum Weihnachtsmann wurde. Daraus wurde im Polnischen der Gwiazdor. Kleinpolen und das Teschener Schlesien gehörten zu Österreich. Auch in Oberschlesien hatte die Kirche aus Österreich und Mähren viel Einfluss, weil ein Teil davon bis 1972 zum Bistum Olmütz in Tschechien gehörte. Deshalb kommen dort Engelchen und Jesuskind, wie in Österreich das Christkind.
Nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1945 änderten sich die Grenzen Polens. Viele Menschen aus dem Osten und aus Kleinpolen zogen in den Westen des Landes und brachten ihre Gabenbringer mit. So kamen das Engelchen und das Sternchen auch nach Niederschlesien, und der heilige Mikołaj breitete sich in vielen Gegenden aus. Bei einer Umfrage im Jahr 2015 haben etwa 4.500 Menschen angegeben, wer in ihrer Familie die Geschenke bringt und aus welcher Gegend sie stammen. Der Kartenzeichner Szymon Pifczyk (ausgesprochen „SCHI-mon PIF-tschik“) hat daraus eine Karte gemacht. Auf dieser Karte sieht man, dass die Grenzen der Gabenbringer bis heute ungefähr den alten Grenzen aus der Zeit der Teilungen folgen.
Wer ist der Gwiazdor?
Der Gwiazdor ist der Gabenbringer in Großpolen und in der Kaschubei. Sein Name kommt vom polnischen Wort gwiazda (ausgesprochen „GWJAS-da“) für Stern. Gwiazdor heißt also „Sternenmann“.
Den Namen hat er von den Sternsingern. Das waren früher Gruppen von jungen Männern, die in der Weihnachtszeit von Haus zu Haus zogen und Lieder sangen. Einer von ihnen trug einen großen bunten Stern aus Papier auf einer Stange. Der Stern war von innen beleuchtet und ließ sich drehen. Den Mann mit dem Stern nannte man Gwiazdor. Der Ethnologe Damian Kasprzyk (ausgesprochen „DA-mjan KAS-pschik“) von der Universität Lodz erklärt, dass der Gabenbringer seinen Namen von diesem Sternträger übernommen hat. Ein Ethnologe ist ein Forscher, der Bräuche und Lebensweisen von Menschen untersucht.
Der Gwiazdor kam früher am Heiligabend persönlich ins Haus. Er hatte einen Sack mit Geschenken und eine Rute dabei. Oft kam er nicht allein, sondern mit der Gwiazdka. Der Ethnologe Andrzej Brencz (ausgesprochen „AN-dschej BRENTSCH“) von der Universität Posen sagt, dass in diesem Brauch noch Reste aus der Zeit vor dem Christentum stecken. Damals glaubte man, dass zur Wintersonnenwende, wenn die Nächte am längsten sind, die Seelen der Vorfahren ihre Familien besuchen.
Wie sah der Gwiazdor früher aus?
Früher sah der Gwiazdor zum Fürchten aus. Er trug einen Kożuch (ausgesprochen „KO-schuch“), einen Mantel aus Schafsfell, den er umgedreht anzog, sodass das Fell nach außen zeigte. Sein Gesicht war mit Ruß schwarz gemacht oder hinter einer Maske versteckt. In der Kaschubei war diese Maske aus Kalbsleder und hieß larwa (ausgesprochen „LAR-wa“). Um den Bauch trug er einen Gürtel aus Stroh. In manchen Dörfern der Kaschubei war sogar sein ganzer Mantel aus Stroh geflochten.
Wenn die Kinder seine Glocke hörten, bekamen sie Angst. Der Volkskundler Oskar Kolberg (ausgesprochen „OS-kar KOL-berk“) hat im 19. Jahrhundert aufgeschrieben, dass sich die Kinder dann versteckten. Der Gwiazdor fragte nämlich, ob die Kinder brav waren, und ließ sie ein Gebet aufsagen. Wer es konnte, bekam Süßigkeiten, Äpfel, Lebkuchen oder Nüsse. Wer frech gewesen war, bekam einen Schlag mit der Rute. In der Kaschubei war die Rute ein Korbacz (ausgesprochen „KOR-batsch“), eine Peitsche aus Stroh. In Großpolen mussten unartige Kinder manchmal über die Peitsche springen, oder sie bekamen statt eines Geschenks verfaulte Pyry (ausgesprochen „PY-ry“). So heißen Kartoffeln in Großpolen.
Heute sieht der Gwiazdor meistens aus wie der Weihnachtsmann, mit rotem Mantel und weißem Bart. In der Kaschubei versuchen Museen und Vereine, den alten Gwiazdor aus Stroh wieder bekannt zu machen.
Wer ist das Dzieciątko?
Das Dzieciątko ist das Jesuskind, und es bringt in Oberschlesien die Geschenke. Es kommt am Heiligabend, während die Familie am Fenster sitzt und auf den ersten Stern am Himmel wartet. In diesem Moment schlüpft es unbemerkt ins Haus und legt die Geschenke unter den Weihnachtsbaum. Gesehen hat es noch nie jemand.
Woher der Brauch in Oberschlesien kommt, erklärt der schlesische Heimatforscher Marek Szołtysek (ausgesprochen „MA-rek scho-TY-sek“) mit einer alten Geschichte. Im Jahr 1680 herrschte in der Stadt Prag eine schlimme Seuche, eine Krankheit, an der sehr viele Menschen starben. Die Prager baten die Stadt Piekary (ausgesprochen „pje-KA-ry“) in Oberschlesien um Hilfe. Dort gab es ein berühmtes Bild der Mutter Gottes, und die Menschen glaubten, dass es helfen könnte. Das Bild wurde nach Prag gebracht. Als Dank schickten Kirchengemeinden aus Böhmen Bilder des Prager Jesuskindes nach Oberschlesien. Das ist eine kleine Figur des Jesuskindes in einer Kirche in Prag. So wurde das Jesuskind in Oberschlesien besonders verehrt und später zum Gabenbringer.
Wer ist das Aniołek?
Das Aniołek ist ein Engelchen, das in Kleinpolen und im Teschener Schlesien die Geschenke bringt. Es kommt am Heiligabend während des Festessens unsichtbar vom Himmel herab, legt die Geschenke ab und fliegt wieder zurück. Nach Damian Kasprzyk beschenkt es besonders die jüngsten Kinder.
Im Teschener Schlesien, an der Grenze zu Tschechien, sind viele Menschen evangelisch. Das ist eine christliche Glaubensrichtung, in der Heilige wie der Nikolaus keine große Rolle spielen. Deshalb bringt dort nicht der Nikolaus die Geschenke, sondern das Engelchen.
Wer ist die Gwiazdka?
Die Gwiazdka ist ein Mädchen im weißen Kleid, das in manchen Gegenden Polens die Geschenke bringt. Ihr Name bedeutet „Sternchen“. Früher gehörte sie zu den Gruppen der Sternsinger. In diesen Gruppen ging ein weiß gekleidetes Mädchen mit, das den Stern von Betlehem darstellte. In Großpolen kam die Gwiazdka zusammen mit dem Gwiazdor ins Haus.
Heute bringt die Gwiazdka vor allem in Teilen von Kleinpolen und Niederschlesien die Geschenke. Das Wort „gwiazdka“ ist in Polen aber überall bekannt, weil es auch ein anderes Wort für Weihnachten geworden ist. Wenn ein Kind in Polen gefragt wird, was es „na gwiazdkę“ (ausgesprochen „na GWJAST-kä“) bekommen hat, ist damit gemeint, was es zu Weihnachten geschenkt bekommen hat.
Was bringt der heilige Mikołaj?
Der heilige Mikołaj bringt den Kindern in Polen zweimal Geschenke. Am 6. Dezember ist sein Gedenktag, und in der Nacht davor legt er den Kindern kleine Geschenke unter das Kopfkissen, in die Schuhe oder in einen Strumpf. Meistens sind es Süßigkeiten, Obst oder ein kleines Spielzeug. In vielen Gegenden Polens bringt er außerdem am Heiligabend die großen Geschenke.
Im 19. Jahrhundert gab es den Nikolaustag schon in Schlesien, in Krakau, in Lublin und in Masuren. Damals ging ein Mann als Bischof verkleidet von Haus zu Haus. Mit ihm kamen ein Engel mit einer Glocke und ein Teufel. Der Nikolaus fragte die Kinder ihr Gebet ab. Brave Kinder bekamen Süßigkeiten, unartige Kinder eine Rute. Manche Ruten waren golden angemalt.
Heute schreiben viele Kinder in Polen dem Mikołaj einen Brief. Oft schicken sie ihn nach Lappland in Finnland, wo der Weihnachtsmann nach der Sage wohnt. Wie der Nikolaus in Deutschland zum Gabenbringer wurde, erklärt unser Artikel Weihnachtsmann: Woher kommt er und wo wohnt er?.
Warum brachte in Polen einmal Großvater Frost die Geschenke?
Großvater Frost brachte in Polen einige Jahre lang die Geschenke, weil die damalige Regierung den heiligen Nikolaus nicht wollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Polen ein kommunistischer Staat. Die Kommunistische Partei regierte allein und arbeitete eng mit der Sowjetunion zusammen. Sie wollte, dass die Kirche und ihre Heiligen im Leben der Menschen keine Rolle mehr spielen.
Deshalb verteilte ab 1949 bei den Weihnachtsfeiern in Kindergärten, Schulen und Fabriken nicht mehr der Nikolaus die Geschenke, sondern Dziadek Mróz. Das ist der polnische Name für Väterchen Frost, den Gabenbringer aus Russland. Er trug einen weißen oder goldenen Kaftan, also einen langen Mantel, und eine spitze Mütze, manchmal auch die Kleidung eines russischen Bauern. Mit ihm kamen Frau Winter und die Schneeflöckchen, die Geschenke aus Säcken verteilten. Bilder des heiligen Nikolaus wurden in dieser Zeit von der Zensur verboten. Zensur bedeutet, dass der Staat bestimmt, was in Zeitungen, Büchern und Filmen gezeigt werden darf. Viele Familien feierten zu Hause aber weiter mit dem Nikolaus. Im Jahr 1957, als die Regierung etwas weniger streng geworden war, fuhr in der Wochenschau im Kino wieder ein heiliger Mikołaj mit einem Sack voller Geschenke durch die Stadt. Heute kommt Dziadek Mróz nur noch bei wenigen Familien im Osten Polens, vor allem bei Menschen, die zur orthodoxen Kirche gehören.
Warum kommen die Geschenke in Polen an Heiligabend?
Die Geschenke kommen in Polen an Heiligabend, weil dieser Abend für die Polen der wichtigste Abend von Weihnachten ist. Er heißt Wigilia (ausgesprochen „wi-GIL-ja“). Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Nachtwache“, gemeint ist der Abend vor dem Weihnachtsfest.
Nach dem alten Volksglauben bestimmte der Heilige Abend das ganze nächste Jahr. In Polen gibt es dafür das Sprichwort „Wie der Heilige Abend, so das ganze Jahr“. Deshalb stritt sich an diesem Tag niemand, Kinder wurden nicht bestraft, und man lieh sich nichts aus. Wer an Wigilia Geschenke bekam, sollte auch im neuen Jahr genug von allem haben. Damian Kasprzyk erklärt, dass alle Gabenbringer, die an diesem Abend kommen, Gestalten aus einer anderen Welt sind, ob Stern, Engel, Jesuskind oder Nikolaus.
Zum Weiterdenken
In Polen kann ein Kind an Heiligabend auf den Sternenmann warten, während ein anderes Kind ein paar Stunden entfernt auf das Jesuskind oder das Engelchen wartet. Die Gabenbringer sind noch heute ungefähr so verteilt wie die Grenzen vor über 100 Jahren. Warum, glaubst du, behalten Familien ihre Gabenbringer, auch wenn sie in eine andere Gegend ziehen? Und vor welchem Gwiazdor hättest du dich mehr gefürchtet, vor dem im umgedrehten Schafsfell oder vor dem aus Stroh?
Quellen: Gość Niedzielny/PAP: Engelchen, Jesuskind, Gwiazdor oder Nikolaus, TVN24: Nicht der Nikolaus, sondern der Gwiazdor, Nationales Institut für Kulturerbe: Weihnachtsbräuche, Nationales Institut für Kulturerbe: Nikolaustag, Misyjne: Kaschubische Weihnachtsbräuche, Dzieje.pl/PAP: Bräuche in der Kaschubei, Polnisches Landwirtschaftsministerium: Bräuche in Großpolen, TVS: Nur in Schlesien bringt das Dzieciątko die Geschenke, Notes from Poland: Warum Polen mehrere Gabenbringer hat, Polskie Radio: Weihnachtsmann gegen Engelchen, Wspólnota Polska: Nikolausbräuche, Wprost: Dziadek Mróz gegen den heiligen Nikolaus

