Die kurze Antwort
Ein Starenschwarm ist eine große Gruppe von Staren, die vor allem im Herbst und Winter am Abend gemeinsam über ihrem Schlafplatz fliegt. Die Stare sammeln sich in Schwärmen, weil ein einzelner Star in der Menge viel seltener von einem Greifvogel gefangen wird. Einen Anführer gibt es nicht. Jeder Star achtet nur auf seine sechs bis sieben nächsten Nachbarn und macht ihre Bewegungen mit. Weil jeder Vogel so auf seine Nachbarn reagiert, läuft jede Wende in Bruchteilen einer Sekunde durch den ganzen Schwarm. So entstehen die Formen und Wellen am Himmel.

Was ist ein Starenschwarm?
Ein Starenschwarm ist eine große Gruppe von Staren, die dicht beieinander fliegt und dabei immer wieder gemeinsam die Richtung wechselt.
Wenn Hunderte, Tausende oder sogar Hunderttausende Stare so gemeinsam fliegen, wird der Schwarm mal lang und schmal, mal rund, mal teilt er sich und fließt wieder zusammen. Diesen Flug nennen Fachleute Murmuration (ausgesprochen „mör-mju-RÄI-schen“). Das Wort kommt aus dem Englischen und geht auf das lateinische Wort murmurare zurück, das „murmeln“ oder „rauschen“ bedeutet. Der Name passt, weil die vielen Flügel ein leises Rauschen erzeugen, wenn ein großer Schwarm nah über einen hinwegfliegt.
Wie groß ein Starenschwarm ist, hängt vom Ort und von der Jahreszeit ab. In Bayern bestehen die Schwärme im Herbst meist aus mehreren Hundert Vögeln, oft sind es bis zu 1.000. Es können sich aber auch mehr als 100.000 Stare zu einem Schwarm zusammenschließen. In der italienischen Hauptstadt Rom verbringen jeden Winter Hunderttausende Stare die Nacht in den Bäumen der Stadt. Forschende haben dort Schwärme genau gezählt. Ein einzelner Schwarm, der am Abend über die Schlafbäume fliegt, umfasst nach ihren Messungen einige Hundert bis mehrere Zehntausend Vögel. In einer großen Untersuchung aus Großbritannien waren die Schwärme im Durchschnitt rund 30.000 Stare groß. Der größte gemeldete Schwarm bestand aus etwa 750.000 Vögeln.
Wer fliegt in einem Starenschwarm mit?
In einem Starenschwarm fliegen junge und erwachsene Stare zusammen, und im Herbst kommen viele Stare aus anderen Ländern dazu.
Der Star ist ein Singvogel, der von Weitem schwarz aussieht. Aus der Nähe schillert sein Gefieder in vielen Farben. Im Spätsommer wechselt der Star alle Federn, das nennen Fachleute Mauser. Die neuen Federn haben helle Spitzen, deshalb ist der Star im Herbst und Winter mit weißen Pünktchen übersät. In dieser Zeit heißt er auch Perlstar.

Die ersten Schwärme bilden sich schon im Juni. Sobald die jungen Stare das Nest verlassen haben und allein zurechtkommen, schließen sie sich zu Gruppen zusammen. Dazu kommen erwachsene Stare, die keinen Partner haben. Bis zum Herbst werden diese Schwärme immer größer, weil sich weitere Familien anschließen. Im Herbst kommen außerdem Stare aus Nord- und Osteuropa dazu, die auf ihrem Zug nach Süden bei uns Rast machen.
Nun stellt sich die Frage, warum so viele Stare überhaupt so eng zusammenbleiben.
Warum sammeln sich Stare in großen Schwärmen?
Stare sammeln sich vor allem deshalb in großen Schwärmen, weil sie dort besser vor Greifvögeln geschützt sind.
Stare werden von Greifvögeln gejagt, vor allem vom Wanderfalken. Das ist ein Greifvogel, der seine Beute im Flug fängt und im Sturzflug mehr als 300 Kilometer pro Stunde schnell wird.
Ein zweiter Vorteil ist, dass die Stare voneinander erfahren, wo es Futter gibt. Welcher dieser Gründe wichtiger ist, haben Forschende genauer untersucht.
Wie schützt der Schwarm vor dem Wanderfalken?
Der Schwarm schützt die Stare auf drei Arten, denn jeder Einzelne wird seltener getroffen, viele Augen sehen mehr, und der Falke wird durch die vielen Vögel verwirrt.
Der erste Grund ist einfache Rechnung. Fachleute nennen ihn Verdünnungseffekt. Wenn ein Falke aus einem Schwarm von 1.000 Staren einen Vogel fängt, trifft es nur einen von 1.000. Je größer der Schwarm ist, desto kleiner ist also die Gefahr für jeden einzelnen Star.
Der zweite Grund ist die Wachsamkeit. In einem großen Schwarm halten viele Stare gleichzeitig Ausschau. Deshalb wird ein Falke früher bemerkt als von einem Star, der allein fliegt.
Der dritte Grund ist die Verwirrung. Ein Falke muss sich auf einen einzigen Vogel konzentrieren, um ihn zu fangen. In einem Schwarm, in dem sich Tausende Stare gleichzeitig bewegen, gelingt ihm das nur schwer.
Dass der Schwarm tatsächlich schützt, zeigt eine Untersuchung aus Rom. Forschende haben dort an zwei Schlafplätzen 328 Jagden von Wanderfalken auf Stare beobachtet. Nur etwa jede vierte Jagd war erfolgreich, genau waren es 23,1 Prozent. Wenn der Falke einen Star jagte, der allein flog, hatte er öfter Erfolg als bei einem Angriff auf einen Schwarm. Trotzdem fing er an jedem Abend mindestens einen Star.
Warum sind die Schwärme größer, wenn ein Falke in der Nähe ist?
Die Schwärme sind größer und fliegen länger, wenn ein Greifvogel in der Nähe ist, weil die Stare dann den Schutz der Gruppe besonders brauchen.
Das hat eine große Untersuchung aus Großbritannien gezeigt. Dafür haben Menschen in den Wintern 2014/2015 und 2015/2016 insgesamt 3.211 Beobachtungen von Starenschwärmen gemeldet, die meisten aus Großbritannien und einige aus 22 anderen Ländern. Bei fast jedem dritten Schwarm war ein Greifvogel zu sehen, zum Beispiel ein Wanderfalke, ein Sperber oder eine Weihe. Eine Weihe ist ein Greifvogel, der dicht über Wiesen und Schilf jagt. Flog der Greifvogel nah am Schwarm oder griff er an, waren die Schwärme größer und blieben länger in der Luft. Saß der Greifvogel dagegen nur auf einem Baum, machte das keinen Unterschied. Die Forschenden schließen daraus, dass der Schwarmflug am Abend vor allem dem Schutz vor Feinden dient.
Was erfahren Stare von den anderen am Schlafplatz?
Am Schlafplatz können Stare von anderen Staren erfahren, wo es gutes Futter gibt.
Stare suchen tagsüber auf Wiesen, Weiden und Feldern nach Würmern und Insekten, im Herbst auch nach Beeren und Früchten. Am Abend treffen sie sich an einem gemeinsamen Schlafplatz, und am nächsten Morgen fliegen sie wieder los. Junge und unerfahrene Stare und solche, die am Tag wenig gefunden haben, können dann den Staren folgen, die zielstrebig zu einem guten Futterplatz zurückfliegen. Fachleute sprechen deshalb von einer Informationsbörse. Eine Börse ist ein Ort, an dem etwas ausgetauscht wird, in diesem Fall Wissen über Futterplätze.
Lange haben Forschende außerdem vermutet, dass der Schwarmflug am Abend weitere Stare zum Schlafplatz lockt, damit sich die Vögel in der Nacht gegenseitig wärmen. Für diese Erklärung haben sie in der Untersuchung aus Großbritannien aber nur wenige Hinweise gefunden. An kalten Abenden waren die Schwärme nämlich nicht größer als an milderen.
Ein großer Schwarm braucht aber auch einen großen, sicheren Schlafplatz. Deshalb fliegen die Stare jeden Abend zu bestimmten Orten und zu einer bestimmten Zeit.
Wann fliegen Stare ihre Formationen?
Stare fliegen ihre Formationen am Abend kurz vor Sonnenuntergang über ihrem Schlafplatz, vom Spätsommer bis zum Ende des Winters.
Tagsüber sind die Stare in kleineren Gruppen auf Futtersuche. Oft rasten sie zwischendurch auf Stromleitungen und Strommasten, wo man sie gut sehen kann. Etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang machen sie sich mit lautem Rufen auf den Weg zum Schlafplatz. Unterwegs treffen sich die kleinen Gruppen und schließen sich zu immer größeren Schwärmen zusammen. Über dem Schlafplatz fliegen sie dann lange hin und her, bis es dunkel wird. Erst dann lassen sich alle Stare gleichzeitig in die Pflanzen oder Bäume fallen.

In der Untersuchung aus Großbritannien dauerte ein Schwarmflug im Durchschnitt 26 Minuten. Am Anfang und am Ende der Saison, wenn die Tage länger sind, flogen die Stare länger. Um die Mitte des Winters, wenn die Tage am kürzesten sind, waren die Flüge kürzer.
Zu welcher Jahreszeit sieht man die größten Schwärme?
In Deutschland sieht man die größten Starenschwärme im September und Oktober, in Ländern wie Großbritannien und Italien dagegen im Winter.
Das liegt daran, dass der Star ein Zugvogel ist, aber nicht alle Stare gleich weit fliegen. Die meisten Stare aus Mitteleuropa ziehen im Herbst bis zu 2.000 Kilometer weit in den Mittelmeerraum oder nach Nordafrika. Ein Teil bleibt aber im Winter in Deutschland, vor allem im Südwesten. Vögel, bei denen nur ein Teil wegzieht, heißen Teilzieher. Welche Zugvögel noch in den Süden fliegen und wann sie wiederkommen, zeigt der Artikel Welche Vögel fliegen in den Süden? Die Zugvögel-Liste
Bei uns sind die Schwärme deshalb im September und Oktober am größten, wenn zu den Staren von hier noch die Gäste aus dem Norden und Osten kommen. Bis Mitte Oktober sind in Bayern die größten Schwärme unterwegs. Spätestens beim ersten Wintereinbruch ziehen die letzten Stare weiter in den Süden. In den Ländern, in denen die Stare überwintern, werden die Schwärme dagegen bis in den Winter hinein größer. In Großbritannien wurden sie in der Untersuchung von Oktober bis Anfang Februar immer größer und danach wieder kleiner. Ab Ende Februar kommen die Stare zu uns zurück. Sie gehören zu den ersten Zugvögeln, die im Frühjahr wieder da sind.
Wo schlafen Stare?
Stare schlafen am liebsten in großen Schilfgebieten an Seen und Flüssen, außerdem in Baumgruppen und in den Bäumen von Städten.
Schilf ist eine Pflanze, die mehrere Meter hoch wird und dicht im flachen Wasser am Ufer steht. In diesem Dickicht finden die Stare in der Nacht Schutz. Weil es nicht überall große Schilfgebiete gibt, fliegen die Stare oft viele Kilometer weit, um einen sicheren Schlafplatz zu erreichen. Einen guten Schlafplatz erkennt man schon von Weitem am lauten Zwitschern der Vögel. Nach der Landung streiten sich die Stare nämlich noch lange um die besten Plätze. Im Schwarm ahmen sie dabei auch die Stimmen anderer Vögel nach.
In Städten wie Rom schlafen die Stare in den großen Bäumen an Straßen und Plätzen. Das bringt Ärger mit sich, weil der Kot der vielen Tausend Vögel Gehwege, Bänke und Autos verschmutzt. Viele Städte versuchen deshalb, die Stare von bestimmten Bäumen zu vertreiben.
Wo ein Schwarm schläft, kann sich auch ändern, denn Stare wechseln ihre Schlafplätze immer wieder.
Am Schlafplatz zeigen die Stare jeden Abend ihre Formationen. Doch wie schaffen es Tausende Vögel, sich gleichzeitig zu bewegen?
Wie entstehen die Formationen am Himmel?
Die Formationen entstehen, weil jeder Star auf seine nächsten Nachbarn achtet und ihre Bewegungen sofort mitmacht.
Ein Star kann nicht den ganzen Schwarm überblicken, sondern immer nur die Vögel in seiner Nähe. Ändert einer dieser Nachbarn seine Richtung, dreht der Star mit. Dadurch dreht wiederum dessen Nachbar mit, und so geht es weiter durch den ganzen Schwarm. Aus vielen kleinen Entscheidungen der einzelnen Stare entsteht so eine Bewegung, die aussieht, als hätte sie jemand für den ganzen Schwarm geplant. Fachleute nennen das Selbstorganisation. Das bedeutet, dass eine Ordnung in einer Gruppe entsteht, ohne dass jemand sie vorgibt.
Gibt es einen Anführer im Starenschwarm?
Nein, ein Starenschwarm hat keinen Anführer, der die Richtung bestimmt.
Bei Gänsen und Kranichen, die in V-Form fliegen, fliegt immer ein Vogel an der Spitze, und die anderen folgen ihm. Dort wechseln sich die Vögel ab. Warum Zugvögel in V-Form fliegen, erklärt der Artikel Zugvögel: Warum fliegen Vögel im Herbst in den Süden? Bei Staren ist das anders. In ihrem Schwarm gibt es keine feste Spitze und keinen Vogel, der vorausfliegt. Jeder Star kann eine Wende auslösen, ganz egal, wo im Schwarm er fliegt. Weil die anderen Stare nur auf ihre Nachbarn achten, folgen sie ihm, ohne zu wissen, wer die Bewegung angefangen hat.
Auf wie viele Nachbarn achtet ein Star?
Ein Star achtet im Durchschnitt auf seine sechs bis sieben nächsten Nachbarn.
Das hat eine Forschungsgruppe in Rom herausgefunden. Im Winter 2005/2006 stellten die Forschenden mehrere Kameras auf das Dach eines Museums, das 30 Meter hoch gegenüber von Schlafbäumen der Stare liegt. Zwei Kameras standen 25 Meter auseinander und machten gleichzeitig zehn Fotos pro Sekunde. Weil jede Kamera den Schwarm aus einem etwas anderen Blickwinkel sah, konnte ein Computer für jeden Star berechnen, wo genau er sich im Raum befand. So bestimmten die Forschenden die Lage von bis zu 2.600 Staren in einem Schwarm.
Dabei fanden sie heraus, dass sich ein Star nicht nach allen Vögeln richtet, die in einem bestimmten Abstand um ihn herum fliegen. Er richtet sich nach einer festen Anzahl von Nachbarn, im Durchschnitt 6,5. Das gilt in einem dichten Schwarm genauso wie in einem lockeren. In einem dichten Schwarm sind diese sechs bis sieben Nachbarn vielleicht einen Meter entfernt, in einem lockeren Schwarm bis zu fünf Meter. Das hat einen Vorteil. Auch wenn sich der Schwarm stark auseinanderzieht, verliert kein Star den Kontakt zu den anderen. Deshalb bleibt ein Starenschwarm zusammen, obwohl er ständig seine Form ändert.
Warum achtet ein Star gerade auf sechs bis sieben Nachbarn?
Sechs bis sieben Nachbarn sind die Zahl, bei der ein Schwarm mit dem geringsten Aufwand am besten zusammenhält.
Das haben Forschende aus den USA und Italien mit Computerberechnungen herausgefunden. Dafür haben sie die Messungen aus Rom genutzt. Achtet ein Star auf weniger Nachbarn, reißt der Zusammenhalt im Schwarm leichter ab. Achtet er auf mehr Nachbarn, muss er viel mehr Vögel gleichzeitig beobachten, aber der Schwarm wird kaum stabiler. Bei sechs bis sieben Nachbarn ist der Schwarm schon sehr stabil, und jeder Star muss trotzdem nur wenige Vögel im Blick behalten. In flachen Schwärmen lag die beste Zahl etwas höher als in dicken Schwärmen, im Durchschnitt aber immer bei sechs bis sieben.
Welche Regeln braucht ein Schwarm?
Ein Schwarm braucht nur drei einfache Regeln, nämlich Abstand halten, in dieselbe Richtung fliegen wie die Nachbarn und bei der Gruppe bleiben.
Diese drei Regeln hat der amerikanische Computerfachmann Craig Reynolds im Jahr 1986 aufgeschrieben. Er wollte einen Vogelschwarm im Computer nachbauen. Seine künstlichen Vögel nannte er Boids (ausgesprochen „BEUDS“). Jeder Boid folgte nur drei Regeln:
- Trennung: Komm deinen Nachbarn nicht zu nahe, damit ihr nicht zusammenstoßt.
- Ausrichtung: Fliege in dieselbe Richtung wie deine Nachbarn.
- Zusammenhalt: Bleib in der Nähe deiner Nachbarn und fliege nicht von der Gruppe weg.
Obwohl keiner der künstlichen Vögel wusste, wohin der ganze Schwarm fliegt, bewegten sich die Boids auf dem Bildschirm wie ein echter Vogelschwarm. Das zeigt, dass für die Formationen am Himmel kein Plan nötig ist. Es reicht, wenn jeder Vogel einfache Regeln befolgt. Mit dieser Methode wurden später auch Fledermausschwärme und Pinguingruppen für Kinofilme am Computer erzeugt, zum Beispiel 1992 für den Film „Batman Returns“.
Warum stoßen Stare im Schwarm nicht zusammen?
Stare stoßen im Schwarm nicht zusammen, weil sie Abstand zu ihren Nachbarn halten und sehr schnell reagieren.
In den Schwärmen in Rom betrug der Abstand zwischen einem Star und seinem nächsten Nachbarn im Durchschnitt zwischen 68 Zentimetern im dichtesten und 1,51 Metern im lockersten Schwarm. Die Stare fliegen dabei im Durchschnitt etwa 10,6 Meter pro Sekunde, das sind rund 38 Kilometer pro Stunde. Fachleute rechnen damit, dass ein Star nur ungefähr acht Hundertstelsekunden braucht, um auf die Bewegung seines Nachbarn zu reagieren. In dieser Zeit fliegt er weniger als einen Meter weit. Deshalb kann er rechtzeitig ausweichen, wenn ein Nachbar plötzlich die Richtung ändert. Vögel nehmen schnelle Bewegungen außerdem viel besser wahr als wir Menschen, wie der Artikel Wie sehen Vögel? erklärt.
Bei den Messungen in Rom fiel den Forschenden noch etwas auf. Die nächsten Nachbarn eines Stars fliegen meistens neben ihm, über ihm oder unter ihm, aber selten direkt vor oder hinter ihm. Die Forschenden vermuten, dass das an den Augen der Stare liegt. Stare haben ihre Augen an den Seiten des Kopfes. Deshalb sehen sie Vögel neben sich besonders gut.

Warum wirkt der Schwarm mal dunkel und mal hell?
Der Schwarm wirkt mal dunkel und mal hell, weil die Stare an manchen Stellen enger und an anderen lockerer fliegen.
Forschende aus England haben gemessen, wie viel Himmel man durch einen Starenschwarm hindurch noch sehen kann. Je nach Schwarm bedeckten die Vögel von außen gesehen etwa ein Viertel bis drei Fünftel der Fläche des Schwarms. Ein Starenschwarm ist also nie ganz dicht. Die Forschenden vermuten, dass die Stare selbst auf dieses Muster aus dunklen Vögeln und hellem Himmel achten und danach ihren Abstand zu den anderen einstellen. So bleibt der Schwarm dicht genug, um zusammenzuhalten, und jeder Star kann trotzdem nach draußen sehen und einen Feind bemerken.

Dass jeder Star nur auf seine Nachbarn achtet, reicht trotzdem aus, damit der ganze Schwarm gemeinsam reagiert. Das sieht man besonders gut, wenn ein Falke angreift.
Was passiert im Schwarm, wenn ein Falke angreift?
Wenn ein Falke angreift, weichen die Stare in seiner Nähe aus, und diese Bewegung läuft in Bruchteilen einer Sekunde durch den ganzen Schwarm.
Die Forschungsgruppe in Rom hat auch gemessen, wie weit eine Bewegung im Schwarm reicht. Dafür hat sie in 24 Schwärmen mit 122 bis 4.268 Vögeln untersucht, wie stark die Flugrichtung eines Stars mit der Flugrichtung von weiter entfernten Staren zusammenhängt. Das Ergebnis war, dass die Bewegung eines Stars nicht nur seine Nachbarn beeinflusst, sondern den ganzen Schwarm. Das war bei kleinen Schwärmen genauso wie bei großen Schwärmen, die über 80 Meter lang waren. Eine spätere Untersuchung zeigte, dass eine Wende auf ihrem Weg durch den Schwarm nicht schwächer wird. Deshalb dreht auch der Star am anderen Ende des Schwarms mit, obwohl er den Falken gar nicht sehen kann.
Warum laufen dunkle Wellen durch den Schwarm?
Die dunklen Wellen entstehen, weil die Stare sich bei der Flucht kurz zur Seite kippen und man dann vom Boden aus die ganze Fläche ihrer Flügel sieht.
Bei einem Angriff sieht man oft einen dunklen Streifen, der durch den Schwarm läuft. Fachleute nennen das eine Erregungswelle. Lange war unklar, wie diese Welle entsteht. Forschende aus den Niederlanden haben das mit einem Computermodell untersucht. Sie fanden heraus, dass die Stare dafür nicht enger zusammenrücken. Stattdessen kippt jeder Star kurz zur Seite und dann wieder zurück, wenn er sieht, dass sein Nachbar das tut. Wer vom Boden aus zuschaut, sieht in diesem Moment die ganze Fläche der Flügel. Diese große dunkle Fläche wandert dann als Streifen durch den Schwarm, immer vom Falken weg.
In den Schwärmen in Rom liefen diese Wellen im Durchschnitt 13,4 Meter pro Sekunde schnell durch den Schwarm. Das sind etwa 48 Kilometer pro Stunde. Die Welle ist also schneller als die Stare selbst und ungefähr so schnell wie der Falke, der mit 11 bis 15 Metern pro Sekunde auf den Schwarm zuflog.
Welche Formen zeigt ein Schwarm bei einem Angriff?
Bei einem Angriff zeigt ein Starenschwarm verschiedene Fluchtformen, je nachdem wie schnell und von wo der Falke angreift.
Forschende aus den Niederlanden und Italien haben dafür in Rom Videos von 182 Jagden von Wanderfalken auf Starenschwärme ausgewertet. Sie haben die Bewegungen des Schwarms in verschiedene Formen eingeteilt:
- Welle: Die Erregungswelle läuft als dunkler Streifen durch den Schwarm. Sie kam am häufigsten vor, wenn der Falke mit mittlerer Geschwindigkeit angriff.
- Verdunkeln: Der ganze Schwarm oder ein Teil davon wird plötzlich dunkler.
- Blitzartiges Ausweichen: Die Stare fliegen plötzlich in alle Richtungen vom Falken weg. Das geschah vor allem, wenn der Falke sehr schnell und von oben angriff.
- Loch: Mitten im Schwarm entsteht für kurze Zeit ein leerer Raum, um den die Stare herumfliegen.
- Schnur: Zwei große Teile des Schwarms sind nur noch durch eine dünne Reihe von Vögeln verbunden.
- Teilung: Der Schwarm teilt sich in mehrere kleinere Schwärme. Später fließen sie oft wieder zu einem Schwarm zusammen.
Je öfter der Falke angriff, desto häufiger wechselten die Formen. Welche Form als Nächstes kam, hing auch davon ab, was der Schwarm kurz vorher gemacht hatte.
Was haben Forschende 2026 mit einem Roboterfalken herausgefunden?
Mit einem ferngesteuerten Roboterfalken haben Forschende 2026 gezeigt, dass in einem Schwarm mehrere Fluchtformen gleichzeitig auftreten können.
Weil niemand weiß, wann ein echter Falke angreift, ist es schwer, solche Angriffe zu filmen. Forschende der Universität Groningen in den Niederlanden haben deshalb einen RobotFalcon (ausgesprochen „ROH-bott-FALL-ken“) gebaut. Das ist ein ferngesteuertes Fluggerät, das so aussieht und so groß ist wie ein Wanderfalke. Ein Pilot steuert ihn über eine Kamera auf dem Rücken. Die Stare reagieren auf den Roboterfalken genauso wie auf einen echten Falken.
Mit ihm haben die Forschenden 19 Starenschwärme über Feldern im Norden der Niederlande verfolgt. Ihre Ergebnisse wurden im Mai 2026 veröffentlicht. Sie zeigen, dass die Stare in einem Schwarm oft unterschiedlich ausweichen. Manche drehen zur Seite ab, andere tauchen nach unten weg oder machen beides gleichzeitig. Deshalb bildet ein Teil des Schwarms zum Beispiel eine Schnur, während sich ein anderer Teil abspaltet. Mit einem Computermodell fanden sie heraus, wovon das abhängt. Es kommt darauf an, welche Stare als Erste flüchten, wie schnell sich die Flucht im Schwarm ausbreitet, wo die Stare im Verhältnis zum Falken fliegen und was der Schwarm kurz vorher gemacht hat.
Solche Schwärme kann man nicht nur in Rom und in den Niederlanden beobachten, sondern an vielen Orten in Europa.
Wo kann man große Starenschwärme sehen?
Große Starenschwärme kann man überall dort sehen, wo es große Schlafplätze gibt, zum Beispiel an Seen mit viel Schilf, und in Städten wie Rom.
In Deutschland sieht man Starenschwärme im Spätsommer und Herbst in vielen Gegenden. Besonders gute Orte sind Seen und Flussufer mit großen Schilfflächen. Aber auch über Feldern, Wiesen und Weinbergen sammeln sich Stare, bevor sie zu ihrem Schlafplatz fliegen. Weil die Stare ihre Schlafplätze wechseln, gibt es keinen Ort, an dem man sie jedes Jahr sicher sieht. Wer einen Schwarm entdeckt, kann aber an den nächsten Abenden zur gleichen Zeit wiederkommen, denn oft bleiben die Stare einige Tage oder Wochen am selben Schlafplatz.
Was ist die Schwarze Sonne?
Die Schwarze Sonne ist der Name für die riesigen Starenschwärme in der Tøndermarsken (ausgesprochen „TÖN-er-mar-sken“) in Dänemark, kurz hinter der deutschen Grenze.
Auf Dänisch heißt sie Sort Sol (ausgesprochen „SORT SOHL“). Die Tøndermarsken ist eine flache, feuchte Landschaft in der Nähe des Wattenmeers an der Nordsee. Im Frühjahr und vom Spätsommer bis in den Herbst rasten dort sehr viele Stare auf ihrem Zug. Kurz vor Sonnenuntergang fliegen Hunderttausende Vögel über den Himmel. Wenn die Schwärme so dicht werden, dass sie die tief stehende Sonne fast verdecken, sieht es aus, als würde die Sonne schwarz. Daher kommt der Name. Auch auf der deutschen Seite der Grenze, zum Beispiel bei Aventoft in Nordfriesland, kann man die Schwärme beobachten.

In den letzten Jahren waren die Schwärme dort allerdings kleiner als früher. Das hat einen Grund, der alle Starenschwärme betrifft.
Werden die Starenschwärme kleiner?
Ja, in vielen Gegenden sind die Starenschwärme kleiner geworden, weil es heute weniger Stare gibt als früher.
In Deutschland brüten jedes Jahr etwa 3 bis 4,5 Millionen Starenpaare. Vor rund 20 Jahren waren es noch etwa eine Million Paare mehr. Deshalb steht der Star auf der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands in der Gruppe „gefährdet“. Die Rote Liste ist ein Verzeichnis, in dem Fachleute festhalten, welche Tiere und Pflanzen seltener werden und Schutz brauchen. Auch in Dänemark hat sich die Zahl der Stare in zehn Jahren ungefähr halbiert, und die Schwarze Sonne ist dadurch weniger dunkel geworden.
Der wichtigste Grund ist, dass die Stare weniger Futter und weniger Brutplätze finden. Sie brauchen Wiesen und Weiden mit kurzem Gras für die Futtersuche und alte Bäume mit Höhlen für ihre Nester. Beides gibt es in vielen Gegenden immer seltener. Weniger Junge bedeuten im Herbst auch kleinere Schwärme.
Zum Weiterdenken
- Ein Star achtet nur auf sechs bis sieben Nachbarn und weiß nicht, wohin der ganze Schwarm fliegt. Kennst du Situationen, in denen sich Menschen in einer großen Gruppe ähnlich verhalten, zum Beispiel beim Laufen in einer vollen Fußgängerzone?
- Der Schwarm schützt die Stare vor dem Falken, aber ein großer Schwarm ist auch von Weitem gut zu sehen. Was glaubst du, überwiegt für die Stare der Vorteil oder der Nachteil?
- Warum ist es für Forschende so schwierig, einen Starenschwarm genau zu untersuchen, und warum helfen dabei mehrere Kameras oder ein Roboterfalke?
Jetzt selbst ausprobieren
Werde Starenschwarm-Beobachter. Suche dir an einem klaren Abend im Herbst einen Platz mit freiem Blick, am besten in der Nähe von Schilf, Feldern oder großen Bäumen. Halte etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang Ausschau und hör auf das laute Zwitschern der Stare. Notiere in einem kleinen Heft das Datum, die Uhrzeit, den Ort und wie viele Vögel es ungefähr sind. Wenn du die Stare nicht zählen kannst, reicht eine Schätzung wie „Hunderte“ oder „Tausende“. Zeichne auch ab, welche Formen der Schwarm bildet. Deine Beobachtung kannst du danach gemeinsam mit deinen Eltern im Meldeportal von NABU-naturgucker eintragen: nabu-naturgucker.de/meldeportal. So erfahren Fachleute, wo die Stare unterwegs sind.
Quellen: Ballerini u. a.: Interaction ruling animal collective behavior depends on topological rather than metric distance, PNAS 2008, Cavagna u. a.: Scale-free correlations in starling flocks, PNAS 2010, Goodenough u. a.: Birds of a feather flock together, PLOS ONE 2017, Zoratto u. a.: Aerial hunting behaviour and predation success by peregrine falcons on starling flocks, Journal of Avian Biology 2010, Hemelrijk u. a.: What underlies waves of agitation in starling flocks, Behavioral Ecology and Sociobiology 2015, Storms u. a.: Complex patterns of collective escape in starling flocks under predation, Behavioral Ecology and Sociobiology 2019, Papadopoulou u. a.: A mechanistic understanding of collective escape in starling flocks, Communications Biology 2026, Pearce u. a.: Role of projection in the control of bird flocks, PNAS 2014, Young u. a.: Starling flock networks manage uncertainty in consensus at low cost, PLOS Computational Biology 2013, Craig Reynolds: Boids, LBV: Naturschauspiel Starenschwärme, LBV: Stare beobachten, NABU Leipzig: Der Star unter den Vögeln, NABU Schleswig-Holstein: Der Star, Vogel des Jahres 2018, Bayerisches Landesamt für Umwelt: Steckbrief Star, VisitSønderjylland: Sort Sol

