Zum Inhalt springen
Neugier kennt kein Alter. Wissen für Kinder & Erwachsene.
Wissen entdecken / Weiterlesen

Agios Vasilis: Wer bringt in Griechenland die Geschenke?

Runder brauner Kuchen mit Mandeln auf einem weißen Teller

Die kurze Antwort

In Griechenland bringt Agios Vasilis (ausgesprochen „A-jos wa-SI-lis“) die Geschenke, auf Deutsch der heilige Basilius. Er kommt nicht an Weihnachten, sondern in der Silvesternacht, und die Kinder finden ihre Geschenke am Morgen des 1. Januar. An diesem Tag feiert die griechische Kirche sein Fest. Basilius lebte vor über 1.600 Jahren und war Bischof in der Stadt Caesarea in der heutigen Türkei. Er war bekannt dafür, dass er armen Menschen half. Nach ihm ist der Neujahrskuchen Vasilopita benannt, in dem eine Münze versteckt ist. Als Geschenkebringer gibt es Agios Vasilis erst seit ungefähr 70 Jahren. Heute sieht er meistens aus wie der Weihnachtsmann, und in vielen Familien kommt er schon an Weihnachten.

Runder brauner Kuchen mit Mandeln auf einem weißen Teller
Eine Vasilopita, der Neujahrskuchen, der nach Agios Vasilis benannt ist. Foto: Alexander Baxevanis, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Es ist kurz vor Mitternacht am 31. Dezember in Athen. Die ganze Familie sitzt um den Tisch. In der Mitte steht ein runder Kuchen mit Puderzucker, auf dem mit Mandeln die neue Jahreszahl geschrieben ist. Als die Uhr zwölf schlägt, nimmt der Vater ein Messer, zeichnet damit ein Kreuz über den Kuchen und schneidet ihn an. Das erste Stück ist für Christus, das zweite für den heiligen Basilius. Am nächsten Morgen finden die Kinder neben ihren Betten Geschenke. Gebracht hat sie Agios Vasilis. Doch wer war dieser Basilius? Und warum kommt er erst an Neujahr?

Welche Gabenbringer es in anderen Ländern gibt, zeigt unser Überblick Christkind oder Weihnachtsmann: Wer bringt in welchem Land die Geschenke?.

Wer ist Agios Vasilis?

Agios Vasilis ist der Gabenbringer der Kinder in Griechenland und auf der Insel Zypern. „Agios“ ist das griechische Wort für „heilig“, und Vasilis ist die griechische Form des Namens Basilius. Oft sagen die Griechen auch kurz „Ai-Vasilis“ (ausgesprochen „ai-wa-SI-lis“). Gemeint ist ein Heiliger, der wirklich gelebt hat, der Bischof Basilius von Caesarea.

Agios Vasilis kommt in der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar zu den Kindern und bringt ihnen Geschenke. Nach der Vorstellung der Kinder reist er aus Caesarea an, der Stadt, in der er Bischof war. Das erzählt auch ein Lied, das die Kinder an Silvester singen. Heute nennen die Griechen außerdem den Weihnachtsmann mit rotem Mantel Agios Vasilis. In Griechenland sind der Heilige und der Weihnachtsmann deshalb ein und dieselbe Figur.

Wer war der heilige Basilius?

Der heilige Basilius war ein Bischof, der im 4. Jahrhundert nach Christus in Kleinasien lebte. Kleinasien ist der große Teil der heutigen Türkei, der in Asien liegt. Basilius wurde um das Jahr 330 in der Landschaft Kappadokien in der Mitte der heutigen Türkei geboren. Seine Familie war reich und sehr fromm. Ein Onkel war Bischof, und zwei seiner Brüder wurden später ebenfalls Bischöfe. Basilius studierte in Caesarea, in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, und in Athen. Danach lebte er eine Zeit lang als Mönch, also als Mann, der sein Leben ganz dem Glauben widmet und auf eigenen Besitz verzichtet. Er schrieb Regeln dafür, wie Mönche in einem Kloster zusammenleben sollen. Diese Regeln gelten in vielen Klöstern der orthodoxen Kirche bis heute.

Wie half Basilius in der Hungersnot?

In den Jahren 367 und 368 regnete es in Kappadokien sehr lange nicht. Die Ernte vertrocknete, und es kam eine schlimme Hungersnot. Viele Menschen hatten nichts mehr zu essen. Basilius verkaufte das Erbe, das er von seiner Familie bekommen hatte, und verteilte Essen an die Armen. Nach den Berichten seiner Zeit rettete er so vielen Menschen das Leben.

Im Jahr 370 wurde Basilius Bischof der Stadt Caesarea (ausgesprochen „tsä-sa-RE-a“). Heute heißt die Stadt Kayseri (ausgesprochen „KAI-se-ri“). Vor der Stadt ließ er eine große Anlage bauen, die man nach ihm Basilias nannte. Dort wurden Kranke gepflegt, Waisenkinder und arme Menschen versorgt und Reisende aufgenommen. Es gab auch Werkstätten, in denen Arme ein Handwerk lernen konnten. Die Basilias war eines der ersten Krankenhäuser für arme Menschen. Basilius starb Anfang Januar 379. Weil er so viel für die Kirche und für die Armen getan hat, nennt man ihn Basilius den Großen.

Warum bringt Agios Vasilis die Geschenke an Neujahr?

Agios Vasilis bringt die Geschenke an Neujahr, weil der 1. Januar sein Gedenktag ist. Ein Gedenktag ist der Tag im Jahr, an dem die Kirche an einen Heiligen erinnert. Meistens ist das sein Todestag. Nach der Überlieferung starb Basilius am 1. Januar, und deshalb feiert die griechische Kirche an diesem Tag sein Fest. So fallen in Griechenland der Neujahrstag und der Tag des heiligen Basilius zusammen.

Die meisten Griechen gehören zur griechisch-orthodoxen Kirche. Das ist eine christliche Kirche, die sich vor fast 1.000 Jahren von der katholischen Kirche getrennt hat. In dieser Kirche ist Basilius einer der wichtigsten Heiligen. Weil er zu Lebzeiten armen Menschen Essen, Geld und Kleidung gab, sehen die Griechen in ihm einen Menschen, der gern schenkt. Darum passt es für sie, dass gerade er an seinem Festtag den Kindern Geschenke bringt.

Seit wann bringt Agios Vasilis Geschenke?

Agios Vasilis bringt erst seit ungefähr 70 Jahren Geschenke. Geschenke zu Neujahr gab es in Griechenland aber schon viel länger. Schon die alten Römer schenkten sich am ersten Tag des Jahres gegenseitig etwas. Diesen Tag nannten sie Kalenden. Die Christen behielten den Brauch bei, obwohl die Kirche ihn anfangs nicht gern sah. In Griechenland bekamen Kinder und Erwachsene deshalb über viele Jahrhunderte am 1. Januar kleine Geschenke. Wer sie brachte, spielte dabei keine Rolle. Es gab keinen Gabenbringer, die Familie schenkte sich einfach etwas.

Das änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, der 1945 endete. Damals kamen viele Amerikaner nach Griechenland, und viele Griechen, die nach Amerika ausgewandert waren, kehrten zurück. Sie brachten den Weihnachtsbaum und den amerikanischen Weihnachtsmann mit. Die Griechen übernahmen diesen Mann mit dem roten Mantel, gaben ihm aber den Namen des Heiligen, an dessen Tag sie ohnehin Geschenke bekamen. So wurde aus dem Weihnachtsmann Agios Vasilis. Ein griechischer Forscher schrieb im Jahr 1976, dass es vor 1955 kein einziges Bild gibt, auf dem Agios Vasilis als Geschenkebringer zu sehen ist.

Wie sieht Agios Vasilis aus?

Agios Vasilis sieht heute fast immer aus wie der Weihnachtsmann, mit rotem Mantel, weißem Bart und dickem Bauch. Er kam ja in dieser Gestalt aus Amerika nach Griechenland. Woher dieses Aussehen stammt, erklärt unser Artikel Weihnachtsmann: Woher kommt er und wo wohnt er?.

Der echte Basilius sah ganz anders aus. Auf den alten Bildern in den griechischen Kirchen, den Ikonen, ist er ein großer, schlanker Mann mit einem langen, dunklen, spitzen Bart und einem schmalen Gesicht. Ikonen sind gemalte Bilder von Heiligen, die in der orthodoxen Kirche sehr wichtig sind. Basilius trägt darauf die Kleidung eines Bischofs mit einem breiten weißen Band voller schwarzer Kreuze über den Schultern. In der Hand hält er ein Buch, weil er viele Schriften verfasst hat. In den griechischen Kirchen hängen diese Bilder bis heute. Viele Kinder kennen deshalb beide Gestalten, den dünnen Heiligen auf der Ikone und den dicken Mann mit dem roten Mantel.

Was singen die Kinder über Agios Vasilis?

Die Kinder singen über Agios Vasilis in den Kalanda (ausgesprochen „KA-lan-da“) zum neuen Jahr. So heißen die Lieder, mit denen griechische Kinder in der Festzeit von Haus zu Haus ziehen. Das Wort kommt von den römischen Kalenden. Am Morgen des 31. Dezember klingeln die Kinder an den Türen und fragen „Na ta poume?“ (ausgesprochen „na ta PU-me“), das heißt „Sollen wir sie singen?“. Dabei schlagen sie einen kleinen Triangel, ein Musikinstrument aus einem gebogenen Metallstab. Wenn sie fertig sind, bekommen sie ein wenig Geld oder Süßigkeiten.

Das Neujahrslied beginnt mit den Worten „Archiminia ki archichronia“ (ausgesprochen „ar-chi-mi-NJA ki ar-chi-chro-NJA“), „Anfang des Monats und Anfang des Jahres“. Dann heißt es, dass Agios Vasilis aus Caesarea kommt. Er trägt ein Bild und Papier bei sich und dazu ein Tintenfass mit einer Schreibfeder. Die Leute fragen ihn, woher er kommt. Er antwortet, dass er von seiner Mutter kommt und zur Schule geht. Da bitten sie ihn, ihnen das Alphabet aufzusagen. Er stützt sich auf seinen trockenen Wanderstab, und während er spricht, wachsen aus dem Holz grüne Zweige mit Blättern. Auf den Zweigen sitzen Rebhühner und singen. Am Ende wünschen die Kinder der Familie Gesundheit und ein langes Leben.

Das Lied ist sehr alt, viel älter als der Geschenkebringer. In dem Lied ist Agios Vasilis kein Bischof, sondern ein junger Schüler, der lesen und schreiben lernt. Das Wunder mit dem Stab zeigt, dass mit ihm das Glück ins Haus kommt.

Wie geht die Sage von der Vasilopita?

Die Sage erzählt, dass Basilius mit Broten den Menschen in Caesarea ihren Schmuck zurückgab. Eines Tages wollte ein mächtiger Herrscher der Stadt hohe Steuern abverlangen. Die Menschen in Caesarea hatten große Angst. Basilius riet ihnen, alles Wertvolle zu sammeln, was sie besaßen, Goldmünzen, Ringe und Ketten. Damit wollte er den Herrscher bewegen, die Stadt zu verschonen. Basilius sprach mit dem Mann, und der zog ab, ohne die Schätze zu nehmen. In manchen Fassungen der Sage zieht er nach einem Wunder ab, in anderen nach einem Gespräch mit Basilius.

Nun hatte Basilius ein Problem. Er wusste nicht, welches Schmuckstück welcher Familie gehörte. Da ließ er viele kleine Brote backen und in jedes Brot ein Stück des Schatzes stecken. Dann verteilte er die Brote an die Familien. Jede Familie fand in ihrem Brot genau das, was ihr gehörte. Zur Erinnerung daran backen die Griechen bis heute an Neujahr die Vasilopita (ausgesprochen „wa-si-LO-pi-ta“), den „Basiliuskuchen“, mit einer versteckten Münze.

Was hat die Vasilopita mit Agios Vasilis zu tun?

Die Vasilopita ist nach Agios Vasilis benannt und wird an seinem Festtag angeschnitten. Fachleute vermuten aber, dass der Kuchen älter ist als die Verbindung mit dem Heiligen. Schon die Römer backten zum neuen Jahr einen Kuchen, in dem eine Bohne oder eine Münze steckte. Wer sie fand, war für einen Tag der König des Festes. Der Name Basilius kommt vom griechischen Wort Basileus (ausgesprochen „ba-si-LEUS“), das „König“ bedeutet. Aus dem Kuchen des Festkönigs wurde so der Kuchen des heiligen Basilius.

Die Vasilopita ist ein runder Kuchen oder ein süßes Brot, das oft nach Orange und Vanille schmeckt und mit Puderzucker bestreut ist. Vor dem Backen versteckt man im Teig eine Münze. Sie heißt Flouri (ausgesprochen „flu-RI“). Der Name kommt vom Florin, einer berühmten Goldmünze aus dem Mittelalter.

Um Mitternacht oder am Neujahrstag macht der Vater oder die Mutter mit dem Messer dreimal das Kreuzzeichen über dem Kuchen. Dann werden die Stücke in einer festen Reihenfolge verteilt. Das erste Stück ist für Christus, das zweite für den heiligen Basilius. Oft folgt ein Stück für das Haus und manchmal eines für die Armen. Danach bekommt jeder am Tisch ein Stück, vom Ältesten bis zum Jüngsten. Wer die Münze findet, soll im neuen Jahr Glück haben. Steckt die Münze im Stück für Christus oder für den heiligen Basilius, spenden viele Familien etwas für arme Menschen, so wie Basilius es getan hat.

Wie kommen die Geschenke zu den Kindern?

Die Geschenke kommen in der Silvesternacht, während die Kinder schlafen. Am Morgen des 1. Januar liegen sie unter dem Weihnachtsbaum oder neben dem Bett. Wie die Kinder in anderen Ländern schreiben auch griechische Kinder vorher einen Brief, in dem sie Agios Vasilis ihre Wünsche erzählen.

In vielen griechischen Familien kommt Agios Vasilis heute aber schon an Heiligabend oder am Weihnachtsmorgen, so wie der Weihnachtsmann in anderen Ländern. Manche Kinder bekommen dann am 1. Januar zusätzlich noch ein kleines Geschenk. In anderen Familien bleibt es bei der alten Regel, und die Geschenke kommen nur an Neujahr. Oft bekommen die Kinder an Neujahr außerdem von den Großeltern, Paten und Verwandten Geld geschenkt.

Gibt es Agios Vasilis wirklich?

Den heiligen Basilius hat es wirklich gegeben. Er lebte im 4. Jahrhundert, war Bischof von Caesarea und half vielen armen Menschen. Den Agios Vasilis, der in der Silvesternacht aus Caesarea anreist und den Kindern Geschenke bringt, gibt es aber nicht wirklich. Er ist eine Figur aus Liedern und Bräuchen, und die Geschenke legen die Eltern hin. Die Erinnerung an den echten Basilius bleibt trotzdem lebendig, zum Beispiel wenn eine Familie etwas spendet, weil die Münze im Stück des Heiligen steckt.

Zum Weiterdenken

Die Griechen haben den Weihnachtsmann aus Amerika übernommen, ihm aber den Namen eines Heiligen gegeben, der vor über 1.600 Jahren armen Menschen geholfen hat. Warum ist es Menschen wohl wichtig, dass eine fremde Figur zu ihren eigenen Bräuchen passt? Und was würdest du in das Stück für die Armen legen, wenn es bei euch eine Vasilopita gäbe?

Jetzt selbst ausprobieren

Back mit deinen Eltern für die Silvesternacht eine eigene Vasilopita mit versteckter Münze. Wie das geht, steht im Rezept Vasilopita backen. In Griechenland steht bis zum 6. Januar außerdem oft ein geschmücktes Schiffchen im Haus, das Karavaki (ausgesprochen „ka-ra-WA-ki“). Wie du es aus einem Milchkarton baust, zeigt die Anleitung Karavaki basteln.

Quellen: World History Encyclopedia: Basilius der Große, Greek News Agenda: Nikolaus und Basilius, Pemptousia: Die drei Hierarchen, The Athenian: The Enigma of Santa Claus – Saint Basil (1976), Greek News Agenda: Vasilopita, Visit Greece: Vasilopita, Griechisches Bildungsministerium: Kalanda zu Neujahr, This is Athens: Weihnachten in Athen

Noch nicht genug entdeckt?

Manche Antworten führen direkt zur nächsten Frage. Stöbere weiter durch unsere Themenwelten.

Alle Themen