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Caga Tió: Warum bringt in Katalonien ein Holzklotz die Geschenke?

Holzklotz mit gemaltem Gesicht, roter Mütze und rotem Tuch auf zwei Beinen aus Ästen

Die kurze Antwort

Der Caga Tió (ausgesprochen „KA-ga ti-O“) ist ein Holzklotz mit Gesicht, Beinen und roter Mütze, der in Katalonien im Nordosten Spaniens den Kindern Süßigkeiten und kleine Geschenke bringt. Sein richtiger Name ist Tió de Nadal (ausgesprochen „ti-O de na-DAL“), das bedeutet „Weihnachtsklotz“. Ab dem 8. Dezember füttern die Kinder ihn jeden Abend und decken ihn mit einer Decke zu, damit er nicht friert. An Heiligabend oder am ersten Weihnachtstag schlagen sie mit Stöcken auf ihn und singen ein Lied, in dem sie ihn auffordern, Geschenke zu „kacken“. Danach liegen unter seiner Decke Süßigkeiten wie Torró, eine Art Nougat. Der Brauch geht auf einen alten Holzklotz zurück, der früher in der Weihnachtszeit im Kamin brannte und das Haus wärmte.

Holzklotz mit gemaltem Gesicht, roter Mütze und rotem Tuch auf zwei Beinen aus Ästen
Ein Tió de Nadal mit gemaltem Gesicht, roter Barretina und Decke. Foto: Juan Emilio Prades Bel, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

In einer Wohnung in Barcelona liegt am Abend des 24. Dezember ein Holzklotz unter einer Wolldecke. Er hat zwei Beine aus Ästen, ein gemaltes lächelndes Gesicht und eine rote Mütze. Die Kinder holen Holzstöcke, stellen sich um ihn herum und fangen an, im Takt auf ihn zu klopfen. Dabei singen sie laut ein Lied. Dann heben sie die Decke hoch, und darunter liegen Süßigkeiten. Für Kinder in anderen Ländern klingt das sehr seltsam, denn in dem Lied geht es ums Kacken. In Katalonien kennt jedes Kind diesen Brauch. Woher kommt dieser seltsame Klotz? Und warum dürfen die Kinder auf ihn einschlagen?

Welche anderen Gabenbringer es auf der Welt gibt, zeigt unser Überblick Christkind oder Weihnachtsmann: Wer bringt in welchem Land die Geschenke?.

Was ist der Caga Tió?

Der Caga Tió ist ein Holzklotz aus der katalanischen Weihnachtstradition, der nach dem Brauch lebendig ist und Geschenke bringt. Katalonien ist eine Region im Nordosten Spaniens mit der Hauptstadt Barcelona. Die Menschen dort sprechen neben Spanisch eine eigene Sprache, das Katalanische. „Tió“ bedeutet auf Katalanisch Holzklotz oder Holzscheit. „Caga“ (ausgesprochen „KA-ga“) heißt „kack“. Caga Tió bedeutet also „Kack, Klotz“. Der eigentliche Name ist Tió de Nadal, „Weihnachtsklotz“. Caga Tió ist der Spitzname, der vom Lied kommt.

Für die Kinder ist der Tió in der Adventszeit ein Teil der Familie. Er wohnt in der Küche oder im Wohnzimmer, bekommt jeden Tag zu essen und wird zugedeckt. Am Ende bedankt er sich dafür mit Geschenken.

Wie sieht der Tió aus?

Der Tió ist heute ein Stück Baumstamm, ungefähr so lang wie ein Unterarm. Vorne hat er ein gemaltes Gesicht mit großen Augen, roter Nase und einem lächelnden Mund. Vorne unten hat er zwei kleine Beine aus Ästen, damit er schräg steht und den Kopf hebt. Auf dem Kopf trägt er eine Barretina (ausgesprochen „ba-re-TI-na“). Das ist eine rote Wollmütze, die früher die Bauern und Fischer in Katalonien trugen. Sie gilt bis heute als Zeichen für Katalonien. Über dem Rücken liegt eine Decke.

Früher sah der Tió viel einfacher aus. Er war ein dicker, runder Baumstumpf oder ein Wurzelstück, oft mit Löchern im Holz, und hatte kein Gesicht. Die Familien suchten sich im Wald gern ein Stück mit einem natürlichen Loch aus, damit man es mit Süßigkeiten füllen konnte. Erst in neuerer Zeit wurde aus dem groben Holzstück eine kleine Figur, die fast wie ein Mensch aussieht, mit Augen, Nase, Mund und Mütze.

Woher kommt der Caga Tió?

Der Caga Tió kommt von einem alten Brauch, bei dem in der Weihnachtszeit ein großer Holzklotz im Kamin brannte. Vor sehr langer Zeit legten die Familien in den Tagen vor Weihnachten einen dicken Baumstamm in die Feuerstelle. Diese Tage waren die kältesten des Jahres. Der Klotz brannte lange und wärmte das ganze Haus. Für die Familien war diese Wärme sehr wertvoll. Deshalb wurde der Klotz mit der Zeit etwas Besonderes. Man stellte sich vor, dass er nicht nur Wärme, sondern auch Gaben bringt, nämlich Süßigkeiten, Nüsse und Gebäck für alle im Haus.

Fachleute für katalanische Bräuche sehen im Tió außerdem den Rest eines sehr alten Glaubens. Danach war der Klotz ein Schutzzeichen für die Familie, also ein Gegenstand, der das Haus und die Menschen darin vor Unglück bewahren sollte. Gefeiert wurde er ungefähr zur Wintersonnenwende. Das ist der 21. oder 22. Dezember, der Tag mit der längsten Nacht des Jahres.

Weil heute kaum noch jemand eine offene Feuerstelle hat, verbrennt man den Tió nicht mehr. Früher stellte man ihn beim Feiern neben das Herdfeuer. Heute steht er in einer Ecke der Wohnung, und viele Familien holen jedes Jahr wieder denselben Tió aus dem Keller.

Wann kommt der Tió ins Haus?

Der Tió kommt in den meisten Familien am 8. Dezember ins Haus. An diesem Tag feiert die katholische Kirche das Fest der Unbefleckten Empfängnis Marias, in Katalonien „la Puríssima“ (ausgesprochen „la pu-RI-si-ma“) genannt. In manchen Familien kommt er etwas später, spätestens am 13. Dezember, dem Tag der heiligen Lucia. Manchmal taucht er auch ganz überraschend an einem anderen Tag auf.

Oft gehen Eltern mit ihren Kindern in den Wald und „finden“ dort den Tió. In der Stadt kauft man ihn auf Weihnachtsmärkten. Statt eines echten Baumstamms nehmen manche Familien auch eine alte Holzkiste, einen Hocker oder ein passend geformtes Stück Holz.

Was frisst der Tió?

Der Tió frisst nach dem Brauch Essensreste, Obstschalen, Brotkrumen und andere Kleinigkeiten. Die Kinder legen ihm jeden Abend etwas zu essen hin und oft auch etwas zu trinken. Am nächsten Morgen ist das Essen verschwunden. Für die Kinder ist das der Beweis, dass der Holzklotz lebt. In Wirklichkeit haben die Eltern es heimlich weggeräumt.

Damit der Tió in der kalten Zeit nicht friert, deckt man ihn mit einer Decke zu. Je besser die Kinder für ihn sorgen, desto mehr bringt er. Der Brauch zeigt also, dass man sich gut um jemanden kümmert und dafür später etwas zurückbekommt.

Warum schlagen die Kinder den Tió?

Die Kinder schlagen den Tió, damit er die Geschenke herausgibt. Nach dem Brauch hat der Tió in den Tagen vorher so viel gefressen, dass er an Weihnachten etwas loswerden muss. Mit dem Klopfen der Stöcke hilft man ihm dabei. Es ist also kein Bestrafen, sondern ein Spiel mit festen Regeln. Auf Katalanisch heißt dieses Spiel „fer cagar el tió“ (ausgesprochen „FER ka-GA el ti-O“), „den Tió kacken lassen“.

Nach dem alten Brauch passierte das in der Nacht vor Weihnachten, während die Familie auf die Mitternachtsmesse wartete. Diese Messe heißt in Katalonien Missa del Gall (ausgesprochen „MI-sa del GALJ“), „Hahnenmesse“. Bevor es losging, stellte man den Tió neben das Feuer und segnete ihn, zum Beispiel mit ein paar Tropfen Wein oder mit einem Gebet. Heute machen viele Familien das am Heiligabend, andere erst am Mittag oder am Abend des 25. Dezember.

Wie läuft das Schlagen ab?

So läuft es meistens ab. Zuerst schicken die Eltern die Kinder in ein anderes Zimmer. Dort sollen sie ein Gebet sprechen oder Lieder singen, damit der Tió viele Geschenke bringt. Ein langes Lied dafür heißt „Parenostre del tió“ (ausgesprochen „pa-re-NOS-tre del ti-O“), „Vaterunser des Tió“. Es soll den Kindern die Wartezeit verkürzen. Oft fragen sie dabei ungeduldig, ob der Tió schon gekackt hat. Währenddessen legen die Eltern heimlich Süßigkeiten und kleine Geschenke unter die Decke. Dann kommen die Kinder mit Stöcken zurück, klopfen auf den Tió und singen. Danach hebt eines der Kinder die Decke an und schaut nach. Meistens wiederholt man das mehrmals, bis der Tió nichts mehr hat.

Wie geht das Lied für den Tió?

Das Lied für den Tió gibt es in vielen verschiedenen Fassungen. Weil der Brauch in jeder Familie gefeiert wird, singt fast jede Familie es ein bisschen anders. Eine sehr bekannte Fassung lautet so.

Caga tió, avellanes i torró,
no caguis arengades, que són massa salades,
caga torrons, que són més bons.
Caga tió, ametlles i torró,
i si no vols cagar, et donaré un cop de bastó.
Caga tió.

Die erste Zeile spricht man ungefähr so aus: „KA-ga ti-O, a-be-LJA-nes i tur-RO“. Auf Deutsch heißt das Lied ungefähr so. „Kack, Klotz, Haselnüsse und Torró. Kack keine Heringe, die sind viel zu salzig. Kack Torró, der ist besser. Kack, Klotz, Mandeln und Torró, und wenn du nicht kacken willst, kriegst du einen Schlag mit dem Stock. Kack, Klotz.“

Torró (ausgesprochen „tur-RO“), auf Spanisch Turrón (ausgesprochen „tur-RON“), ist eine Weihnachtssüßigkeit aus Mandeln, Honig, Zucker und Eiweiß. Es gibt ihn hart, mit ganzen Mandeln, und weich, so ähnlich wie Nougat. Die Mehrzahl heißt auf Katalanisch Torrons (ausgesprochen „tur-RONS“).

Was bringt der Tió?

Der Tió bringt vor allem Süßigkeiten und kleine Geschenke. Früher waren das Torró, Haselnüsse, Mandeln, Bonbons und Neules (ausgesprochen „NEU-les“). Das sind dünne, gerollte Waffeln, die man in Katalonien an Weihnachten isst. Nach dem Brauch kann der Tió nur Dinge bringen, die ungefähr so groß sind wie er selbst. In vielen Familien bringt er heute aber auch richtiges Spielzeug.

In manchen Gegenden Kataloniens bringt der Tió zum Schluss eine Rabassa (ausgesprochen „ra-BA-sa“). Das ist ein ringförmiger Kuchen, den Paten ihren Patenkindern zu Weihnachten schenken. Die großen Geschenke bringen in Katalonien meistens erst die Heiligen Drei Könige in der Nacht zum 6. Januar, so wie im übrigen Spanien. Mehr über sie erfährst du in unserem Artikel Heilige Drei Könige: Wer waren sie und warum bringen sie Geschenke?.

Woran merkt man, dass der Tió fertig ist?

Man merkt, dass der Tió fertig ist, wenn er etwas bringt, das man nicht essen möchte. Oft ist das ein stark gesalzener Hering, eine Zwiebel, eine Knoblauchzehe, ein Stück Kohle oder ein bisschen Asche. Manchmal „pinkelt“ er auch auf den Boden, dann liegt dort eine kleine Pfütze Wasser. In manchen Familien hört er einfach auf. Dann wissen alle, dass er nichts mehr hat und nicht weiter geschlagen werden soll.

Der Hering kommt aus dem Lied, in dem die Kinder ihn ausdrücklich bitten, keine salzigen Heringe zu bringen. Dass er am Ende doch einen bringt, ist ein Scherz. Außerdem soll man den Tió nicht zu oft schlagen, denn nach dem Brauch könnte er sonst austrocknen.

Wo gibt es den Tió?

Den Tió gibt es vor allem in Katalonien, aber er heißt nicht überall gleich. In vielen Gegenden um Barcelona, Vic und im Penedès heißt er Tió de Nadal. In den Pyrenäen, dem Gebirge an der Grenze zu Frankreich, hat er andere Namen. Dort heißt er zum Beispiel Tronca de Nadal (ausgesprochen „TRON-ka de na-DAL“), Soca (ausgesprochen „SO-ka“) oder Rabassa. Im Tal Val d’Aran (ausgesprochen „wal da-RAN“), in dem eine eigene Sprache gesprochen wird, heißt er Tidún de Nadau (ausgesprochen „ti-DUN de na-DAU“).

Heute gibt es den Tió nicht mehr nur in den Familien. Auch Schulen, Kindergärten und ganze Orte feiern ihn. Dann steht auf einem Platz ein besonders großer Tió, und viele Kinder schlagen gemeinsam auf ihn und singen das Lied ihres Ortes. Zur Belohnung bringt er Süßigkeiten für alle.

Gibt es den Tió wirklich?

Den Tió als lebendigen Holzklotz, der frisst und Geschenke bringt, gibt es nicht wirklich. Das Essen räumen die Eltern weg, und die Geschenke legen sie heimlich unter die Decke. Trotzdem ist der Tió für die Kinder in Katalonien eine der wichtigsten Gestalten der Weihnachtszeit. Viele Familien halten an ihm fest, obwohl inzwischen auch der Weihnachtsmann in Katalonien bekannt ist, denn der Tió gehört nur zu ihrer Heimat.

Zum Weiterdenken

Der Tió zeigt, wie aus etwas ganz Alltäglichem ein Weihnachtsbrauch werden kann. Früher war er nur ein Stück Holz, das die Familie in der kältesten Zeit des Jahres wärmte. Heute ist er eine Figur, die man pflegt und füttert und die dafür selbst Geschenke bringt. Warum war wohl gerade das Holz für das Feuer so wichtig für die Menschen? Und was würdest du einem Tió zu fressen geben?

Jetzt selbst ausprobieren

Bau dir deinen eigenen Tió aus einem Holzscheit, damit er ab dem 8. Dezember bei dir einziehen kann. Wie das geht, steht in der Anleitung Tió basteln. Für die Weihnachtskrippe gibt es in Katalonien außerdem eine kleine Figur, den Caganer (ausgesprochen „ka-ga-NE“). Wie du ihn aus Modelliermasse formst, zeigt die Anleitung Caganer basteln.

Quellen: Diputació de Barcelona, Gènius: Tió de Nadal, Festes.org: Der Tió, Diputació de Barcelona: Weihnachtstraditionen in Katalonien, Pedres de Girona: Der Tió

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